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Mainz - Mainz 05 trifft auf Borussia Dortmund und will mutig sein. Zuvor empfing Sandro Schwarz SPORT1 zum Interview - wobei er nicht nur sportliche Einblicke gibt.

Mit Mainz 05 steht Trainer Sandro Schwarz vor dem Klassenerhalt.

Bei noch sechs verbleibenden Spielen trennen den FSV bereits zwölf Punkte vom Relegationsplatz. Auch ein Verdienst von Schwarz, dem gebürtigen Mainzer mit italienischen Wurzeln, der im Mai 2017 zum Cheftrainer befördert wurde. Zuvor trainierte er die U23 der 05er. Am Samstag gastiert er mit seiner Elf bei Borussia Dortmund - und will dort keinesfalls zum Kanonenfutter werden.

Das SPORT1-Interview über einen Verein, der im verrückten Fußball-Zirkus noch herrlich normal wirkt und einen Trainer, der über den Tellerrand blickt (Bundesliga: Borussia Dortmund - FSV Mainz 05, Sa. ab 18.30 Uhr im LIVETICKER).

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SPORT1: Herr Schwarz, warum tragen Sie fast immer eine Kappe am Spielfeldrand? Ein seltenes Bild in der Bundesliga.

Schwarz: Das liegt daran, dass ich morgens oft keinen Bock habe, mir die Haare zu machen (lacht). Ich habe dicke Haare und sehe dann manchmal etwas verwuschelt aus. Dann ziehe ich mir einfach die Mütze auf. Das ist aber kein Markenzeichen. Von so etwas halte ich nichts.

SPORT1-Reporter Florian Plettenberg traf Sandro Schwarz in Mainz
SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg traf Sandro Schwarz in Mainz © SPORT1

SPORT1: Was müssen denn die Markenzeichen eines Trainers von Mainz 05 sein?

Schwarz: Man muss vor allem die Idee von Fußball leben, für die Mainz 05 steht: Vorwärtsverteidigen, aktiv sein. Die Basis hat Wolfgang Frank gelegt. Jürgen Klopp, Thomas Tuchel und die nachfolgenden Kollegen haben diese Idee weiterentwickelt.

SPORT1: Warum sind Sie Trainer geworden?

Schwarz: Mir hat es auch schon immer Spaß gemacht, Dinge zu analysieren. Hinzu kam Wolfgang Frank. Ihn als junger Spieler erlebt zu haben, war unfassbar. Man saß zu Hause und hatte immer das Gefühl, dass er neben dir sitzt und beobachtet, was du gerade machst. Mit seinen Anweisungen konnte man auch mit weniger Talent sehr viel erreichen. Mit seiner Art Fußball zu spielen und seiner Mannschaftsführung hat er mich geprägt. Das war der Ursprung. Unter Jürgen Klopp habe ich dann angefangen, die Trainingseinheiten aufzuzeichnen.

Dortmund wird eine maximale Herausforderung

SPORT1: Das Menschliche spielt auf der Mainzer Trainerbank auch eine Rolle, oder?

Schwarz: Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man offen sein, auf die Menschen zugehen und alle mitnehmen muss. Man muss den Leuten erklären, wie wir spielen und miteinander umgehen wollen. Hier muss man aber auch die Bereitschaft haben, schwierige Momente zusammen zu überstehen. Das haben vor allem Wolfgang Frank und Jürgen Klopp extrem vorgelebt.

SPORT1: Apropos mitnehmen: Wie viele Punkte entführt Mainz am Samstag aus Dortmund?

Schwarz: Für uns wird es eine maximale Herausforderung, dort zu bestehen. Sie haben zwar fünf Stück gegen die Bayern bekommen, aber werden den Anspruch haben, eine Reaktion zu zeigen - mit einer Energieleistung und dem Publikum im Rücken. Darauf und auf ihre überragende individuelle Qualität müssen wir uns einstellen. Sie können zudem Deutscher Meister werden, das ist die größte Motivation überhaupt.

