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Nach dem Rassismus-Eklat scheint ein Rücktritt des mächtigen Clemens Tönnies beim FC Schalke 04 unausweichlich - mit welchen Folgen für den Verein?

"Unser Rudi ist doch in jedes Fettnäpfchen voll reingetappt."

Diese Worte sprach Clemens Tönnies im Jahr 2006 in einem FAZ-Interview über Rudi Assauer, den damaligen Strippenzieher beim FC Schalke 04. Kurz darauf trat Assauer (im Februar 2019 verstorben) zurück.

Tönnies hatte den Machtkampf gewonnen, den sonst wohl niemand überhaupt erst begonnen hätte. Der Fleischmagnat aus Rheda-Wiedenbrück war und ist ambitioniert - und hat Assauer in Sachen Macht auf Schalke womöglich sogar überholt.

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Doch nun steht der 63-Jährige selbst vor dem Ende bei den Knappen. Dabei bringt ihn nicht nur ein lapidares "Fettnäpfchen" zum Stolpern, sondern eine rassistische Entgleisung, die einen Rücktritt unausweichlich machen sollte.

Ob er deshalb jedoch an Macht verlieren wird, bleibt fraglich - ebenso, welches Vakuum sein Abgang auf Schalke erzeugen würde.

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Tönnies und seine zementierte Macht, die bröckelt

Erst vor gut einem Monat wurde Tönnies von den Schalker Mitgliedern erneut in den Aufsichtsrat gewählt. Von 9568 stimmberechtigten Mitgliedern votierten 5599 für Tönnies. Sein Status als Boss der Königsblauen galt als zementiert.

Zumal er schon immer das Image des bodenständigen Arbeiters pflegte und so bei der Basis Kredit hatte.

Davon zeugt schon seine Schalker Initiationsgeschichte: Als sein Bruder Bernd mit 41 Jahren an den Folgen einer Nierentransplantation starb, soll er Clemens auf dem Sterbebett das Versprechen abgenommen haben, sich um Schalke zu kümmern.

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Zudem demonstrierte Tönnies wiederholt Fannähe, stellte sich beispielsweise an die Pommesbude in Gelsenkirchen-Buer oder ging in den Fanblock der Veltins-Arena. Auch um das Image des wohlhabenden Schnösels abzuschütteln, was einem laut dem US-Magazin Forbes der 100 reichsten Deutschen allerdings schwerfallen dürfte.

Inzwischen ist ein Reichen-Image Tönnies' kleinstes Problem.

Rassistische Aussagen: Asamoah "geschockt", Sarpei "angeekelt"

"Geschockt und auch verletzt" war der langjährige Schalke-Profi und heutige Team-Manager Gerald Asamoah. "Angeekelt" reagierte der ehemalige S04-Profi Hans Sarpei, der auch die Reaktion des Vereins in Person von Sportvorstand Jochen Schneider "schlecht und uninformiert" fand.

Nicht nur die Schalker Fan-Initiative forderte Konsequenzen, und der Ehrenrat des Vereins wird sich nun in seiner Sitzung in dieser Woche mit dem Thema beschäftigen.

Tönnies selbst wird sich am Dienstag vor dem fünfköpfigen Gremium für seine rassistischen Äußerungen auf dem Tag des Handwerks in Paderborn verantworten müssen.

"Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren", hatte der Schalke-Boss in seiner kruden Festrede zum Thema Klimawandel und Kraftwerkebau in Afrika gesagt.

Schalker Ehrenrat berät über Sanktionen - oder Amtsenthebung

Aussagen, die unvereinbar sind mit Paragraph 2 der Schalker Satzung.

Dort heißt es unter "Zweck und Aufgabe des Vereins": "Der Verein ist parteipolitisch und religiös neutral. Er bekennt sich zu den Grundsätzen der Menschenrechte. Er tritt rassistischen, verfassungs- und fremdenfeindlichen Bestrebungen sowie diskriminierenden oder menschenverachtenden Verhaltensweisen gegenüber anderen Menschen, insbesondere auf Grund ihrer Nationalität, ethnischen Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht, sexuellen Orientierung oder Behinderung, aktiv entgegen. In diesem Sinne ist er insbesondere bestrebt, die soziale Integration ausländischer Mitbürger zu fördern."

