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Es gibt schöne Episoden deutsch-deutscher Fußballgeschichte. Doch der rätselhafte Tod von Lutz Eigendorf gehört zweifellos nicht dazu.

Nichts deutet auf den Unfall hin. Keine Gedenktafel. Oder ein Kreuz. Dabei ist die Forststraße ein Ort, an dem deutsch-deutsche Fußballgeschichte geschrieben wurde.

Ja, das wirkt alles etwas makaber. Auch die Aufnahme in die Liste des Magazins 11 Freunde. Denn man kann durchaus geteilter Meinung sein, ob der Todesort von Lutz Eigendorf zu den "99 Orten, die Fußballfans gesehen haben müssen" gehören sollte. Die Faszination, die von diesem Ort in Braunschweig-Querum ausgeht, ist allerdings nicht von der Hand zu weisen.

Ja, es ist eine Schnellstraßenkurve, wie es sie tausendfach in Deutschland gibt. Nicht einmal außerordentlich gefährlich. Tote gab es hier schon, allerdings vor allem durch Abbiegefehler. Und doch kam hier, an der Ecke Forststraße/Abzweigung Bahnhof Querum, Eigendorf am 5. März 1983 auf regennasser Fahrbahn der Fußballprofi Lutz Eigendorf ums Leben.

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Um 23.08 Uhr wurde er gefunden, in seinem Alfa Romeo, um einen Baum gewickelt, mit schweren Kopf- und Brustverletzungen. Und 2,2 Promille im Blut. Stockbesoffen also. Dazu unangeschnallt. Zwei Tage nach dem Unfall verstarb er. Mit 26.

Im Cockpit zuletzt lebend gesehen

Eine Stunde zuvor wurde er zuletzt lebend gesehen, in der Kneipe "Cockpit", zusammen mit seinem Fluglehrer. Rund 60 Minuten, die reichlich Anlass zu Spekulationen geben. 60 Minuten, die ein einziges Fragezeichen bleiben. Wie der ganze Fall Lutz Eigendorf ein Rätsel bleibt. Ein echter Krimi. Bis heute.

Denn eigentlich könnte man den Fall zu den Akten legen, wenn es Eigendorfs Vergangenheit nicht gäbe. Deshalb gibt es bis heute nicht wenige, die an ein Mordkomplott glauben.

Denn Eigendorf ist Republik-Flüchtling. Stasi-Feind. Nicht nur das. Er hatte mit seiner Flucht in den Westen am 20. März 1979 nach einem Freundschaftsspiel beim 1. FC Kaiserslautern den Minister für Staatssicherheit gegen sich aufgebracht, denn der "Beckenbauer der DDR" hatte auch dem Stasi-Klub Dynamo Berlin den Rücken gekehrt.

Erich Mielke soll Eigendorfs Flucht deshalb persönlich genommen und bis zu 50 Spitzel auf das wohl größte Talent des DDR-Fußballs angesetzt haben. Sein gesamtes Leben wurde dokumentiert, gleich mehrere Abteilungen des Ministeriums für Staatssicherheit kümmerten sich um den "Verräter", der nach einer Sperre durch den Weltverband FIFA am 11. April 1980 beim 1. FC Kaiserslautern sein Bundesliga-Debüt feierte.

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Alles wurde überwacht

Sie kümmerten sich sorgsam, überwachten "alles. Freizeitaktivitäten, Fahrverhalten, private Beziehungen. Es gab kein Detail, das für das MfS nicht relevant war: Was hat er gemacht, wenn er nicht trainierte? Wo fährt er hin? Welche Wege benutzt er? Wo stellt Eigendorf sein Auto ab? Wie geht er mit Alkohol um? Sie wussten alles über ihn. Es gibt Karten, auf denen die exakten Wegstrecken eingezeichnet sind, die Eigendorf üblicherweise mit seinem Wagen zurücklegte", sagte der Historiker Andreas Holy 11 Freunde.

Die Überwachungen blieben auch den Teamkollegen nicht verborgen. Im Gegenteil. FCK-Teamkollege Ronnie Hellström schrieb in seiner Autobiografie: "Eigendorf wohnte im selben Haus, in dem auch ich und Roland Sandberg wohnten. Ich und meine Frau Harriet wurden da mit hineingezogen, da war ständig ein Auto, das uns beschattete."

