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München - Der VfB Stuttgart hat die Reißleine gezogen. Sportvorstand Michael Reschke muss seinen Platz für Thomas Hitzlsperger räumen. Ein wesentlicher Grund ist Reschkes Transferbilanz.

Am Dienstagmittag war Schluss. In einer Pressemitteilung verschickte der VfB Stuttgart die Nachricht, dass Sportvorstand Michael Reschke von seinen Aufgaben entbunden und durch Thomas Hitzlsperger ersetzt worden ist.

"Michael Reschke war als verantwortlicher Sportvorstand maßgeblich daran beteiligt, dass unsere Mannschaft als Aufsteiger einen hervorragenden siebten Platz in der vergangenen Bundesligasaison erreicht hat", schickte der Klub Reschke hinterher.

"Dazu hat er mit seiner Expertise und seinem Netzwerk für eine Saisonplanung für 2018/19 gesorgt, von der wir alle überzeugt waren. Leider hat seine Arbeit bislang nicht den gewünschten sportlichen Erfolg gebracht und der Klassenerhalt in der Bundesliga ist nach den jüngsten Ergebnissen in erheblicher Gefahr."

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Der Aufsichtsrat sei daher "nicht mehr überzeugt davon, dass in der bestehenden Konstellation die notwendigen Kurskorrekturen vorgenommen werden können".

Von ungefähr kommt diese Begründung nicht. 35 Millionen Euro hat Reschke im Sommer 2018 für neue Spieler ausgegeben, nur 16 Millionen Euro eingenommen.

Der Tabellenzweite der vergangenen Rückrundentabelle wollte sich auf hohem Niveau stabilisieren. Doch die Transferbilanz ist ernüchternd. Keiner der Neuzugänge lieferte die Leistung ab, die sich die Stuttgarter von ihnen versprochen hatten. 

Entsprechend angreifbar war die Position Reschkes, der im Winter mit der Ausleihe des Hoffenheimers Steven Zuber und des Berliners Alexander Esswein sowie dem neuen Vereinsrekordtransfer, Innenverteidiger Ozan Kabak (bislang Galatasaray, kam für elf Millionen Euro), das größte Übel abzuwenden versuchte. Doch Stuttgart schwebt auch nach 21 Spieltagen als Tabellen-16. mit mageren 15 Punkten  in akuter Abstiegsgefahr.

Gut anderthalb Jahre war der heute 56-Jährige beim VfB im Amt. Von dem damals zunächst geplanten Jugendstil unter Trainer Hannes Wolf war schnell nichts mehr zu sehen. Denn erst wurde Dennis Aogo (Schalke 04, ablösefrei, elf Spiele in dieser Saison) verpflichtet, ein halbes Jahr später in der Winterpause Mario Gomez - nicht unbedingt zwei Spieler aus der Kategorie "Junge Wilde". 

Gomez weist mit 13 Treffern aus 35 Bundesliga-Spielen seit seiner Rückkehr zwar eine recht ordentliche Quote auf. In der aktuellen Runde kommt der 33-Jährige allerdings nur auf fünf Treffer in 18 Spielen. 

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Viele Neue, wenig Leistung

Neben Aogo verpflichtete Reschke in seinen ersten Tagen damals noch Andreas Beck (Besiktas Istanbul. 2,5 Millionen Euro, zwölf Spiele in der aktuellen Saison, eine Vorlage in dieser Saison) und Santiago Ascacibar (Estudiantes, sechs Millionen Euro, 17 Spiele in dieser Spielzeit). Der Argentinier ist zwar Stammspieler, hat aber Schwächen im Spielaufbau und ist so nicht der erhoffte Impulsgeber nach vorne.

In der Winterpause 2017/2018 holte der VfB neben Gomez auch noch Erik Thommy aus Augsburg und Jacob Brunn Larsen von Borussia Dortmund.

Der Däne galt einst als Wunschspieler von Ex-VfB-Coach Hannes Wolf (jetzt Hamburger SV), hatte aber nur vier Einsätze für den VfB, diese Runde kehrte er zum BVB zurück und startete bei den Schwarz-Gelben durch. Thommy dagegen übertraf die Erwartungen in der Rückserie der vergangenen Saison, konnte seine Leistung in dieser Spielzeit jedoch bisher nicht bestätigen.

Vor dieser Saison kamen Pablo Maffeo (Manchester City, neun Millionen Euro, neun Spiele), Nicolas Gonzalez (Argentinos Juniors, 8,5 Millionen Euro, 20 Spiele, nur zwei Tore/drei Vorlagen, zuletzt mit überflüssiger Roter Karte), Borna Sosa (Dinamo Zagreb, sechs Millionen Euro, sieben Spiele, oft verletzt), Gonzalo Castro (BVB, fünf Millionen Euro, 14 Spiele, ein Tor), Daniel Didavi (elf Spiele, ein Tor, eine Vorlage, häufig verletzt). Lediglich Marc-Oliver Kempf (elf Spiele, ein Tor) gilt als Lichtblick. 

Weinzierl kritisiert Maffeo

Reschke aber versuchte bis zuletzt Zuversicht auszustrahlen - oder eher Zweckoptimismus?

"Wir setzen auf die Tore von Mario Gomez. Er wird wichtige Treffer erzielen", sagte der frühere Technische Direktor des FC Bayern vor dem Rückrundenstart: "Durch die Verpflichtungen von Steven Zuber und Alex Esswein kann Markus Weinzierl nun zudem Anastasios Donis und Nicolas Gonzalez vermehrt auf ihren bevorzugten Positionen in der Spitze agieren lassen." 

In den Stuttgarter Nachrichten zeigte er sich aber auch durchaus selbstkritisch: "Wenn wir alles richtig gemacht hätten, hätten wir mehr Punkte. Es ist doch klar, dass ich somit auch meine eigenen Entscheidungen sehr kritisch hinterfragen muss."

Badstuber-Vertrag wirft Fragen auf

Dazu dürfte auch die kuriose Vertragsverlängerung mit Holger Badstuber zählen. Der Abwehrspieler wollte im vergangenen Sommer weg, fand dann aber keinen Verein und plötzlich verlängerte er - bis 2021. Diese Entscheidung von Reschke verstanden nur wenige.   

Auch bezeichnend für das unglückliche Händchen von Reschke: Jean Zimmer (schon im Sommer 2017), Matthias Zimmermann und Marcin Kaminski wurden von Reschke aussortiert, alle an Fortuna Düsseldorf abgegeben und sind nun dort Stammspieler. Die Fortuna hat in der Tabelle zehn Punkte mehr als die Schwaben.

Reschke war durchaus bewusst, dass die Krise auch an ihm festgemacht wird. "Mein größter Kritiker bin ich selbst. Und wenn sich Transfers und Ideen nicht so entwickeln, wie wir uns das vorstellen, dann nagt das natürlich an mir." 

Mit Markus Weinzierl sollte nach dem missratenen Saisonstart unter Tayfun Korkut alles besser werden. Die Dinge entwickelten sich anders. Sehr gut möglich ist nun, dass Weinzierl Reschke nach dem nächsten Spieltag durch den Ausgang foilgt.  

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