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München - Musa Okwonga, britisch-ugandischer Journalist und Autor, ist sich sicher: Der Fall Clemens Tönnies hat größere Folgen, als Schalke ahnt. Hier das Interview.

Normalerweise könnte sich der FC Schalke 04 freuen, wenn er Thema in der internationalen Presse ist - gerade kann er es nicht.

Die New York Times, die Washington Post, ESPN, der englische Guardian berichteten in den vergangenen Tagen über die rassistischen Kommentare von Clemens Tönnies und deren Folgen.

Musa Okwonga hat für all diese renommierten Medien geschrieben. Der britisch-ugandische Journalist und Autor (zudem unter anderem auch Dichter und Unternehmensberater) beschäftigt sich mit Fußball, Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft - allen Aspekten des Falls Tönnies.

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Seit fünf Jahren lebt der in London geborene Okwonga in Berlin. Im SPORT1-Interview spricht er über den Skandal, wie er international wahrgenommen wird und die langfristigen Konsequenzen, die er prognostiziert.

SPORT1: Herr Okwonga, wie haben Sie wahrgenommen, was in den vergangenen Tagen rund um den FC Schalke 04 passiert ist?

Okwonga: Das Interessante heute war für mich dieser Prozess. Man hat einen Ehrenrat, der stundenlang berät und dann zum Schluss kommt, der Vorwurf des Rassismus sei "unbegründet". Wie kommt man zu so einem Urteil? Tönnies hat gesagt, dass Afrikaner sich in unverantwortlicher Weise vermehren, weil sie zu wenig Licht haben. Wie viel beleidigender muss man sein, dass es rassistisch genannt werden kann? Die Kommentare waren obszön, beleidigend, große Schalker Spieler afrikanischer Herkunft waren entsetzt. Was da passiert, ist schon aus rein sportlich-wirtschaftlicher Sicht eine Katastrophe, die moralische Seite mal ganz außen vorgelassen (hier die Rede von Clemens Tönnies im Wortlaut, d. Red.).

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SPORT1: Was meinen Sie damit?

Okwonga: Ich kann mir nicht vorstellen, dass das alles folgenlos bleibt, wenn es um künftige Verpflichtungen von Spielern mit afrikanischer Herkunft geht oder auch um Spieler, für die Anti-Rassismus ein wichtiges Prinzip ist. Das ist wirklich gefährlich, gerade auch in einer Zeit, wo so vieles von der Transferpolitik abhängt - und auch so viele junge Spieler die Bundesliga als Ort betrachten, an dem sie ihre Karriere entwickeln können.

Musa Okwonga lebt seit fünf Jahren in Berlin
Musa Okwonga lebt seit fünf Jahren in Berlin © Michel Rosenberg

"Was muss der arme Gerald Asamoah denken?"

SPORT1: Ein Aus von Clemens Tönnies wäre rein geschäftlich betrachtet aber auch folgenschwer gewesen.

Okwonga: Das sehe ich natürlich auch: Der Mann spielt bei Schalke eine große Rolle, sein Geld, seine Verbindungen sind wichtig für den Klub. Das scheint der gewichtigste Grund zu sein, warum Schalke die Distanzierung schwerfällt. Aber was da passiert ist und wie der Klub damit umgeht: Gibt es irgendwen, der das nicht lächerlich findet? Was muss der arme Gerald Asamoah denken? Was würde Leroy Sané denken, wenn er noch da wäre? Was denkt der nächste Leroy Sané? Ich denke, es wird jetzt monatelange Debatten zum Thema Rassismus geben, aber reden wir doch stattdessen jetzt mal einfach über Menschen. Menschen, die von ihrem Arbeitgeber zurückgesetzt werden. Was würde jemand aus Sachsen denken, dessen Chef Stereotypen und Vorurteile über Ostdeutsche verbreitet?

SPORT1: Was denken Sie, nach allem was Sie mitbekommen haben, über den Menschen Clemens Tönnies?

Okwonga: Ich finde traurig, was er da gesagt hat. Man muss fremde Kulturen nicht verstehen, um zu verstehen, dass man Menschen nicht herabwürdigen sollte - gerade in diesen Zeiten, wo die Hetze gegen Geflüchtete so ein großes Thema ist. Wenn jemand falsche Zusammenhänge zwischen dem Bevölkerungswachstum in Afrika und dem Klimawandel zieht, ist das erstmal nur ignorant. Ignoranz wird aber zur Bösartigkeit, wenn der Fehler dann nicht eingesehen wird.

SPORT1: Tönnies hat die Aussage inhaltlich zurückgezogen, den Klub und die Fans um Verzeihung gebeten - die, die er beleidigt hat, aber nicht.

Okwonga: Das ist, was ich meine. Jeder Mensch sagt mal dumme Dinge und verletzt damit andere Leute, ohne es zu beabsichtigen, ich, Sie, wir alle. Der richtige Umgang mit solchen Fehlern ist, was einen guten Menschen ausmacht.

"Die Leute verkennen die Lage"

SPORT1: Der Fall Tönnies ist auch Thema in den internationalen Medien, was hat das Ihrer Einschätzung nach für Folgen?

Okwonga: Schwerwiegende. Woran denken Fans in anderen Ländern, wenn sie an Schalke denken? Sie denken an den UEFA-Cup-Sieg 1997, an den großartigen Marc Wilmots, sie kennen Schalke als den Verein, der Manuel Neuer hervorgebracht hat, der sich richtig gut geschlagen hat gegen Pep Guardiolas Manchester City und tolle Fans hat. Und jetzt sehen die, die Schalke mit all dem in Verbindung bringen, so etwas. Das wird sich einbrennen bei einem Klub, der nicht ständig in den großen internationalen Medien vertreten ist.

SPORT1: Droht der Streit die Fanbasis eines Klubs zu zerreißen?

Okwonga: Ja. Ich glaube, da verkennen ein paar Leute, die in einem Raum sitzen und aus Sympathie für einen Freund oder welchen Gründen auch immer so eine Entscheidung treffen, die Dimension der Lage. Schalke zählt alles in allem zu den populärsten Fußballklubs der Welt, hat auch eine internationale, multi-kulturelle Fanbasis. Was müssen die, denen ihr Verein wirklich etwas bedeutet, jetzt denken?

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SPORT1: Der Vorstand hat an die Geschlossenheit der Fans appelliert. Er scheint zu hoffen, den Sturm durchstehen zu können.

Okwonga: Sie werden den Sturm in gewissem Sinne durchstehen - aber zu welchem Preis? Wenn ich zu viele Süßigkeiten esse und deswegen meine Zähne verliere, habe ich am Ende immer noch einen Mund - trotzdem stellt sich die Frage, ob es den Schaden wert ist. Natürlich: Schalke wird nicht zu Grunde gehen, es wird weiter Fußball gespielt und es kommen weiter viele Fans. Aber es geht hier um mehr als Fußball und um Geld, es geht um Werte. Ein Klub, der so groß ist wie Schalke und eine so tolle Geschichte hat, ist auch eine Institution. Und diese Institution nimmt Schaden. Hier geht es nicht um ein paar Leute, die auf Twitter Kritik üben, hier geht es darum, dass viele Menschen sich so nicht mehr in diesen Klub verlieben werden.

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