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München - Hertha BSC steckt in der Krise. Zum ersten Mal wird auch der Wind für Trainer Pal Dardai etwas schärfer. Ein Landsmann von ihm sorgt sich bei SPORT1.

In Berlin herrscht Alarmstufe Rot! Wieder verspielt die Hertha eine gute Ausgangslage und ist spätestens nach dem 0:2 bei der TSG Hoffenheim vorzeitig raus aus dem Kampf um die begehrten Plätze.

Bei Fans und Verantwortlichen herrscht Ratlosigkeit: Wie konnte es dazu kommen? Cheftrainer Pal Dardai war all die Jahre unantastbar, doch inzwischen scheint auch seine Position nicht mehr sicher zu sein.

Warum? Man muss sich nur mal die nackten Zahlen anschauen, um zu begreifen, was bei Hertha BSC seit vier Jahren los ist.  Seit der Saison 2015/2016, der ersten regulären Spielzeit unter Trainer Pal Dardai, war der Hauptstadtklub in der Rückrunde fast immer schlechter als in der Hinserie.

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Der Ungar übernahm die Alte Dame im Februar 2015 auf dem 17. Platz, rettete den Klub und man lief schließlich auf Rang 15 ein. 2016 wurde aus Platz drei der siebte Rang, ein Jahr später verschlechterte man sich von Rang fünf auf sechs. Lediglich in der vergangenen Saison hieß die Platzierung in beiden Halbserien Platz zehn.

Negativ-Trend der Hertha

In der aktuellen Runde ist der Abwärtstrend besonders krass. Im Winter belegte die Hertha noch Platz acht und lag aussichtsreich im Kampf um einen Europa-League-Platz. Weil in der Rückrunde nur elf Punkte geholt wurden, steckt die Hertha nun zwischen Baum und Borke - auf Platz elf. Als eines der laufschwächsten Teams der Liga (das Team zieht die wenigsten Sprints an) scheinen die Berliner körperlich nicht mehr in der Lage zu sein dagegenzuhalten.  

Ein Insider zu SPORT1: "Wenn sie jetzt nicht bald die Kurve kriegen, dann könnte es im Sommer zur Trennung von Pal kommen." Einige Spieler sollen schon moniert haben, dass die Arbeitsabläufe immer wieder die gleichen sind. Die große Frage nach vier Jahren mit Dardai: Gibt es Abnutzungserscheinungen in der Wohlfühloase?

"In der Vorrunde war alles top, aber es fehlt offenbar die Konstanz, um die ganze Saison so zu spielen", sagt Herthas Torwart-Legende Gabor Kiraly (1997 bis 2004) im Gespräch mit SPORT1. "Man muss auch langfristig die Qualität haben. Es ist keine leichte Situation in Berlin, es gibt auch einige verletzte Spieler. Einige dürfen sich nicht nur nach einigen guten Partien feiern lassen. Bei der Hertha hatten sie erst Erfolg und waren dann zu bequem."

Kiraly spielte sieben Jahre zusammen mit Dardai bei der Hertha. Aktuell steht der 43-Jährige beim ungarischen Erstligisten Haladás Szombathely im Kasten.  

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Bei den Zielen uneins

In der Vorrunde war bei den Berlinern noch alles gut. Der FC Bayern wurde im Olympiastadion mit 2:0 besiegt und bei Borussia Dortmund erreichte die Hertha ein respektables 2:2. Auch Eintracht Frankfurt, die Überraschung der Saison, wurde daheim mit 1:0 bezwungen, gegen Gladbach gab es ein spektakuläres 4:2. Doch der Schein trog - denn schon vor der Saison herrschte intern nicht immer Einigkeit über die Saisonziele.

Geschäftsführer Michael Preetz, der sich am Montag auf SPORT1-Nachfrage mit Verweis auf die Spieltags-Pressekonferenz am Donnerstag nicht zur aktuellen Situation äußern wollte, liebäugelte mit dem Saisonziel Europa, der Verein sollte weitere Schritte nach vorne gehen.

"Natürlich kannst du von Europa träumen, aber dann musst du auch in die Mannschaft investieren", meint Kiraly. Wichtig sei, "welchen Weg man wählt und darüber muss zwischen Preetz und Dardai Einigkeit herrschen."

Widmayer verlässt die Hertha

Der Abwärtstrend begann im Januar. Und da sorgte eine Personalie für etwas Unruhe, als der VfB Stuttgart bekannt gab, dass Herthas langjähriger Co-Trainer Rainer Widmayer im Sommer zu seinem "Heimatverein" zurückkommt. Die Schwaben wollten den 52-Jährigen schon im vergangenen Sommer, doch da bekam Widmayer keine Freigabe von Preetz. 

Widmayer ist sehr beliebt in der Mannschaft und war mehr als nur der Assistent des Cheftrainers. Seit der Bekanntgabe des Wechsels war bei der Hertha irgendwie der Wurm drin, was auch am Verletzungspech lag. Die zurückliegenden fünf Partien wurden allesamt verloren. 

Noch lächelt Dardai die Krise weg. "Ich mache meinen Job mit Spaß. Ich habe jeden Tag Spaß, so lange ich das Vertrauen der Spieler, des Managers und des Präsidenten habe. Wenn das nicht da ist, will man das hören. Dann muss man sich zusammensetzen und reden", sagte der 48-Jährige. Das Vertrauen in seine Arbeit sei weiter vorhanden.

"Ich habe vom Manager noch nicht gehört, dass er mit mir unzufrieden ist. Wenn das so ist, muss er es sagen. Ich erwarte ehrliche Kritik und komme damit klar."

"Pal muss Lösungen finden"

Kiraly weiß um den Ernst der Lage. "Pal ist noch ein junger Trainer, er hat seinen eigenen Style und lernt immer noch dazu. Keiner ist zufrieden mit dieser Situation und Pal muss jetzt Lösungen finden", sagt Kiraly. "Ich bin davon überzeugt, dass er weiter das Beste für die Hertha will. Ob er sich abnutzt, kann ich nicht sagen. Ein Alex Ferguson war aber auch 27 Jahre bei Manchester United und hatte sicher auch solche Negativ-Phasen wie jetzt Pal."  

Für den Kult-Keeper ist die entscheidende Frage, wie schnell Hertha nach Europa will. "Will man das mit Pal, dann braucht man auch Geduld oder man investiert in neue Spieler." Wichtig sei eine Strategie. "Pal braucht weiter die volle Unterstützung."

Kriegt er die von den Bossen? Bei der Hertha sind einige Herren in der Chefetage nervös. Zuletzt sorgte die Nachricht, dass die Wohnungsgesellschaft das Gelände neben dem Olympiastadion nicht freigeben wird, nicht unbedingt für Ruhe. 27 Wohnungen (mit 80 Anwohnern) sollten geräumt werden, damit dort das neue Stadion gebaut werden kann. 

Doch inzwischen hat die Hertha auch den Senat nicht mehr komplett hinter sich. 

Am Sonntag kommt es zum Krisen-Duell zu Hause gegen Hannover 96 (18 Uhr im LIVETICKER). Wenn da nicht gewonnen wird, dürfte die Berliner Luft für Dardai immer dünner werden.

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