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München - Das jüngste Tief von Borussia Dortmund wirft zwei Fragen auf: Stößt Trainer Lucien Favre an seine Grenzen? Und: Wie steht es um seine Motivationskünste und Robustheit?

Ein Fakt sei vorneweg gestellt. Lucien Favre kann Titel gewinnen.

1985 führte er als intelligenter Spielmacher Servette Genf zur Schweizer Meisterschaft, ehe ihm Pierre-Albert Chapuisat, der Vater von Stephane Chapuisat, rüde in die Kniekehle trat.

Favre erlitt dabei mehrere Knochenbrüche und Bänderrisse. Nach einem zwei Jahre dauernden Zivilprozess, dem ersten in der Geschichte des Schweizer Fußballs, musste Pierre-Albert Chapuisat 5000 Franken zahlen. Favre gelang nach achtmonatiger Verletzungspause ein Comeback, er beendete 1991 schließlich seine Zeit als Fußball-Profi.

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Als Trainer wurde er mit dem FC Zürich 2007 und 2008 sogar zweimal Schweizer Meister, ehe es Favre in die Bundesliga verschlug.

Ähnliche Muster bei früheren Vereinen

Rückblickend ergeben sich bei Favres weiteren Trainerstationen Hertha BSC, Borussia Mönchengladbach und OGC Nizza ähnliche Muster. Nach der Amtsübernahme lieferten seine Mannschaften zunächst famose Leistungen, das Ende war jedoch jeweils ernüchternd.

In Gladbach wirkte Favre zwar länger, führte die Borussia 2015 erstmals nach 37 Jahren sogar wieder in die Champions League. Nur wenige Monate später folgten Absturz und Aus. Nach sechs Auftaktpleiten in der neuen Saison verkündete Favre – gegen den Willen des Präsidiums – seinen Rücktritt.

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Nun also Dortmund. Der Anfang ist bekannt. Eine berauschende Hinrunde. Bis vor kurzem noch sieben Punkte Vorsprung auf den FC Bayern. Die Momentaufnahme: Aus im DFB-Pokal, drohendes Aus im Achtelfinale der Champions League vor dem Rückspiel gegen Tottenham Hotspur und Punktgleichheit in der Bundesliga mit den Bayern. Die Frage stellt sich: Ist Favre auch der richtige Trainer für Big-Points, für Titel, bei Gegenwind?

Analyst statt Motivator

Favre gilt als sensibler Feingeist. Ein Animateur und Menschenfänger wie Jürgen Klopp, der die letzte große Dortmunder Ära prägte, ist er nicht. Auch die Robustheit eines Niko Kovac, der in München schon seine erste große Krise meisterte, ist Favre nicht zu eigen. Beides liegt nicht in Favres Naturell.

Favre bleibe seiner Linie treu und arbeite Spiele immer sachlich auf, sagte Gladbachs Manager Max Eberl zuletzt im CHECK24 Doppelpass über seinen früheren Weggefährten. Es war als Lob gemeint. Über Favres Motivationskünste ist jedoch nichts bekannt.

Favre setzt auf klares Grundkonzept

Der 61-Jährige wirft andere Qualitäten in die Waagschale. Favre ist ein Detailversessener, der auf feinste Nuancen achtet, um seine Spieler besser zu machen. Und er ist ein Taktiktüftler, der auf ein klares, ausgeklügeltes Grundkonzept setzt.

Favre halte immer an seiner Philosophie fest, weil er davon überzeugt sei, sagte Abwehrspieler Dante, der unter Favre in Gladbach und Nizza gespielt hat. Jeder Spieler wisse, was er auf dem Platz zu tun habe.

Ist Favres Spielweise zu ausrechenbar?

Was aber ist, wenn auch die Gegner inzwischen wissen, wie der BVB spielt. Ist Favres Spielweise zu ausrechenbar? Jein. Der Schweizer kann durchaus auf Spielsituationen reagieren. Beim 3:2-Sieg in der Hinrunde gegen Bayern etwa brachte er zur Halbzeit den offensiver agierenden Mahmoud Dahoud im Mittelfeld für Julian Weigl und leitete damit die Wende ein.

Seinen guten Riecher und sein goldenes Händchen hat Favre in der Rückrunde jedoch weitgehend verloren. Im Gegensatz zu den vielen Jokertoren vor der Winterpause traf im Jahr 2019 nur Paco Alcacer als Einwechselspieler – zum am Ende wertlosen 1:2 in Augsburg.

Mit Ausnahme seiner Zeit in der Schweiz hat Favre noch keinen Titel vorzuweisen. Im Gegensatz zu Kovac, der in der vergangenen Saison mit Eintracht Frankfurt im Endspiel gegen die Bayern den DFB-Pokal gewann.

Bei der Bewertung von Favres Arbeit muss natürlich einfließen, dass Dortmunds Kader ganz anders besetzt ist als der der Bayern. Und noch ist die Saison nicht vorbei.

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