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Clemens Tönnies lässt seinen Posten als Schalke-Boss drei Monate ruhen, der Ehrenrat sanktioniert ihn aber nicht. In der Presse wird die Entscheidung heftig kritisiert.

Eine knappe Stunde vor Mitternacht brauste Clemens Tönnies in seinem silbergrauen Mercedes mit Fahrer davon.

Der mächtige Aufsichtsratschef von Schalke 04 kam bei der viereinhalbstündigen Sitzung des Ehrenrates mehr als glimpflich davon: Keine Rote Karte für den Klub-Patron, kein Vereinsausschluss, nur eine selbst gewählte mehr symbolische Sanktion.

Der Rassismus-Vorwurf gegen Tönnies sei unbegründet, verkündete der Ehrenrat. Der 63-jährige Tönnies formulierte selbst das Ausmaß seiner "Bestrafung": Er lässt seinen Posten drei Monate ruhen.

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"So rätselhaft wie unerträglich"

Danach soll alles wieder Friede, Freude, Eierkuchen sein auf Schalke 04, obwohl der milliardenschwere Fleisch-Großfabrikant mit seinen rassistischen Aussagen am vergangenen Donnerstag in Paderborn für einen Sturm der Entrüstung durch Politik, Ex-Profis und Medien gesorgt hatte. 

Wenig überraschend, dass sich die Presse auf den Schalke-Boss und den Ehrenrat der Knappen stürzte. "Da darf man sich schon erkundigen, was denn noch passieren soll, damit dieses fünfköpfige Gremium mal etwas als rassistisch erachtet", schrieb der Spiegel. "Gekoppelt mit der Frage, ob man auf solche Begriffe wie Ehre angesichts solcher Schiedssprüche im Fußball künftig nicht besser komplett verzichten sollte." 

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Für die Zeit ist "die Begründung noch fataler als der Quasifreispruch selbst: Tönnies habe zwar gegen das Diskriminierungsgebot verstoßen, doch der Vorwurf des Rassismus sei unbegründet. Das ist so rätselhaft wie unerträglich. Der Vorwurf des Rassismus ist sehr wohl begründet, denn Tönnies kolportierte auf die plumpeste und biedermännischste Art irgendwelche angeblichen Rassemerkmale."

Auch der frühere Schalke-Kapitän Benedikt Höwedes, aktuell bei Lokomotive Moskau unter Vertrag, zeigt sich geschockt. "Ich bin sprachlos, dass so etwas in unserem Land passiert", sagte der 31-Jährige bei t-online.de.  "Wir sind alle gefordert, dass wir den schleichenden Alltagsrassismus im Keim bekämpfen und uns klar und deutlich gegen jede Art von Rassendiskriminierung und Fremdenfeindlichkeit positionieren."

Verstoß gegen das Schalker Leitbild nicht ausreichend

Der Schalke-Boss hatte in seiner Rede die Finanzierung von Kraftwerken in Afrika empfohlen und wortwörtlich gesagt: "Dann würden die Afrikaner aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn's dunkel ist, Kinder zu produzieren."

Dunkelhäutige Ex-Profis wie Gerald Asamoah, Hans Sarpei oder Cacau hatten Tönnies in den vergangenen Tagen an den Pranger gestellt und verbal harsch kritisiert. Dass der Klub-Chef mit seinem Statement gegen das am 3. Juni 2012 verabschiedeten Leitbild der Königsblauen verstieß, war nach Ansicht des Ehrenrates nicht ausreichend, um eine eigene Sanktion auszusprechen. 

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Im Leitbild  heißt es unter Punkt 8: "Von uns Schalkern geht keine Diskriminierung oder Gewalt aus. Wir zeigen Rassismus die Rote Karte und setzen uns aktiv für Toleranz und Fairness ein." Schon vor Jahren waren die Königsblauen mit plakativen Fotos der Profis, die eine Rote Karte mit der Aufschrift "Zeig Rassismus die Rote Karte" vor sich hielten, in die Offensive gegangen. 

Der dreiköpfige Vorstand äußerte sich am Mittwoch nur allgemein zur aktuellen Situation. "Wir werden noch intensiver daran arbeiten, um innerhalb und außerhalb des Vereins deutlich zu machen, dass der FC Schalke 04 für die Werte einer weltoffenen, freien und multikulturellen Gesellschaft steht", heißt es in einer Erklärung des Führungstrios Jochen Schneider (Sport), Peter Peters (Finanzen und Organisation) und Alexander Jobst (Marketing und Kommunikation).

"Was soll in den drei Monaten passieren?"

An der Schalker Basis brodelt es unterdessen. "Die Entscheidung bringt Klarheit und etwas Ruhe. Aber was soll in den drei Monaten passieren?", sagte Susanne Franke, Vorstand der Schalker Fan-Initiative, bei Sky Sport News HD. 

SPD-Politikerin Dagmar Freitag kritisierte derweil die Schalker Vorgehensweise und forderte den DFB zum Handeln auf. "Solche Entgleisungen sind ein Tabubruch ohne Skrupel (...) - und ihre Wirkung in die Gesellschaft, die sie haben, ist - insbesondere in diesen Zeiten - verheerend", betonte die Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag bei NDR Info.

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Freitag verlangte vom DFB, deutlicher Kritik zu üben. Sie erinnerte an den Fußball-Slogan "Say no to Racism" - "Sage nein zu Rassismus". "Alleine das müsste den DFB natürlich in seiner Linie bestärken, eine klarere Haltung zu finden", äußerte Freitag.

Dass Tönnies Ungemach noch vonseiten der unabhängigen DFB-Ethikkommission, die am 15. August das Thema Tönnies diskutieren wird, Ungemach droht, erscheint mehr als unwahrscheinlich. Vom Ablauf her kann die DFB-Ethikkommission ohnehin keine Sanktionen aussprechen. Sie kann nur Untersuchungen einleiten und bei hinreichendem Tatverdacht Anklage bei der Ethik-Kammer des Sportgerichts erheben. "Das ist der rein technische Ablauf", sagte der Vorsitzende der Ethikkommission, Nikolaus Schneider (71), dem SID.

In den Sozialen Medien gab es überwiegend sehr kritische Reaktionen auf die verkündete Entscheidung des Ehrenrates, Vereinsaustritte wurden ebenfalls angekündigt. Es dürfte auch in den nächsten Tagen und Wochen nicht ruhiger auf Schalke werden.

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