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München und Dortmund - BVB-Trainer Lucien Favre muss mit seiner Entlassung rechnen. Einen wirklichen Ersatz scheint es zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu geben. Wie geht es weiter?

Es wäre fast die größtmögliche Blamage geworden. Borussia Dortmund lag zur Halbzeit gegen Tabellenschlusslicht Paderborn mit 0:3 zurück.

Am Ende erkämpften sich die Schwarz-Gelben zwar noch ein 3:3. Doch für Lucien Favre könnte es der Anfang vom Ende gewesen sein.

"So kann es nicht weitergehen", erklärte der Trainer nach dem Spiel. Die entscheidende Frage ist: Gilt das auch für Favre selbst?

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BVB schwach in Pressing und Zweikampf

Der BVB bekommt unter der Regie des Schweizers seine Probleme einfach nicht in den Griff. Stattdessen präsentierte sich die Mannschaft wie schon beim 0:4-Debakel beim FC Bayern erneut desolat, gerade in Sachen Pressing und Zweikampfverhalten extrem schwach.

Es stimmt etwas nicht in Dortmund. Trotz Transfers im Gesamtwert von 130 Millionen Euro Ablöse ist es nicht gelungen, der Mannschaft Robustheit und Entschlossenheit einzuimpfen. Bis auf Mats Hummels konnte er auch keinen der zuvor hochgelobten Neuen als Leistungsträger integrieren.

Stattdessen entwickelt sich der BVB rückwärts. Gegen Paderborn ließ sich die Mannschaft naiv und hilflos wie eine Schülermannschaft auskontern, wirkte stellenweise wie gelähmt.

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Nun steht Favre nicht selbst auf dem Platz und Zweikampfstärke wäre zunächst einmal Aufgabe der Dortmunder Profis - Kritik an der taktischen Marschroute kommt aber nicht zum ersten Mal auf.

Marco Reus' Ausführungen nach dem Spiel über die Taktik klangen fast schon wie ein Hilferuf: "Wir wussten überhaupt nicht, wie wir richtig pressen sollten." Offen kritisierte auch Abwehr-Boss Mats Hummels die taktischen Vorgaben seines Coaches. "Sagen wir mal so, wir tun uns im 4-1-4-1 leichter zu pressen. Ich lasse es dabei stehen", erklärte er nach dem Spiel. (Stimmen zum Spiel)

Die Mannschaft ist sich der Probleme offenbar bewusst, doch es ändert sich nichts. Auch die auserkorenen Leader wie Hummels (der extra aus München zurückkehrte) und Reus schaffen es nicht, das Team zu führen und mit ihrer Erfahrung und Routine in die richtigen Bahnen zu lenken - ebenso wie der Trainer.

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Favre noch der richtige Trainer?

Favre ist nicht bekannt für seine Emotionalität - aktuell scheint der BVB aber genau einen solchen Coach zu brauchen, der dem Team wieder das nötige Feuer und die Aggressiviät einimpft.

Seine Ansprachen sind immer ruhig, sachlich und analytisch. Diese Art, mit der auch der BVB durchaus schon Erfolg hatte, führt in der aktuellen Krise jedoch nicht zu einer Verbesserung. Vielmehr drängt sich die Frage auf: Ist Favre noch der richtige Trainer?

Neben einem Pfeifkonzert waren gegen Paderborn auch "Trainer raus"-Rufe von den BVB-Fans zu hören.

Schicksalsspiel gegen FC Barcelona?

Auch wenn sich die Mannschaft hinter Favre stellt (Reus: "Der Trainer stellt uns super ein. Wir sind dafür verantwortlich, was auf dem Platz passiert. Wir müssen als Team zusammenrücken") sind seine Tage in Dortmund womöglich gezählt.

"Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht viel sage, außer, dass die erste Halbzeit komplett inakzeptabel war und man sich dafür bei den Zuschauern entschuldigen muss. Morgen ist auch noch ein Tag", meinte Sportdirektor Michael Zorc am Freitagabend nur.

Eine Krisensitzung um BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke noch in der Nacht ergab nach Bild-Informationen: Favre steht vor dem Aus, bekommt beim FC Barcelona in der Champions League aber noch ein Schicksalsspiel. Zorc bestätigte am Samstag, dass Favre gegen Barcelona auf der Bank sitzen wird.

