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Der legendäre Übersteiger von Jan-Age Fjörtoft (M.) krönte das unvergessene Abstiegskampffinale der Bundesligasaison 1999
Der legendäre Übersteiger von Jan Age Fjörtoft (M.) krönte das unvergessene Abstiegskampffinale der Bundesligasaison 1999 © SPORT1-Montage: Marc Tirl/Imago/Picture Alliance
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20 Jahre Abstiegsdrama: Die turbulenteste Schlussphase in der Geschichte der Bundesliga feiert Geburtstag. Mit dabei: Blut, Schweiß, Tränen, Fjörtofts Übersteiger und Baumanns unglaublicher Fehlschuss.

"Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund." Günther Kochs Worte sind bis heute ein Infernal für jeden Fan des 1. FC Nürnberg.

Sie leiteten den letzten Akt eines Dramas ein, das es so in der Bundesliga noch nicht gab und bis heute auch nicht wiederholt wurde. Koch war die Stimme aus Franken und einer von drei Radio-Reportern, die die Schlusskonferenz des letzten Bundesliga-Spieltags der Saison 1998/99 in die deutschen Wohnstuben transportierten.

Die Ausgangslage versprach schon höchste Dramatik: Fünf Mannschaften konnten noch direkt absteigen, nur Gladbach und Bochum war nicht mehr zu helfen. Eintracht Frankfurt belegte mit 34 Punkten den dritten Abstiegsplatz, davor kämpften Hansa Rostock (35), der SC Freiburg (36), der VfB Stuttgart (36) und der 1. FC Nürnberg (37) noch gegen den Absturz in die zweite Liga. Frankfurt hatte mit minus 14 Treffern zu allem Überfluss auch noch das mit Abstand schlechteste Torverhältnis.

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Stuttgart hatte ein Heimspiel gegen Bremen, Rostock musste zu den abgestiegenen Bochumern, Frankfurt empfing Kaiserslautern und Nürnberg und Freiburg trafen im Frankenstadion aufeinander. Ein Unentschieden hätte dem Club gereicht und nach menschlichem Ermessen auch Freiburg, das ja zwei Punkte und fünf Tore besser dastand als Frankfurt.

Die Ruhe vor dem Sturm

Zur Halbzeit lag der Club zwar 0:2 hinten und war durch die Führungen von Stuttgart (1:0) und Rostock in Bochum (1:0) auf Rang 15 durchgereicht worden - weil es in Frankfurt im Duell des Abstiegs- gegen den Champions-League-Kandidaten noch 0:0 hieß, hatte Nürnberg offenbar nur wenig zu befürchten. Bochum drehte das Spiel gegen Hansa und hatte Chancen im Überfluss, die Partie zu entscheiden und Rostock endgültig Richtung zweite Liga zu schicken.

Eine Viertelstunde vor dem Schluss war es da aus Nürnberger Sicht auch zu verkraften, dass es im eigenen Spiel immer noch 0:2 stand und Frankfurt nur 2:1 führte. Der Eintracht fehlten zehn Minuten vor dem Abpfiff zwei Tore, um den Club noch zu erreichen - an Rostock war Jörg Bergers Mannschaft aber schon vorbeigezogen.

Und plötzlich bricht die Hölle los

Aber plötzlich brach die Hölle los. Victor Agali glich in Bochum aus, Rostock fehlte noch ein Tor zur sicheren Rettung. In der Radiokonferenz des "Westdeutschen Rundfunks" hatte Manni Breuckmann noch nicht zu Ende erzählt, als ihm sein Kollege Dirk Schmitt aus Frankfurt ins Wort fiel. "Tor in Frankfurt. Tor in Frankfurt. 3:1 für die Eintracht… Es heißt 3:1 und jetzt müsste wenigstens die Eintracht hier im Waldstadion den Sieg nach Hause schaukeln."

Im 60-Sekunden-Takt moderierte die Abstiegskonferenz nun, die restlichen Partien des Spieltags wurden zur Randerscheinung, neun Tore bei 1860 München gegen Schalke, sieben bei Hertha gegen Hamburg und Duisburg gegen Wolfsburg: Alles belanglose Nebenkriegsschauplätze. Die Schlachten wurden in Nürnberg, Bochum und Frankfurt geschlagen.

Der Moment, der Frankfurt in Ekstase stürzte: Jan Age Fjörtoft verlädt FCK-Keeper Andreas Reinke per Übersteiger - es steht 5:1
Der Moment, der Frankfurt in Ekstase stürzte: Jan Age Fjörtoft (v.) verlädt FCK-Keeper Andreas Reinke per Übersteiger - es steht 5:1 © Imago

"Tor in Frankfurt. 4:1 für die Eintracht. Bernd Schneider macht den Treffer, Günther (Koch, Anm. d. Red.), und was heißt das? Das heißt, dass Frankfurt jetzt eine Tordifferenz von minus elf hat wie Nürnberg, aber die Eintracht hat mehr Tore erzielt, und nach meiner Rechnung - und ich bin kein großer Mathematiker - ist damit Nürnberg wieder in noch größere Abstiegsgefahr geraten. Also das ist kein Zweikampf mehr, das ist jetzt ein glasharter Dreikampf."

