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München - Jadon Sancho reiht sich beim BVB in die Liste der Sorgenkinder ein. Doch warum gerät der BVB immer wieder an Problemfälle? Und wie soll er mit dem Engländer umgehen?

"Er ist sehr schnell groß geworden und testet ab und zu vielleicht auch die Grenzen aus – und dann sind wir dafür da, dann auch die Grenzen wieder zu setzen."

Mit diesen Worten rechtfertigte Michael Zorc Ende Oktober die Nicht-Berücksichtigung von Jadon Sancho für das Spiel gegen Tabellenführer Borussia Mönchengladbach, nachdem dieser verspätet von der Länderspielreise mit der englischen Nationalmannschaft nach Dortmund zurückgekehrt war.

Doch dass seine Worte nur einen Monat später wieder aktueller denn je sind, damit hätte der Sportdirektor der Schwarz-Gelben wohl selbst nicht gerechnet.

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Sancho erscheint zu spät zur Mannschaftssitzung

Nachdem der 19-Jährige vor dem wichtigen Champions-League-Spiel gegen den FC Barcelona (1:3) laut Informationen der Bild und des WDR nicht nur mit deutlicher Verspätung zur Mannschaftssitzung erschienen war, sondern zuvor schon das Frühstück und die anschließende Trainingseinheit verpasst hatte, verzichtete Trainer Lucien Favre im Camp Nou zunächst auf seine Dienste.

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Und obwohl Sancho nach seiner Einwechslung zur Pause für Nico Schulz den Anschlusstreffer für seine Mannschaft erzielte und damit kurzzeitig für neue Hoffnung sorgte, wurden auch deshalb die Stimmen derer, die hinter seinem Verhalten inzwischen Kalkül vermuten, im Anschluss immer lauter. Gerade in Dortmund, wo sich in der jüngeren Vergangenheit zunächst Ousmane Dembélé und dann auch Pierre-Emerick Aubameyang wegstreikten.

Es stellt sich also die – durchaus berechtigte – Frage, warum gerade der BVB immer wieder an solche Problemfälle gerät, die zwar auf dem Platz regelmäßig für Begeisterung, abseits davon aber für Wut und Ärger bei den Verantwortlichen und Fans sorgen.

Transferphilosophie des BVB als Ursache des Problems

Der Hauptgrund scheint vor allem hausgemacht, strukturell bedingt zu sein. Die Borussia hat sich die Philosophie auf die Fahne geschrieben, junge, entwicklungsfähige und hochtalentierte Spieler in den Signal Iduna Park zu holen, um ihnen dort den letzten Schliff zu verpassen, sie zu internationalen Topstars zu formen.

Nicht selten ist dieses Vorhaben von Erfolg gekrönt, die spielerische Entwicklung scheint dabei aber oftmals schneller zu gehen, als der Reifeprozess im Kopf. Die Lobeshymnen der Presse, das Interesse internationaler Top-Klubs, hochdotierte Sponsorenverträge – das alles scheint dem ein oder anderen zu Kopf zu steigen.

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Dembélé war gerade einmal 19, als er zum BVB kam, Sancho sogar erst 17. Aubameyang war bei seinem Wechsel an die Strobelallee im Jahr 2013 mit 24 zwar schon ein gestandener Profi, doch auch er war in seiner Entwicklung noch längst nicht fertig. Ein Emre Mor wurde vor seinem Transfer nach Dortmund bereits als der türkische Messi gefeiert, was ihm ganz offensichtlich komplett den Bezug zur Realität verlieren und ihn daher, anders als Sancho, Dembélé und Aubameyang, scheitern ließ.

Bei Sancho, der bereits 2017 vom damaligen Trainer Peter Stöger aus Disziplinargründen kurzzeitig in den U23 abgeschoben wurde, heißt es zudem, er habe - seit sein Vater Sean nicht mehr regelmäßig in Dortmund vor Ort ist - die Bodenhaftung verloren.

Das Problem scheint aber dennoch nicht am Standort Dortmund zu liegen, sondern an der Entwicklung des Fußballs, in dem hochdotierte Verträge und zwielichtige Berater jungen Spielern den Kopf verdrehen und sie abheben lassen. Beim BVB fällt es nur mehr auf, da eben genau diese jungen und unfertigen Spieler Teil der Transferphilosophie sind.

