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München - Unter Hansi Flick soll bei Bayern vorerst alles besser werden. Doch wer trägt die Schuld daran, dass sein Vorgänger Niko Kovac gehen musste? Die SPORT1- Analyse.

Tag zwei nach der einvernehmlichen Trennung von Niko Kovac.

Am späten Sonntagnachmittag einigten sich Präsident Uli Hoeneß, Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge, Sportdirektor Hasan Salihamidzic und Kovac auf ein vorzeitiges Ende des Kroaten als Cheftrainer der Münchner.

Vorerst soll es Interimstrainer Hansi Flick richten. Klub-Legende Hermann Gerland wird ihm mindestens am Mittwoch gegen Olympiakos Piräus und Samstag daheim gegen Borussia Dortmund assistieren. Nach SPORT1-Informationen ist es möglich, dass Flick länger im Amt bleibt.

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So oder so: Geht es nach Hoeneß, soll bis zur Länderspielpause mit der EM-Qualifikation Deutschland gegen Weißrussland am 16. November eine Entscheidung her.  

Trotz des prominenten Personalwechsels befinden sich die Bayern aber noch immer in der Krise, weil spielerisch zuletzt kaum etwas zusammenlief.

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SPORT1 analysiert, wer welchen Anteil am Ist-Zustand der Bayern hat:

Der Ex-Trainer

Trotz vier Punkten Rückstand auf Tabellenführer Borussia Mönchengladbach ist in der Meisterschaft weiterhin alles möglich. Im Pokal und in der Champions League ist man voll auf Kurs.

Spielerisch allerdings waren die Darbietungen zuletzt oftmals am Rande der Blamage (Bochum, Piräus) oder gänzlich zum Vergessen (Hoffenheim, Frankfurt).

Innerhalb des Teams herrschte bis zum Sonntag große Unzufriedenheit. Die Hauptkritik aus der Bayern-Kabine lautete: Zu wenig Input im Training, mangelhafte Kommunikation des Trainers.

Die Folge: Zwar spielte keiner der Spieler aktiv gegen den Trainer, kaum jemand ging aber für ihn durchs Feuer. Auf dem Platz fehlte es an Leidenschaft und Wille. Etliche Gegner konstatierten, dass die Bayern zuletzt schlagbarer denn je waren.  

Mitverantwortlich war Kovac auch für die Defensivschwäche des Teams. Nur zweimal stand die Null. In der Liga hagelte es bereits 16 Gegentore. Hinzukommen etliche Fehler im Passspiel und wenig Ideen in der Offensive.

Krisen-Schuld: 35 %

Die Spieler

Die Bayern-Stars wirken derzeit wie ein Schatten ihrer selbst. Lediglich Manuel Neuer und Robert Lewandowski rufen regelmäßig Top-Leistungen ab. Etliche Spieler stecken im Formtief (Thiago), zünden nicht (Philippe Coutinho, Ivan Perisic) oder spielen derzeit fast gar keine Rolle (Leon Goretzka, Michael Cuisance). Neuer betonte, dass die Mannschaft aber "nicht gespalten" sei und ein guter Zusammenhalt bestünde, dass jeder wolle.

Intern, so erfuhr es SPORT1 aus der Bayern-Kabine, sind die Spieler aber auch durchaus selbstkritisch. Tenor: Nicht alle geben 100 Prozent bei uns. Warum auch immer.

Ankreiden müssen sich die Spieler, dass sie mit ihren öffentlichen Unmutsäußerungen selbst dazu beitrugen, dass Unruhe geherrscht hat. Thomas Müller etwa ging von sich aus an die Medien und trat breit, sich Gedanken machen zu wollen, sofern er auf der Bank bliebe.

Vor allem unter Kovac hatte man das Gefühl, dass sich die Mannschaft oft hinter dem Trainer versteckt. Alibis haben die Spieler fortan nicht mehr. Rummenigge forderte im Gespräch mit der Deutschen-Presse-Agentur in den kommenden zwei Partien zwei Siege.

Krisen Schuld: 25 %

Der Sportdirektor

Hasan Salihamidzic hat in den vergangenen Wochen sein Profil geschärft, indem er öffentlich wenig beschönigte. Zuletzt forderte er, dass "alles besser" werden müsse. Nach der Fast-Blamage in Bochum (2:1) verfiel er in Ironie, als es um die Bewertung der Team-Leistung ging. Salihamidzic kämpft weiter um Akzeptanz für seine Rolle, steht allerdings vor der Beförderung zum Sportvorstand. Hoeneß und Rummenigge schätzen seine Arbeit. Im Verein ist er beliebt.

Im Sommer bastelte er lange an XXL-Transfers wie Leroy Sané, der sich aber unglücklich verletzte. Kai Havertz bekam ein Wechselverbot. Schlussendlich reagierten die Bayern mit der Leihe von Coutinho und Ivan Perisic daraufhin zweimal in Not ­­- und sehr spät.

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Was sich Salihamidzic als Kader-Planer ankreiden lassen muss, ist, dass man keinen klassischen Sechser verpflichtet hat, obwohl man gewusst haben könnte, dass man kurzfristig wieder im 4-2-3-1-System spielt. Stattdessen hat man ein Überangebot an Achtern und Javi Martínez, auf den Kovac in dieser Saison aber nur selten baute.

Salihamidzic gelingt es zudem zu wenig, mosernden Spielern (wie zuletzt Müller) öffentlich den Zahn zu ziehen und dafür zu sorgen, dass Unruhe intern bleibt.

SPORT1 weiß: Auf eine Klartext-Ansprache nach dem 1:5 in Frankfurt an das Team verzichtete Salihamidzic bislang.

Krisen Schuld: 20 %

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Die Bosse

Noch-Präsident Uli Hoeneß stand Kovac öffentlich oft zur Seite. Indem er ihm aber vor dem Abflug nach Griechenland Martínez in die Aufstellung hereinredete, schwächte er Kovac. Das sorgte für Wirbel. Ebenso, dass er die Krise als "Käse" abstempelte und sie nicht wahrhaben wollte.  

Hoeneß versucht, vieles abzufedern, was auf die Mannschaft einprasseln könnte. Das ehrt ihn. Mit seiner in der AZ getroffenen Aussage vor dem 1:5, dass die "Langeweile" in der Bundesliga schon noch früh genug käme, tat er sich und dem Verein allerdings keinen Gefallen. Es folgte Häme.

Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge hingegen meidet derzeit die Medien, spricht fast ausschließlich intern. Rummenigge beschönigt auch nichts, forderte nach dem 3:2-Stottersieg gegen Piräus, dass man die Kurve bekommen müsse. Zu Recht! Er warf der Mannschaft, ebenfalls zu Recht, Sorglosigkeit vor.

Was sich Hoeneß und Rummenigge ankreiden müssen, ist die hohe Fluktuation auf dem Trainerstuhl. Dargestellt an Joshua Kimmich, der seit seinem Wechsel 2015 unter vier Chef-Trainern arbeitete: Pep Guardiola, Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes und Niko Kovac. Nun folgt Flick. Kontinuität sieht anders aus.

Auch Hoeneß und Rummenigge sprachen nach dem 1:5 bislang nicht zur Mannschaft.

Krisen-Schuld: 20 %

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