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Die DFL plant offenbar eine Revolution: Die Altersgrenze soll herabgesetzt werden. Im Gespräch mit SPORT1 findet Andreas Rettig lobende und mahnende Worte.

Der Weg in die Bundesliga könnte schon bald frei sein für das 15 Jahre alte Wunderkind Youssoufa Moukoko von Borussia Dortmund. Das berichten Bild und Welt am späten Mittwochabend.

Danach plädieren die DFL-Kommissionen Fußball und Nachwuchsleistungszentren für eine Zustimmung der angedachten Änderung. Bislang mussten Spieler entweder ihr 18. Lebensjahr vollendet haben oder zum jüngeren Jahrgang der U19 zählen, um im Profifußball auflaufen zu dürfen. 

Zwar gab Nuri Sahin 2005 im Alter von 16 Jahren und 335 Tagen als bislang jüngster Spieler sein Debüt im Oberhaus des deutschen Fußballs - allerdings nur, weil das ein zweites Kriterium für eine Spielberechtigung erfüllte.

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Rettig und Eberl begrüßen Initiative

"Das ist eine Initiative, die aus meiner Sicht ausdrücklich zu begrüßen ist. Wir haben vor Jahren schon darüber in der DFL diskutiert. Das stärkt die Wettbewerbsfähigkeit aller Klubs", erklärt der ehemalige DFL-Geschäfsführer Andreas Rettig im Gespräch mit SPORT1.

"Dadurch bekommen auch Zweit- und Drittligisten die Chance, ihre Mannschaften zu verbessern und den Marktwert durch Einsätze von jungen Spielern zu steigern. Das ist ein Vorteil, um jüngere Talente besser an den Verein zu binden. Wenn man dem 16-Jährigen sagen kann, dass er schon in der ersten Mannschaft mitspielen kann, dann ist das ein Vorteil."

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Auch bei Vertragsverhandlungen sei es für die Klubs eine gute Argumentation, den Talenten Einsätze in der 1. Mannschaft in Aussicht zu stellen.

Auch Max Eberl ist für die Senkung der Altersgrenze. "Die Zeiten haben sich geändert. Ein 16-Jähriger ist heutzutage weiter als früher. Wenn die Jungs fußballerisch so gut sind, dass sie in der ersten Liga spielen können, warum nicht?! In anderen Ländern gibt es das ja auch. Wir sind da bislang strenger gewesen. Klar ist aber, dass wir als Verein in der Pflicht und Verantwortung stehen und bei der Thematik noch sensibler sein müssen als bei einem 20-Jährigen", sagte der Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach auf SPORT1-Nachfrage.

"Es gibt Ausnahmetalente. Ich finde gut, wenn man denen die Möglichkeit geben kann. Wir haben viele Jungs in den Leistungszentren, die schon früh an das Ballyhoo in der Bundesliga rangeführt werden."

BVB soll Antrag für Moukoko eingereicht haben

Den Berichten zufolge soll über die vorgesehene Neuregelung Ende März entschieden werden, wenn die DFL-Vollversammlung der 36 Klubs aus Bundesliga und 2. Liga das nächste Mal tagt. Weil die DFL den Antrag gestellt hat, ist der DFB daran nicht beteiligt, sondern nur die 36 Erst- und Zweitligisten, die nicht unter der DFB-Struktur stehen.

"Ich kenne aktuell nicht die Bestrebungen, weil ich nicht in der DFL-Kommission bin. Ich weiß nicht, ob es zu einer Abstimmung kommt", erklärt Rettig, der die DFL 2015 verließ und bis Ende September 2019 Geschäftsleiter Sport beim FC St. Pauli war.

Der DFB gab am Donnerstagnachmittag ein Statement ab, das auch SPORT1 vorliegt. "Grundsätzlich halten wir es für zielführend, jungen Spielern möglichst viel Zeit für ihre individuelle Entwicklung zu geben. In Ausnahmefällen kann es durchaus Sinn machen, Top-Talente früher an das höchste Level heranzuführen, das zeigen auch Beispiele aus dem Ausland. Insofern halten wir eine Öffnung im Bereich der DFL-Klubs (1. und 2. Liga/Anm. d. Red.) für vertretbar", sagte Joti Chatzialexiou, Sportlicher Leiter Nationalmannschaften.

Im Fall Moukoko soll der BVB den Berichten zufolge bereits einen einsprechenden Antrag angekündigt haben - die Westfalen wollen ihr Mega-Talent offenbar zügig in die erste Mannschaft befördern. 

Bundesliga will Wettbewerbsnachteil ausgleichen

Hintergrund: Moukoko könnte bei Fortbestand der jetzigen Regelung frühestens 2021 in der Bundesliga auf dem Feld stehen. Käme es allerdings zur Änderung der Statuten, stünde er den Dortmunder-Profis bereits zur nächste Saison zur Verfügung.

Der Linksfuß gilt als eines der größten Talente des deutschen Fußballs. Derzeit spielt der Mittelstürmer in der U19 und erzielte dort bislang in 21 Spielen 26 Tore.

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"So etwas ist eher zu begrüßen als andere unsinnige Wettbewerbe, bei denen 17-Jährige in der UEFA Youth League durch die Weltgeschichte geschickt werden. Da besteht eher die Gefahr, die Spieler zu verheizen, als wenn man sie dosiert im eigenen Verein langsam an den Seniorenbereich heranführt", meint Rettig bei SPORT1.

Generell soll es bei der Senkung der Altersgrenze allerdings nicht nur um den Einzelfall Moukoko gehen: Die Bundesliga wolle vielmehr auf lange Sicht ihren Wettbewerbsnachteil gegenüber anderen europäischen Ligen ausgleichen, heißt es.

Rettig: "Das ist problematisch"

In den anderen Top-Ligen (England, Spanien, Italien und Frankreich) liegt die Altersgrenze bereits tiefer. Bestes Beispiel ist Ansu Fati, der im August 2019 sein Debüt für den FC Barcelona mit 16 Jahren gab. 

In der Premier League ist Harvey Elliott mit 16 Jahren und 30 Tagen der jüngste Fußballspieler, der jemals zum Einsatz kam (seit Mai 2019). 

Dennoch warnt Rettig davor, das Mindestalter zu sehr auszureizen. "Man muss aufpassen, dass wir nicht zu früh Heranwachsende an die Spiele führen. Das ist problematisch, was die physischen Voraussetzungen angeht. 15-Jährige gegen ausgewachsene und erfahrene Spieler zu stellen wäre mit Vorsicht zu genießen", mahnt der 56-Jährige.

"Wenn man das Mindestalter herabsetzt, ist das nur eine Kann-Bestimmung - man muss es ja nicht machen. Das ist eine weitere Chance für die Vereine, so etwas zu tun oder es zu lassen. Kein verantwortungsbewusster Trainer wird auf die Idee kommen, einen 15-Jährigen ohne die nötigen körperlichen Voraussetzungen spielen zu lassen."

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde ein Zitat von Andreas Rettig benutzt, das jedoch aus dem Jahr 2013 stammt. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen.

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