"Es ist ja klar, dass das Thema öffentlich diskutiert wird, denn unsere Situation ist mehr als unbefriedigend. Natürlich analysieren wir das sehr intensiv. Aber wir gehen mit Lucien Favre in das Spiel in Barcelona und erwarten, dass wir da eine deutliche Leistungssteigerung sehen", sagte der Sportdirektor am Samstag Funke Sport.

In der aktuellen Verfassung scheint ein Erfolg dort aber kaum im Bereich des Möglichen.

Mangelnde Interimslösungen in Dortmund

Spannend wird auch, ob sich die Verantwortlichen am Sonntag auf der Jahreshauptversammlung vor den Trainer stellen.

Die Schonfrist mag wohl auch daran liegen, dass Dortmund nicht wie Bayern eine Lösung wie Hansi Flick im Ärmel hat, um Favre kurzfristig zu ersetzen.

Michael Skibbe als neuer Trainer der U19 steht nach durchwachsenem Saisonstart (Platz 4) ebenfalls in der Kritik. Dank eines Moukoko-Hattricks beim 4:2-Sieg bei Preußen Münster durfte er zuletzt ein wenig durchschnaufen.

Favres aktueller Co-Trainer Manfred Stefes gilt als loyal gegenüber seinem Cheftrainer und wird wohl bei einem Abschied Favres mitziehen. Es bliebe noch Favres zweiter Co-Trainer Edin Terzic, der die Mannschaft zumindest interimsweise kurzfristig coachen könnte. Er gilt auch als Motivator in der Kabine. In der Rückrunde saß Terzic schon einmal als Hauptverantwortlicher auf der Trainerbank als Favre krank ausfiel. Das 3:3 gegen Hoffenheim nach 3:0-Führung ist aber ebenfalls nicht in guter Erinnerung.

Matthias Sammer (2002 Meister mit dem BVB und aktuell externer Berater) wäre ein großer Name, kennt Verein und Personen bestens, wäre sofort verfügbar - machte aber immer wieder klar, dass er nicht mehr als Trainer tätig werden will.

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Pochettino oder Kovac die Lösung beim BVB?

Es gibt aber zwei andere spannende Namen, die in Dortmund eine Lösung sein könnten: Mauricio Pochettino und Niko Kovac.

Der bei Tottenham Hotspur diese Woche entlassene Argentinier ist ein leidenschaftlicher und emotionaler Trainer, baute in London eine Mannschaft auf, die trotz finanzieller Nachteile gegenüber Premier-League-Giganten wie Manchester City, Arsenal, Chelsea oder Manchester United auftrumpfte und bis ins Champions-League-Finale stürmte.

"Mit seiner Persönlichkeit passt Pochettino zu Borussia Dortmund, weil er ein geborener Underdog ist", beschreibt SPORT1-Gastkolumnist Seb Stafford-Bloor den Coach: "Die Art und Weise, wie er ein Spiel angeht, die Taktik, die Emotionen, die er versucht, einem Team einzuimpfen – das passt zu einer Underdog-Situation."

In einer ähnlichen Situation sorgte auch Kovac bei Eintracht Frankfurt für Furore und stieg nicht nur durch den sensationellen Pokalsieg 2018 bis zum FC Bayern auf - wo er vor wenigen Wochen gehen musste, trotz Double-Gewinn 2019.

Seine Art - in Frankfurt geschätzt, beim bayrischen Star-Ensemble weniger - könnte auch Dortmund neues Feuer einhauchen.

Allerdings sind beide Coaches mit Fragezeichen versehen, zumindest was eine schnelle Lösung angeht: Pochettino soll laut Vertragsklausel 14,5 Millionen Euro verlieren, wenn er drei bis sechs Monate nach dem Spurs-Aus bei einem neuen Klub anheuert. Ob Kovac nach der einvernehmlichen Trennung mit Bayern direkt beim Konkurrenten loslegen dürfte, darf ebenfalls bezweifelt werden. Zudem wäre eine Wiedervereinigung von Kovac und Hummels problembeladen.

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