"Ich halt das nicht mehr aus!"

Die Meldung von Frankfurts unglaublicher Aufholjagd machte in Bochum und Nürnberg die Runde, aber während der Club immer noch wie paralysiert spielte, setzte Hansa den entscheidenden Stoß. Der eingewechselte Slawomir Majak köpfelte ein Flanke ins Bochumer Tor, das waren noch sieben Minuten zu spielen. Rostock damit auf jeden Fall gerettet, Nürnberg und Frankfurt spielten den letzten Absteiger unter sich aus.

Wieder ist Breuckmann mittendrin in der Schilderung der Ereignisse aus Bochum, als Günther Koch dazwischen ruft. "Tooor! Tooor! Tooooor! Tor in Nürnberg. Ich pack das nicht. Ich halt' das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen. Aber sie haben ein Tor gemacht. Ich glaube es nicht. Aber der Ball ist drin. Ich weiß nicht wie. Kopfball von Nikl." In Nürnberg sind da 85 Minuten gespielt und der Club wieder gerettet, weil er ein Tor besser dasteht als die Eintracht.

Fjörtofts ungelenkter Übersteiger

Dorthin ging es auch in der Radiokonferenz, wieder mit Dirk Schmitt, es lief die 89. Spielminute "...und sie kommen jetzt wieder mit Christoph Westerthaler in der zentralen Position. Nur Sforza hat er noch vor sich. Dann ist es Fjörtoft, der ist im Strafraum. Und er trifft. Tooor, Toooor für die Frankfurter Eintracht, 5:1. Herrjeh! Welche Leistung! Und damit ist wieder der 1. FC Nürnberg in der zweiten Liga..." Frankfurt hatte einen in seine Einzelteile auseinandergebrochenen FCK überrollt, Fjörtofts Tor war ein Kontertor, abgeschlossen mit dem wohl ebenso unerwartetsten wie wichtigsten Übersteiger der Bundesliga-Geschichte.

Frank Baumann ist fassungslos unmittelbar nach einem der schwärzesten Momente seiner Karriere
Frank Baumann ist fassungslos unmittelbar nach einem der schwärzesten Momente seiner Karriere © dpa picture alliance

Frankfurt war damit wieder gerettet, hatte bei gleicher Punktzahl und gleicher Tordifferenz mehr erzielte Treffer als der Club. Der drängte aus purer Verzweiflung jetzt plötzlich doch, ein Tor hätte ja gereicht. Im Frankenstadion lief schon die Nachspielzeit, als Günther Koch ein letztes Mal an der Reihe war - und das Drama standesgemäß auf seinen Höhepunkt zusteuerte. Ein letzter Nürnberger Angriff, ein letzter Versuch. Wieder von Nikl, der den linken Pfosten traf. Der Abpraller hüpfte zurück ins Spielfeld, direkt vor die Füße von Frank Baumann...

Baumann trifft das halbleere Tor nicht

"Hallo, hier ist Nürnberg, wir melden uns vom Abgrund. Nürnberg 1:2. So wie Bayern wegen des linken Torpfostens in Barcelona verloren hat, steigt der Club ab, wenn er absteigt, wegen des linken Torpfostens vor der Nordkurve. Nikl drosch den Ball an den Pfosten. Er war nicht zu erreichen. Torhüter Golz flog durch die Luft. Der Ball klatscht vom Pfosten zurück und ging nicht ins Tor, sondern vor die Füße von Frank Baumann. Frank Baumann bringt dann aus sechs Metern den Ball nicht im Tor unter und so steht es nach wie vor nur 1:2."

Baumanns Versuch vor dem halbleeren Tor landete in den Armen von Richard Golz. Sekunden später war das Spiel in Nürnberg aus. In Frankfurt wurde noch gespielt, in Bochum auch. Abpfiff im Waldstadion, die Eintracht ist gerettet. Nur ein Glückstor in Bochum konnte den Club jetzt noch retten und stattdessen Hansa in die zweite Liga befördern. Aber dann auch hier: Schluss, Aus, vorbei.

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"Das ist wie bei einem Sterbefall"

Frankfurt holte auf wundersame Weise drei Punkte und fünf Tore auf, Trainer Jörg Berger und Last-Minute-Torschütze Jan Age Fjörtoft wurden auf Schultern durch das Waldstadion getragen, in Bochum feierte Oliver Neuville mit Turban und blutverschmierten Gesicht die Rostocker Rettung. Und der Club? Krachte von Platz zwölf auf Rang 16. "Liebe Clubberer, es tut mir leid. Das musste nicht sein. Das musste nicht sein", endete Kochs Reportage.

Der Club hatte seine Fans vor dem Spiel schon über die Ticketpreise der neuen Bundesliga-Saison informiert und war aus heiterem Himmel erwischt worden. "Wir waren fast gesund und sind plötzlich verschieden", wählte Abwehrspieler Knut Reinhard drastische Worte. "Das ist wie bei einem Sterbefall."

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