Im Westen spielt Eigendorf zunächst für Kaiserslautern, ab 1982 für Eintracht Braunschweig. Immer wieder gibt der defensive Mittelfeldspieler DDR-kritische Interviews, zuletzt noch wenige Tage vor seinem Tod, vor der Berliner Mauer, im Hintergrund das Dynamo-Stadion. Pure Provokation.

Zuvor wurde immer wieder versucht, Eigendorf zurückzuholen. Durch Druck auf seine Frau, die noch in Ostberlin lebte. Durch Drohungen, ihm sein Kind wegzunehmen. Indem man ihn in ein schlechtes Licht rückte. Übliche Methoden, um unliebsame Gegner mundtot zu machen. Zwecklos. Dann eben anders. Eigendorf sollte aus dem Weg geräumt werden. Ermordet.

So zumindest die Theorie, der Verdacht, der sich bis heute hartnäckig hält. Beweise gibt es keine, und sie werden nach 36 Jahren wohl auch nicht mehr auftauchen. Doch es gibt durchaus Indizien, die für ein Mordkomplott durch die Stasi sprechen.

Alkoholgehalt passt nicht zum Abend

So passt der Alkoholgehalt zum Beispiel nicht zum Abend. Zeugen sagen, Eigendorf habe ein paar Bier getrunken, nicht mehr. Infusionen nach dem Unfall dürften den Wert zudem verfälscht haben. Außerdem wollte er am Tag danach eine Flugstunde nehmen. Mit Alkohol im Blut? Seine zweite Ehefrau Josephine, die er 1982 heiratete, stellte klar: "Das war nicht seine Art, so viel zu trinken." Und: "Lutz hatte ständig Angst, wieder zurück in den Osten entführt zu werden."

Die Theorie: Eigendorf wurde entführt, vergiftet, dazu mit Alkohol abgefüllt. Dann sei er in Todesangst freigelassen, gejagt und schließlich in besagter Kurve verblitzt worden, heißt: Ein anderes Auto soll ihn geblendet haben, was zu dem letztlich tödlichen Unfall führte.

Historiker Holy hat sich durch rund 3600 Akten gelesen: 1000 Ermittlungsakten der Polizei Braunschweig und Staatsanwaltschaft Berlin und 2600 MfS-Dokumente. "Das deutlichste Indiz ist ein handschriftliches Blatt in Eigendorfs Stasi-Akte, auf dem in Stichworten steht: 'Unfallstatistiken? Von außen ohnmächtig? Verblitzen, Eigendorf, Narkosemittel'. Die Staatssicherheit hat sich detaillierte Gedanken gemacht, wie man Eigendorf etwas anhaben kann", sagte er.

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5000 Mark für einen Mord

Ein Inoffizieller Stasi-Mitarbeiter ("IM Schlosser") meldete sich Jahre später und behauptete, er habe vom MfS einen Mordauftrag und 5000 Mark erhalten. Den Auftrag habe er aber nicht ausgeführt.

In seiner IM-Akte befindet sich tatsächlich eine Quittung aus dem April 1982 über 5000 Mark. "Verwendungszweck: 'Zur Durchführung eines Auftrags'", so Holy: "Schlosser sagte, die Stasi beauftragte ihn damals, sich von dem Geld eine Waffe zu kaufen, er habe sich aber letztlich ein Auto gekauft."

Der Historiker kommt zu dem Schluss, dass die Brisanz des Falles verkannt wurde. "Die politische Ebene, die sich hinter Eigendorfs DDR-Flucht verbarg, wurde bei Ermittlungen vollkommen ignoriert. Man konnte sich nicht vorstellen, dass der Geheimdienst der DDR auf bundesdeutschem Boden zu so etwas in der Lage war. Ein großes Versäumnis der Ermittler", so Holy. Eine Obduktion wurde auch nicht vorgenommen. Holy: "Die Justiz war mit dem Fall überfordert und wollte ihn möglichst schnell vom Tisch haben."

Andere Juristen und Experten, die sich mit dem Fall beschäftigten, halten die Mordtheorie allerdings für nicht plausibel.

Sie stellen Gegenfragen: Was wäre passiert, wenn Eigendorf überlebt und alles erzählt hätte? Wäre das Risiko für die DDR und ihren Stasi-Apparat nicht zu groß? Und war das Verblitzen in diesem Zusammenhang nicht sowieso zu unzuverlässig?

Fragen, auf die es keine Antworten mehr geben wird. Eigendorfs Tod bleibt eine rätselhafte Episode deutsch-deutscher Fußballgeschichte.

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