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Gelsenkirchen - Die Knappenschmiede des FC Schalke 04 ist bekannt für gute Nachwuchsarbeit. U19-Trainer Norbert Elgert erklärt im SPORT1-Interview das Erfolgsrezept.

Benedikt Höwedes, Leroy Sané oder auch Max Meyer - sie alle durchliefen die berühmte Knappenschmiede des FC Schalke 04. Und sie verbindet ein Name: Norbert Elgert.

Seit 1996 ist der gebürtige Gelsenkirchener U19-Trainer der Königsblauen. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 62-Jährige über das Schalker Erfolgsrezept, die Talente im Wandel der Zeit - und den jüngsten Shootingstar Levent Mercan.

SPORT1: Herr Elgert, Levent Mercan ist der 100. Teenager, der für Schalke 04 in der Bundesliga gespielt hat. Damit ist Schalke in dieser Statistik die Nummer eins in der Bundesliga vor Eintracht Frankfurt (77) und Bayern München (73). Ist das ein Statement?

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Norbert Elgert: Es ist sehr erfreulich und bestätigt auch die insgesamt gute Arbeit aller Mitarbeiter der Knappenschmiede in den zurückliegenden zehn bis 20 Jahren. Es ist aber eher Motivation für die Zukunft, denn das ist alles schon wieder Vergangenheit und wir arbeiten alle für die Zukunft und für Schalke 04 – aber wir freuen uns natürlich darüber.

SPORT1: Mercan ist nach Nassim Boujellab und Ahmed Kutucu der Dritte, der in kurzer Zeit den Sprung in den Profikader geschafft hat. Die Jugendförderung ist immer Schwankungen unterworfen. Wovon ist es abhängig, dass man in einem Jahr gleich drei junge Spieler hat und im nächsten Jahr plötzlich keinen?

Elgert: Es ist fast nicht möglich, immer wieder Spitzenjahrgänge zu haben. Ein Jahrgang, der im Durchschnitt sehr gut besetzt ist und der auch viele gute Einzelspieler mit Profiperspektive hat, kommt nicht immer vor. Es gibt vollkommen unterschiedliche Jahrgänge und deswegen ist es auch nicht möglich, permanent Spieler mit außergewöhnlicher Qualität nach oben zu bringen. Es ist uns trotzdem irgendwie gelungen, das hat sicherlich auch Gründe.

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Elgert erklärt Schalker Erfolgsrezept

SPORT1: Welche Gründe sind das denn?

Elgert: Es ist einfach der ganzheitliche Ansatz. Das heißt nicht, dass wir irgendetwas besser machen als andere, aber wir verfolgen den sogenannten "holistic approach", wir sehen den Fußball ganzheitlich. Das heißt, der Mensch steht nach wie vor im Vordergrund. Wir achten sehr darauf, dass wir Spieler ausbilden, die möglichst unter größtem Raum-, Gegner- und Zeitdruck den Ball beherrschen. Dann ist die Entwicklung der Spielintelligenz wichtig. Das Spiel ist immer schneller geworden. Du brauchst Spieler, die in der Lage sind unter diesem großen Druck immer wieder Lösungen zu finden. Du musst athletisch unglaublich gut und mental stark sein. Wenn du in die Arena einläufst, dann musst du gut sein, dein Ego zuhause lassen und mit einer "Wir zuerst"-Einstellung auf den Platz gehen.

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SPORT1: Worauf kommt es noch an?

Elgert: Für mich sind Einstellung, Anstrengungsbereitschaft, Willensstärke und  Durchhaltevermögen eindeutig wichtiger als Talent. In unserer heutigen Gesellschaft wird Talent überbetont. Du brauchst ein großes Talent als Grundvoraussetzung. Talent stellt dich an die Tür zum Profifußball, aber erst Einstellung, Willenskraft, Ausdauer, Anstrengungsbereitschaft und Charakter bringen dich durch diese Tür hindurch. Und du brauchst Talent für das Fußballspiel, aber du brauchst vielmehr ein Talent dafür, Hindernisse und Schwierigkeiten zu überwinden, Probleme zu lösen. Bei uns ist es so, dass keiner den Sprung in den Profikader schafft, ohne über einen ganz langen Zeitraum hart trainiert und gearbeitet zu haben. Auch schafft es keiner, der sich ausschließlich selbst in den Vordergrund stellt. Den leichten Weg gibt es bei uns nicht, weil der leichte Weg auch nicht der erfolgreiche ist, sondern eher der Holzweg.

SPORT1: Ist das etwas Zeitloses oder hat sich das geändert im Vergleich zwischen der Generation um Benedikt Höwedes vor gut 15 Jahren und der Generation Mercan?

Elgert: Benedikt Höwedes ist ein super Junge, Levent Mercan hat auch eine top Einstellung. Wir leben in einer vollkommen veränderten Zeit und Gesellschaft, in einer Hochgeschwindigkeitszeit. Der Fußball ist ähnlich schnelllebig geworden wie die Gesellschaft. Nur: Du kommst nicht schnell an die Spitze. Jeder Erfolg braucht eine Vorlaufzeit, circa zehn Jahre oder 10.000 Stunden intensives, intelligentes Training. Da kommen viele Spieler gar nicht mehr hin, weil die Ablenkung in der heutigen Zeit viel größer ist als noch vor zehn, zwanzig Jahren, zu meiner Zeit sowieso. Durch Internet, die sozialen Medien, Spielkonsolen und Handys sind die Spieler viel mehr abgelenkt und bewegen sich eindeutig weniger auf dem Fußballplatz als sie sollten. Aber du wirst ja nur besser durch entsprechendes Training, also brauchen sie entsprechend mehr Zeit. Wir versuchen dagegen zu steuern durch viel Training, viel Arbeit, aber auch durch intelligentes Training. Die Dinge haben sich durchaus verändert.