Sandro Schwarz (r.) war bei Mainz 05 erst, Teamkollege dann Schützling von Jürgen Klopp
Sandro Schwarz (r.) war bei Mainz 05 erst Teamkollege dann Schützling von Jürgen Klopp © Imago

SPORT1: Sie sprechen gerne über Taktik. Verraten Sie uns Ihren Matchplan?

Schwarz: Nur weil wir der Underdog sind, werden wir nicht unbedingt tief stehen. Wir wollen mutig sein. Wir haben auch in solchen Spielen den Anspruch, mit dem Ball Lösungen zu haben. Gegen Dortmund brauchen wir ein gutes Anlaufverhalten, Kompaktheit und ein gutes Umschaltspiel. Das ist auch der einfachste Weg für Mannschaften, die nicht die individuelle Qualität der Top-Teams haben, um Chancen zu kreieren.

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"Wir brauchen keine großen Namen."

SPORT1: Vieles spricht für den Mainzer Klassenerhalt. Was kann mit dieser Mannschaft langfristig erreicht werden?

Schwarz: Wir denken nicht in plakativen Fernzielen – im Mittelpunkt steht für uns die Entwicklung der Mannschaft, unseres Fußballs. Grundziel wird für Mainz 05 immer erstmal sein, die Klasse zu halten, aber wenn es herausragend läuft, dann gerne mehr. Es ist jedenfalls nicht verboten, weiter zu punkten und fußballerisch den nächsten Schritt zu machen. Aber etwas wie Europa als Ziel auszugeben? Für uns ist das extrem schwierig.

SPORT1: Im Kader der Mainzer vermisst man den so genannten großen Namen. Fehlt Mainz ein solches Aushängeschild?

Schwarz: Es geht nicht um große Namen, es geht um Qualität. Von unserer Kaderstruktur her ist es wichtig, dass wir Spieler haben wie Stefan Bell, Niko Bungert oder Daniel Brosinski, die schon länger dabei sind. Dazu haben wir extrem viele Spieler aus dem eigenen NLZ bei uns – plus Toptalente aus dem Ausland wie Jean-Philippe Mateta, Moussa Niakhaté, Aarón Martín, Pierre Kunde Malong und Jean-Philippe Gbamin. Diese drei Säulen brauchen wir und müssen sie verbinden.

Gbamin-Wechsel nicht ausgeschlossen

SPORT1: Sind Sie zuversichtlich, Gbamin halten zu können?

Schwarz: Ehrlich gesagt mache ich mir darüber im Moment überhaupt keine Gedanken. Es kann sein, dass er im Sommer geht und für sich entscheidet, den nächsten Schritt gehen zu wollen. Dann gebe ich ihm die Hand, schaue ihm in die Augen und wünsche ihm alles Gute. Ich habe keine schlaflosen Nächte darüber, wer uns im Sommer verlassen könnte. Man muss natürlich aufpassen, dass man nicht zu viele Spieler verliert, es muss immer eine gute Balance aus Alt und Neu ergeben. Aber das ist wie gesagt aktuell überhaupt kein Thema für mich.

SPORT1: Hat Sie Didier Deschamps eigentlich schon angerufen?

Schwarz: Nein (lacht).

SPORT1: Bei der Entwicklung von Mateta liegt das aber nahe, oder?

Schwarz: Alles zu seiner Zeit - er ist noch mitten in der Entwicklung und in der U21-Nationalmannschaft für den Moment optimal aufgehoben. Er hat vor einem Jahr in der zweiten französischen Liga bei Le Havre gespielt und jetzt in seinem ersten Bundesliga-Jahr zehn Tore gemacht. Deshalb jetzt schon über die französische A-Nationalmannschaft zu sprechen, ist meines Erachtens noch zu früh, auch wenn Jean-Philippe immenses Potenzial hat. Sie sind Weltmeister, eine komplett andere Hausnummer. Deschamps wird das mit Sicherheit auch so sehen.

Jean-Philippe Mateta ist bei Mainz 05 voll eingeschlagen
Jean-Philippe Mateta ist bei Mainz 05 voll eingeschlagen © Getty Images

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Kontinuität ist bei Mainz 05 wichtig

SPORT1: Würden Sie eigentlich einen Spieler verpflichten, der qualitativ top, aber menschlich schwierig ist?