Ein Verstoß Tönnies' gegen die Vereinssatzung ist nun Thema für den Ehrenrat: für Prof. Dr. Klaus Bernsmann, Leiter des Lehrstuhls für Straf-und Prozessrecht an der Ruhr-Universität Bochum, Götz Bock Richter am Hessischen Finanzgericht, Hans-Joachim Dohm, evangelischer Pfarrer i.R., Bernhard Terhorst, Steuerberater, und Kornelia Toporzysek, Richterin am Oberlandesgericht Düsseldorf.

Sie können Sanktionen verhängen und sogar des Amtes entheben. Letzterem könnte Tönnies mit einem Rücktritt zuvorkommen. So oder so dürfte angesichts der Schwere der Verfehlung sowie des öffentlichen Drucks eine Demission bevorstehen.

Der gute Draht zu Putin

Doch wie geht es für Schalke 04 weiter, sobald der mächtigste Knappe abgesetzt oder zurückgetreten sein wird?

Mit dem Mann, der Schalke in dessen großer Finanzkrise Anfang des Jahrtausends mit 4,7 Millionen Euro Kredit aus seinem Privatvermögen über Liquiditätsprobleme hinweghalf.

Mit dem Mann, der beste Kontakte zu anderen Sportfunktionären wie Uli Hoeneß - mit dem er auch die berufliche Fleischeslust teilt - und in die Spitzenpolitik pflegt.

Mit dem Mann, der als Strippenzieher des Deals mit dem russischen Gazprom-Konzern, dem weltweit größten Erdgasförderunternehmen, gilt. Den eine "männerbündische Art von Sympathie" mit Russlands Präsident Wladimir Putin verbinde, wie es die Zeit beschrieb.

Auf SPORT1-Nachfrage wollte sich niemand aus dem direkten Schalker Umfeld zu den möglichen Folgen äußern.

Kampf gegen Rassismus

Zentral ist die Frage, inwiefern sich die Causa und der Umgang des Klubs mit ihr auf den königsblauen Kampf gegen Rassismus auswirken wird.

Seit Jahren geht der Revierklub aktiv gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz vor. Die Schalker Fan-Initiative wurde 2017 mit dem Julius-Hirsch-Preis des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) für Engagement gegen Rassismus ausgezeichnet. Sie stellte angesichts der Äußerungen von Tönnies die Frage nach dem Wert von Peter Peters' Worten.

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Der Schalker Finanzvorstand hatte auf der Mitgliederversammlung am 1. Juli leidenschaftlich zum Thema Rassismus gesprochen. Bei rassistischen Plakaten oder gar Hitlergrüßen im Fanblock habe er "vor Ekel kotzen können". Den S04-Anhängern hatte der 57-Jährige zugerufen: "Steht auf, zeigt Flagge! Wir unterstützen euch dabei!"

"Dafür ist Tönnies bekannt"

Ferner richtet sich der Blick auf die Leitung der Geschicke des Vereins. Wird es zu einem Machtvakuum kommen, das kurzfristig kaum zu füllen sein wird? Würde Tönnies den Geldhahn zudrehen, sowohl den eigenen als auch indirekt den aus Russland?

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Oder wird Tönnies trotz seines Abgangs als Aufsichtsratsvorsitzender die Fäden weiter in der Hand halten? Komplett im Hintergrund - oder sogar als Mitglied des Aufsichtsrats, sollte er etwa nur als Vorsitzender zurücktreten?

Der Umgang nicht nur mit dem aktuellen Skandal lässt einerseits erahnen, dass der Fleischfabrikant der Tragweite seiner Aussagen beziehungsweise seiner Schuld nicht im angemessenen Umfang bewusst ist, und deutet andererseits auf ein Selbstverständnis des Machterhalts hin. Ein schnelles "Sorry", und weiter geht's.

"Wenn ich einen Schwachpunkt habe, gehe ich da dran. Dafür ist Tönnies bekannt. Aus. Punkt. Ende." Das hatte Tönnies einst in dritter Person über sich selbst gesagt, als auch seine Tönnies Holding ApS & Co. KG wegen Ausbeutung von Arbeiterinnen und Arbeitern aus Osteuropa in der Fleischindustrie in die Kritik geraten war.

"Da dran gehen" wird im aktuellen Fall kaum mehr nützen, aber "dran bleiben" könnte Schalke trotzdem blühen.

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