Zorc stellt sich schützend vor Sancho

Passend dazu stellt sich vor allem Zorc zumeist schützend vor seine Jungstars, versucht ihnen aber auch die anfangs zitierten Grenzen klar und deutlich aufzuzeigen.

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Den Mutmaßungen, Sancho wolle mit seinem Verhalten und seinen zuletzt oftmals fast schon lustlos wirkenden Auftritten einen Wechsel bereits im Winter provozieren, trat er zuletzt entschieden entgegen. Dafür gebe es "überhaupt keinen Hinweis", sagte er der Funke Mediengruppe - allerdings vor dem neuerlichen Eklat vor dem Barcelona-Spiel.

"Er hat lange eine Konstanz gehabt, die eigentlich unnatürlich war für einen Spieler in seinem Alter. Natürlich hat er gerade nicht seine beste Phase, aber er wird da wieder rauskommen", erklärte er.

Favre scheut sich nicht vor öffentlicher Kritik

Während der 57-Jährige also versucht, Sancho etwas aus der Schussbahn zu nehmen und Verständnis aufbringt, scheut sich Trainer Lucien Favre weniger davor, seinen Star auch öffentlich zu kritisieren.

"Wir brauchen Spieler auf dem Platz, die fokussiert und bereit sind", hatte der Schweizer vor dem letzten Spiel in der Königsklasse bei Sky vielsagend erklärt, ohne im Detail auf die Gründe für Sanchos Reservistenrolle einzugehen. "Wir haben ihn uns angeschaut und uns für diese Startelf entschieden", sagte er lediglich.

Und auch die Mitspieler scheinen zunehmend genervt von den Starallüren den gebürtigen Londoners zu sein. "Schlussendlich war es die Entscheidung des Trainers. Da stehen wir komplett dahinter", hatte etwa Kapitän Marco Reus die Verbannung Sanchos aus dem Kader gegen Gladbach kommentiert.

Und Mats Hummels machte nach dem Spiel im Camp Nou deutlich, dass das Hickhack um Sancho nicht gerade zu seinen Lieblingsthemen gehöre. "Das Thema möchte ich jetzt nicht öffentlich kommentieren", meinte er im Interview mit Sky.

Erwägt der BVB einen Wintertransfer von Sancho?

Weitere Sanktionen muss Sancho nicht befürchten. Das Thema sei intern besprochen, auch mit der Mannschaft, es sei abgehakt und erledigt, sagte Zorc.

Dennoch ist es gerade dieses Hickhack, das sie in der aktuell schwierigen sportlichen Phase in Dortmund aber so überhaupt nicht gebrauchen können. In der Champions League droht bereits in der Gruppenphase das Aus, in der Bundesliga beträgt der Rückstand auf Tabellenführer Gladbach nach zwölf Spielen fünf Punkte.

Zuletzt goss auch noch das US-Magazin The Athletic erst Anfang der Woche neues Öl ins Feuer und behauptete, Sancho fühle sich von der Führung des Klubs "gedemütigt, ungeschützt und zum Sündenbock erklärt" und die Zeichen könnten daher auf Abschied stehen.

Dennoch dürfte ein vorzeitiger Verkauf Sanchos im Winter für die BVB-Bosse die letzte Option sein, auch wenn man sich offenbar auf dem Transfermarkt bereits nach Ersatz umschaut. Zwei Namen die dabei immer wieder fallen: Javairo Dilorosun (Hertha BSC) und Ferrán Torres (FC Valencia).

Eberl: "Als Verein schon Möglichkeiten"

Zorc stellte auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Hertha BSC zudem klar, dass ein Verkauf im Winter auch für Sancho kein Thema sei. Das habe er auch aus Gesprächen mit seinem Berater so erfahren.

Für Dortmunds Rekordspieler ist es bestenfalls ganz einfach: "Wir hoffen, dass er Samstag in Berlin ein gutes Spiel macht." Die Beziehung zwischen dem BVB und Sancho ist dennoch verworren.

"Mit Sancho ist es eine komplizierte Situation. Das kann nicht nur der Trainer lösen. In dieser Saison ist er nicht auf dem Niveau der letzten Spielzeit. Da gehört viel dazu. Die Mannschaft muss das mitregeln. Es ist wichtig, dass alle Spieler in die gleiche Richtung gehen. Als Verein hat man schon Möglichkeiten etwas zu tun, und wenn es ist ihn zu verkaufen", erklärte Gladbachs-Sportdiretkor Max Eberl jüngst passend dazu im CHECK24 Doppelpass.

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