Schwarz: Unsere Neuzugänge müssen nicht alle die perfekten Schwiegersöhne sein. Man wägt dann ab: Wenn er fußballerische Qualität hat, in unser sportliches Profil passt und sich charakterlich in einem Rahmen bewegt, dass er in der Team-Struktur funktionieren kann, spricht nichts gegen eine Verpflichtung. Er muss außerdem natürlich bezahlbar sein (lacht).

SPORT1: Da käme Sportvorstand Rouven Schröder ins Spiel. Es gab Gerüchte um ein Gladbacher Interesse an ihm, am Donnerstag hat sich Schröder zu Mainz 05 bekannt. Wie wichtig ist sein Verbleib?

Schwarz: Es ist immer wichtig, im Verein auf solchen Führungspositionen Kontinuität zu haben und das hat Mainz 05 auch immer ausgezeichnet. Solche Köpfe, die den Verein leben und eine Struktur aufbauen, brauchen wir. Deswegen ist es gut, dass Rouven da ist und bleibt. 

Anonymes Beleidigen eine furchtbare Entwicklung

SPORT1: Themenwechsel. Sie haben die Netflix-Serie "Tote Mädchen lügen nicht" geschaut, wo es um Mobbing geht. Ein Thema, das sie beschäftigt.

Schwarz: Mobbing ist ein schwieriges Thema in dieser Gesellschaft, das dank der sozialen Medien noch mal eine neue Dimension kriegt. Bei uns war das alles nicht so schlimm als wir selbst noch gespielt haben. Kritik gehört immer dazu, der müssen wir uns auch stellen. Das gehört zum Beruf, auch als Cheftrainer. Es darf aber nie verletzend sein. In der virtuellen Welt von heute wird das aber oft missachtet. Hinter der Tastatur und im Schutz der Anonymität des Internets kritisieren viele Menschen viel aggressiver und härter als sie es von Angesicht zu Angesicht tun würden. Dass es überhaupt möglich ist, Menschen anonym beleidigen und verletzen zu können, ist für mich eine furchtbare Entwicklung. 

SPORT1: Viele Ihrer Trainer-Kollegen reagierten am vergangenen Spieltag gegenüber den Medien sehr dünnhäutig. Können Sie das nachvollziehen?

Schwarz: So etwas entsteht ja meistens aus einer Negativserie heraus und in bestimmten Drucksituationen. Ich kann aber nur darüber sprechen, wie es hier ist. Wenn die Ergebnisse über einen längeren Zeitraum fehlen ist es wichtig, wie die Klub-Verantwortlichen damit umgehen - vor allem dem Trainer gegenüber. Dann muss man die Arbeit des Cheftrainers unabhängig von den Ergebnissen bewerten und sich komplett freimachen von der Stimmungslage und den sozialen Medien. Der Fußball muss immer im Mittelpunkt stehen.

SPORT1: Ein gutes Stichwort. Bayern-Trainer Niko Kovac mahnte, sich wieder vermehrt auf den Fußball zu konzentrieren, statt über Nebensächliches.

Schwarz: Man kann über Randthemen berichten, aber man darf sie nicht überbewerten, denn am Ende geht es immer um Menschen. Oft werden alltägliche Nichtigkeiten in den Medien übertrieben aufgebauscht, nur weil sie mit Fußballern in Verbindung gebracht werden. Die Boateng-Party oder der Frisör-Besuch der Dortmunder Spieler werden zu so großen Themen gemacht, dass der Fußball als Nebensächlichkeit empfunden wird. Das darf nicht sein. Davon ab: Es wird so getan, als ob noch niemand nach einem Spiel eine Party veranstaltet hätte oder vor der Arbeit zum Friseur gegangen wäre. Wo leben wir denn? Das ist doch nichts Schlimmes. Fußball ist der Sport, den die Menschen auf dieser Welt wohl am meisten lieben und so sollte es bleiben. Es gibt täglich so viele wirklich furchtbare Dinge in der Welt, über die es viel wichtiger wäre zu berichten.

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