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München und Leverkusen - Stefan Kießling gelang 2013 etwas, was nur wenige Fußballer in ihrer Vita haben - ein Phantomtor. Bei SPORT1 erzählt er, wie hart die Zeit danach war.

Es war der 18. Oktober 2013. Topspiel am Freitagabend zwischen der TSG Hoffenheim und Bayer Leverkusen. Eine Partie, die Stefan Kießling sein Leben lang nicht vergessen wird.

Hinterher war von einem Skandal die Rede. Und der Stürmer mittendrin. Was war passiert? Die Werkself hatte in einem geschichtsträchtigen Spiel mit 2:1 gewonnen und über Nacht die Tabellenführung übernommen - durch ein Phantomtor von Kießling.

"Ein Schmunzeln hat es mir damals sicher nicht bereitet. Es gab Beschimpfungen, sogar Drohungen. Das ging schon sehr an meine Psyche und es war damals nicht so einfach", sagt Kießling im Gespräch mit SPORT1. "Heute schmunzle ich darüber, denn inzwischen wurden der Videobeweis und die Torlinientechnik eingeführt. Aber diese Zeit war nicht leicht für mich und meine Familie."

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Das Phantomtor und die Folgen

Die Bilder hat der 35-Jährige immer noch im Kopf. Nach einer Ecke köpfte er in der 70. Minute aus sechs Metern ans linke Außennetz. Der Ball rutschte aber durch ein Loch im Netz ins Tor und verleitete Schiedsrichter Dr. Felix Brych dazu, auf Tor zu entscheiden.

Die Hoffenheimer machten den Unparteiischen noch während der Partie auf diesen Fehler aufmerksam, aber es nützte nichts, Brych blieb bei seiner Tor-Entscheidung zum 2:0. Wenige Tage später kam es zur Gerichtsverhandlung vor dem DFB-Sportgericht. Doch mit der Hoffnung der Kraichgauer war es dann vorbei. Denn das Urteil lautete: kein Wiederholungsspiel.

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"Die Entscheidung mag unter sportlichen Gesichtspunkten unbefriedigend sein, entspricht aber der Regel- und Gesetzeslage. Ein Ausnahmefall im Sinne einer Unerträglichkeit der Tatsachenentscheidung lag nicht vor", sagte der Vorsitzende Richter Hans E. Lorenz damals. Hoffenheims Trainer Markus Gisdol hatte bereits vor der Verkündung mitgeteilt, das Urteil akzeptieren zu wollen, egal wie es ausfalle.

Richter stichelt gegen Kießling

"Jetzt haben Sie ja doch mal eine Einladung vom DFB bekommen", sagte der Richter und spielte damit darauf an, dass Bundestrainer Joachim Löw den Leverkusener bei der Kadernominierung regelmäßig überging.

Am Freitag (Bundesliga: TSG Hoffenheim - Bayer Leverkusen ab 20.30 Uhr im LIVETICKER), wenn die Leverkusener wieder bei der TSG antreten, wird Kießling erstmals seit damals nicht auf dem Rasen stehen, sondern sich das Spiel daheim auf der Couch anschauen.

Denn vergangenen Sommer beendete er nach 12 Jahren im Bayer-Trikot seine aktive Laufbahn. Mit 131 Bundesliga-Toren ist er der zweiterfolgreichste Torschütze in der Vereinsgeschichte von Bayer Leverkusen hinter Ulf Kirsten. In der Saison 2012/2013 wurde Kießling mit 25 Treffern Torschützenkönig.

Kießling würde es heute anders machen

Würde "Kies", wie er genannt wird, das Phantomtor gerne aus seinem Gedächtnis streichen?

"Ich würde es heute anders machen. Vielleicht wäre es besser gewesen, dass man in dem Moment mehr darüber diskutiert hätte. Dass sich der Schiedsrichter von jemand anderem hätte sagen lassen, dass der Ball vom Außennetz ins Tor rollte. Es war ein Bruchteil einer Sekunde. Der Referee konnte das aus dem Spielverlauf heraus gar nicht sehen", erklärt Kießling.

"Es gab die übertragenden Fernsehsender - man hätte ein, zwei Minuten warten können, um das alles aufzuklären. Heute hat man ja so etwas mit dem Videobeweis. Das hätte mir im Nachhinein einiges erspart."

Kießling: Ich habe es nicht gesehen

Damals fühlte sich der Ex-Profi von den Medien unfair behandelt. "Es ging darum, dass viele behauptet hatten, ich hätte die Szene gesehen und hätte es nicht zugegeben. Doch so war es nicht. Ich hatte es wirklich nicht gesehen, dass der Ball durch ein Loch im Netz ins Tor gerollt ist."

Und weiter: "Ich habe damals immer gesagt, dass ich nicht weiß, wie der Ball ins Tor gekommen ist. Er lag natürlich am Ende im Tor. Das war für alle schwierig."

Die Berichterstattung - auch noch Wochen danach - war für Kießling "zwiespältig". Und er sagt auch warum: "Jeder, der sich in die Situation als Spieler hineinversetzen konnte, hat eigentlich positiv in meinem Sinne geschrieben. Andere haben eine entgegengesetzte Auffassung vertreten. Das war dann schwierig. Jeder wusste es irgendwie besser. Ich war damals schon der Meinung, dass die Medien durchaus auch kritikwürdig agiert haben."

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