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München - Mit Frühlingsbeginn will sich Uli Hoeneß intensiv Gedanken machen, ob er als Bayern-Präsident weitermacht. Doch die Entscheidung ist längst gefallen. SPORT1 nennt die Gründe.

Es war einer der bittersten Abende von Uli Hoeneß in seiner Zeit als Präsident des FC Bayern München. Mit zusammengepressten Lippen verließ er schweigend den Audi Dome – umringt von seinen Begleitern, Kameras und Reportern.

Auf der gerade zu Ende gegangenen Jahreshauptversammlung am 30. November 2018 hatte Hoeneß von Teilen der eigenen Anhängerschaft herbe Kritik einstecken müssen, es setzte Pfiffe von der Tribüne, einige Mitglieder trugen Buttons mit der Aufschrift "Not my President". Der Verein war Hoeneß innerhalb eines einzigen Abends fremd geworden.

Entsprechend deutlich fiel zwei Tage später seine Reaktion aus: "So etwas habe ich noch nicht erlebt. Ich hoffe, dass es sich wieder ändert, sonst ist das nicht mehr mein FC Bayern."

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Rund drei Monate später hat sich die Lage bei Hoeneß – ähnlich wie die sportliche Situation des FC Bayern – wieder beruhigt. "Ich habe gesagt, dass ich im Frühjahr – das beginnt bei mir am 20. März und endet Ende Juni – entscheiden werde, ob ich weitermache oder nicht", kündigte der Patriarch im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 an. Jetzt ist der Frühling da, doch überlegen muss Hoeneß schon lange nicht mehr. Fast alle Argumente sprechen für eine weitere Kandidatur.

Hoeneß will immer noch gestalten

Hoeneß hatte - ebenfalls im Doppelpass - angefügt, erst dann aufzuhören, wenn die Weichen im Verein in seinem Sinne gestellt sind. Davon kann derzeit keine Rede sein. Sportdirektor Hasan Salihamidzic füllt seine Position bei weitem noch nicht so aus, wie Hoeneß es sich wünscht, und sorgte nach dem Spiel gegen Mainz 05 für Aufsehen, als er verkündete: "Mich interessiert nicht, was Uli Hoeneß sagt."

Was wie ein Affront gegen den Präsidenten klang, war letzten Endes nur Ausdruck der nach wie vor eher schwachen Position des Bosniers. Er versucht weitgehend vergebens, sich öffentlich von seinem Mentor freizuschwimmen.

Die Installation von Oliver Kahn im Klub ist außerdem noch nicht unter Dach und Fach. Hoeneß hält auch hier die Zügel in der Hand, er will den Umbau gestalten - auch bei der Mannschaft.

"Wir sind gerade dabei, unsere Mannschaft zu verjüngen. Das ist das größte Investitionsprogramm, das der FC Bayern je hatte", erklärte Hoeneß am Dienstag auf der Bühne der Maklermesse des Dienstleisters Fonds Finanz im Münchner MOC. Heißt: Die Bayern werden im Sommer bei den Spielertransfers so tief in die Tasche greifen wie nie zuvor. Bisher lag der Transferrekord im Sommer 2017/18 bei 116 Millionen Euro für sieben neue Spieler.

Basketballer sind Hoeneß' Herzensprojekt

Zudem wurde Uli Hoeneß Mitte Dezember erneut als Aufsichtsratvorsitzender der FC Bayern München AG bestätigt – für die nächsten vier Jahre. Das Amt war stets in der Hand des jeweiligen Bayern-Präsidenten.

Und da wären noch die Basketballer des FCB. Das Lieblingsprojekt des 67-Jährigen steht vor dem nächsten großen Sprung. Die neue Arena im Münchener Olympiapark soll zur Saison 2021/22 fertig sein.

Kaum vorstellbar, dass Hoeneß dann bei der Eröffnung als normaler Fan auf der Tribüne Platz nehmen wird, gilt er doch als geistiger Vater des Mega-Projekts - auch wenn es von Red Bull bezahlt wird und der FC Bayern "nur" Mieter ist.

Rückendeckung reicht über die Arena hinaus

Doch wollen die Fans sich weiterhin von der "Macht-Maschine" Hoeneß "regieren" lassen? Über vereinzelte Pläne in der kritischen Fanszene, bei der kommenden JHV im November einen Gegenkandidaten aufzustellen, schmunzelt man im Hoeneß-Lager. Zu Recht, denn die wahre Basis für Hoeneß' Einfluss sind nicht die Fans in der Südkurve, sondern die vielen Anhänger in der Provinz.

Wer einmal einen Fanklub-Besuch des Präsidenten im Allgäu oder Niederbayern erlebt hat, merkt schnell: Hier ist "der Uli" immer noch ein Star und Hoeneß weiß, wie er mit den Fans umgehen muss. Kein Ortstermin dieser Art endet ohne das obligatorische Versprechen einer kostenlosen Wurstlieferung aus der Fabrik seiner Kinder. Wenn Hoeneß dann mit dem Schal des jeweiligen ortsansässigen Fanklubs für Fotos posiert, ist Jubel garantiert. Und es sind genau diese Fans, die ihre Mitgliedschaft ernst nehmen und die Jahreshauptversammlungen besuchen.

Hoeneß gibt sich geläutert

Die Skeptiker unter den Ultras bezirzte der Präsident zudem am 119. Geburtstag des FC Bayern, indem er deren Verdienste rund um die Geschichte des Klubs ausdrücklich lobte.

Auch dass er nach der Ausbootung von Thomas Müller, Jerome Boateng und Mats Hummels durch Bundestrainer Joachim Löw besonnen reagierte, kam bei Hoeneß' Kritikern gut an. Ohnehin hat sich der 67-Jährige seit dem stürmischen Herbst öffentlich auffällig rar gemacht. Nachdem er sich für die Art und Weise der berühmt-berüchtigten Krawall-Pressekonferenz entschuldigte, schwieg er lange Zeit, ehe er im Doppelpass einen aufgeräumten Auftritt hinlegte.

Susi Hoeneß die einzige Hürde

Die einzige unbekannte Variable in Hoeneß' Plänen ist Ehefrau Susi. Als im Doppelpass alle Gäste mitteilten, sie könnten sich nicht vorstellen, dass Hoeneß aufhöre, lächelte dieser und sagte: "Meine Frau schon ..." Susi hielt ihm in all den Jahren stets den Rücken frei und stand auch in Zeiten von Daum-Affäre und Steuerverfahren zu ihrem Mann. Der Gatte weiß, was er ihr schuldig ist, und gemeinsame Zeit ist ein seltenes Gut.

Allerdings ist Hoeneß mittlerweile ohnehin zuhause präsenter als noch vor seiner Zeit im Gefängnis. Die Geschäfte in der Wurstfabrik leiten seine Kinder und die Sonntage gehören grundsätzlich der Familie und vor allem den Enkelkindern. Wenn Hoeneß sich also zur Kandidatur entscheidet, dürfte er bei Susi zwar nicht für Begeisterung sorgen, letzten Endes stünde sie aber hinter seiner Entscheidung.

Hoeneß' berühmter Satz "Das war's noch nicht!" gilt also weiterhin. Der Patron vom Tegernsee wird im kommenden November als alter und neuer Präsident des FC Bayern den Audi Dome verlassen. Und diesmal nicht mit zusammengepressten Lippen, sondern mit einem Siegerlächeln.

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