"Wen die Götter zerstören wollen, den hypen sie zum Supertalent"

SPORT1: Warum schaffen es einige Spieler dann doch nicht so wie andere?

Elgert: Jeder Mensch ist anders, jeder Fußballer ist anders. Jeder Fußballer braucht unterschiedlich viel Zeit, um vielleicht ganz nach oben zu kommen. Nicht jeder schafft es mit 18, 19, viele erst mit 20, teilweise auch noch mit 25. Wenn du beim renommierten Mercedes-Benz Junior-Cup in Sindelfingen zum besten Spieler gewählt wirst, dann kannst du schon richtig gut Fußballspielen. Das schlimmste, was dir passieren kann, ist, dass du zum Supertalent erklärt wirst. Wen die Götter zerstören wollen, den hypen sie zum Supertalent. Das machen vor allen Dingen die Medien, aber du musst anschließend auch damit umgehen können. So ein Titel "Bester Spieler des Turniers" ist sehr kurzfristig, du musst das hinterher alles bestätigen. Wenn du bester Spieler eines Turniers wirst, ist das noch lange kein Persilschein für eine erfolgreiche Profikarriere. Es ist schon ein Indikator, dass du ganz gut Fußballspielen kannst, aber nicht mehr und nicht weniger.

SPORT1: Zurück zu Levent Mercan: Haben Sie zu Trainer David Wagner gesagt: Schau dir den mal genauer an?

Elgert: David und ich kennen uns schon über viele Jahre und wir schätzen uns. Als er hier einstieg, hatten wir ein längeres Gespräch und dann habe ich zu ihm gesagt: "Du, Levent kam jetzt aus unserer U19 in die U23 und er ist charakterlich top. Er hat eine Riesen-Einstellung. Er hat sich wirklich durch intensives Training in den Jahren bei uns in der Knappenschmiede unglaublich weiterentwickelt, er hat viel Potenzial, viel Luft nach oben, schau ihn dir doch einfach mal an!" Und das hat er dann auch getan - mit großem Erfolg für Levent, aber auch für unseren Klub.

SPORT1: Die Zusammenarbeit mit dem Cheftrainer ist ein wichtiges Element bei der Weiterentwicklung solcher Spieler?

Elgert: Das war nicht immer so. Es sollte immer ein wichtiges Element gewesen sein und sollte es auch jetzt sein, das ist es im Moment auch. Wenn ein Spieler von mir zu den Profis soll, müssen drei wichtige Punkte gewährleistet sein. Erstens sollte dieser Spieler über einen ganz langen Zeitraum Spitzenleistungen im Training gebracht und sich weiterentwickelt haben, Schwankungen inbegriffen, die sind ja auch menschlich. Zweitens muss er über einen ganz langen Zeitraum Top-Leistungen in den Spielen gebracht haben, vor allen Dingen sich auch für die Mannschaft reingehauen haben. Drittens sollte dann die Empfehlung von mir dazukommen. Wenn das gewährleistet ist, macht es Sinn, dass er oben mittrainiert, sonst nicht. Ich weiß, dass es oft ganz anders gehandhabt wird. Ich versuche das immer wieder hier auch durchzusetzen. Es ist häufig gelungen, häufig auch nicht.

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Elgert pflegt Kontakte zu Ex-Spielern wie Sané und Meyer

SPORT1: Inwiefern betreuen Sie die Spieler noch weiter, wenn einer aus Ihrer Jugend rausgeht? Haben Sie beispielsweise Max Meyer hinterher noch mal beraten?

Elgert: Der Kontakt zu Max ist noch sehr, sehr gut, wie auch zu fast allen Spielern aus der Vergangenheit, unabhängig davon, ob sie Profis wurden oder nicht. Aber sie haben natürlich alle inzwischen ein großes Beraterkonsortium hinter sich. Wenn die Spieler möchten, dann bin ich immer da, gerne als Mentor oder Coach. Es wird häufig auch in Anspruch genommen, aber es geht nicht von mir aus. Die Spieler melden sich selbst und fragen mal um Rat. Ich selbst dränge mich da nicht auf. Ich rufe sie eigentlich nur an, wenn es ihnen nicht so gut geht oder wenn sie mal etwas Herausragendes geleistet haben, sonst halte ich mich da eher zurück. Aber der Kontakt, unter anderem zu Max, ist durchaus noch eng.

SPORT1: Wahrscheinlich dann auch zu Spielern wie Leroy Sané?

Elgert: Absolut.

SPORT1: Gucken Sie Sanés Spiele von Manchester City an und sprechen dann mit ihm?

Elgert: Nicht live im Stadion. Wir sind zwar fast überall eingeladen, aber es gibt ja über den Fernseher die Möglichkeit sich die Spiele anzuschauen und das mache ich natürlich.

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SPORT1: Welche Informationen bekommt Sané heute noch von Ihnen, wenn Sie ihn sehen?

Elgert: Nur, wenn er will. Also ich greife da nicht zum Hörer oder schicke ihm eine SMS: "Das hast du toll gemacht und das nicht." Dafür sind die aktuellen Trainer zuständig. Da halte ich mich eher zurück. Aber wir hatten im Rahmen meines Buches ganz intensiven Kontakt vor ein bis anderthalb Jahren. Die Jungs, die ich um einen Gastbeitrag gebeten hatte, haben sofort mitgemacht. Die Verbindung ist schon noch sehr eng. Es macht unheimlich Spaß mit ihnen zu reden und bringt mir auch viel. Es ist immer noch sehr eng, aber mit größter Zurückhaltung von meiner Seite vor allen Dingen, weil die Jungs eben alle extrem populär sind und da will ich mich nicht in den Vordergrund stellen.

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