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Nicht nur bei Mario Gomez war der Frust über den Videobeweis in der Hinrunde groß. Bei SPORT1 sprechen drei Bundesliga-Schiris über dessen Vor- und Nachteile.

Als Mario Gomez loslegte, war sein Frustpegel gerade in ungeahnte Höhen gestiegen.

"Das ist so ein Bullshit", hatte der Stürmer des VfB Stuttgart kürzlich nach der Pleite beim SV Sandhausen (1:2) gepoltert.

"Wenn wir jetzt jedes Mal wegen zwei Zentimetern zurückpfeifen und der Linienrichter, weil so viel Druck auf dem bescheuerten Videobeweis lastet, immer aus Sicherheit die Fahne hebt, ist er ja fein raus, weil ihn der Videobeweis revidiert." 

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Unglaubliche fünf Tore waren dem früheren Nationalstürmer innerhalb kurzer Zeit wegen Abseits aberkannt - insofern blieb seine hitzige Reaktion nachvollziehbar. "Vielleicht ist das jetzt dafür die Quittung der Schiedsrichter, die da im Keller sitzen, dass ich ihnen 20 Jahre auf die Eier gegangen bin auf dem Platz."

Was Gomez zum Ende der Hinrunde so bewegte, ist das derzeit umstrittenste Thema in der Fußballwelt: Der Videobeweis, und hier vor allem die Bewertung bei Abseits-Situationen.

Gräfe versteht den Gomez-Frust

Fans, Trainer und Spieler sind darüber großteils ebenso frustriert und wütend. Schon das Anzeigen des Referees mit der typischen Handbewegung sorgt für genervtes Raunen auf den Rängen, den Trainerbänken und in den Wohnzimmern.

Aber was sagen eigentlich die Unparteiischen - also diejenigen, die mit dem Videobeweis arbeiten müssen? SPORT1 hat im Schiedsrichter-Trainingslager in Lagos (Portugal) mit drei renommierten Referees gesprochen: Manuel Gräfe, Jochen Drees und Lutz-Michael Fröhlich.

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Gräfe kann den Frust von Gomez durchaus nachvollziehen: "Wenn du Fußball spielst, willst du gewinnen und einer der schönsten Momente ist nun einmal, Tore zu schießen. Wenn die aberkannt werden, ärgerst du dich, das ist normal." 

Allerdings gibt er zu bedenken, dass der Stuttgarter Torjäger nur ein einziges Mal wirklichen Grund hatte, sich aufzuregen. "Von den fünf Toren sind vier allein vom Assistenten schon aberkannt wurden. Die hätten auch so nicht gezählt. Damit hat der Videobeweis letztlich nur ein Tor verhindert."

Die millimetergenaue Überprüfung dank der kalibrierten Linien im Kölner Keller ist Fluch und Segen zugleich. Fluch für Gomez und Co., weil deren Meinung nach im Zweifel gegen den Angreifer entschieden wird. Segen für die Schiedsrichter, weil sie sich - im Gegensatz etwa zur Hand-Regel - komplett auf die Technik verlassen können.

Drees: "Müssen Bilder in die Stadien bringen"

Und dennoch: Wenn eine Abseits-Entscheidung für das menschliche Auge fast nicht mehr sichtbar wird, weil der Angreifer nur wenige Millimeter vor dem Verteidiger steht, dann macht sich vielfach Unmut breit. 

Was wäre also, würde man die kalibrierte Linie wieder einmotten? Für Drees ist das im digitalen Zeitalter keine echte Option mehr. 

"Dann verlange ich, dass wir alle die kalibrierten Linien weglassen - oder jegliche Form von Linien", sagt der Referee. "Denn es wäre unfair, wenn wir als Spezialisten die kalibrierte Linie wegließen und die Medien im Nachgang dann ihre eigenen Linien präsentieren, die teilweise falsch angelegt sind." Die befürchtete Folge: Prompt wären wieder die Unparteiischen die Buhmänner.

Einen Verbesserungsvorschlag hat Drees allerdings in punkto Zuschauer-Freundlichkeit. "Wir müssen die Bilder in die Stadien bringen. Wir können nicht den TV-Zuschauer über alles informieren, aber den Stadion-Zuschauer im Dunkeln lassen. Warum sollen wir das nicht auf die Leinwände ins Stadion bringen, sodass die Leute die Möglichkeit haben, sich das anzuschauen und sich ihre eigene Meinung zu der jeweiligen Situation zu bilden?"

Zugegeben: Für Gräfe hat der Videobeweis "dem Fußball ein bisschen die Seele, die Emotionen geraubt". Doch der renommierte Schiedsrichter ist sich darüber im Klaren, dass im Profifußball für Romantik kein Platz mehr ist. "Auf der anderen Seite wollten das (den Videobeweis, Anm. d. Red.) die Vereine so, das wollte die DFL so", sagt er.

Gräfe lädt Gomez in den Keller ein

Andererseits ist sich Gräfe bewusst, dass der Videobeweis in entscheidenden Situationen von großem Nutzen sein kann. "Es wird nie wieder ein Phantom-Tor geben oder dass jemand den Ball mit der Hand ins Tor boxt – und dafür ist der Videobeweis ja eigentlich eingeführt worden. Diese Dinge gibt es nicht mehr, die sind eigentlich elementar. Und es ist gut, dass die verhindert wurden."

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Da allerdings, wo es keine Schwarz-Weiß-Entscheidungen gibt, wird es auch künftig zu hitzigen Diskussionen kommen. "Der Anspruch der totalen Perfektion durch einen Videoassistenten-Einsatz im Spiel funktioniert nicht", stellt Fröhlich klar."Es wird nach wie vor Fehler geben, denn Menschen agieren in dem System, und damit müssen alle letztendlich leben."

Und dennoch - und da sind sich alle drei Schiedsrichter einig: "Der Videobeweis hat für eins gesorgt. Er hat die Zahl der Fehler von Schiedsrichtern reduziert", sagt Drees. Da muss auch mal ein tobender Mario Gomez in Kauf genommen werden.

Dem VfB-Stürmer schickt Gräfe noch einen Gruß: "Vielleicht sollte er sich die Einladung mit Köln, die von Jochen (Jochen Drees Anm. d. Red.) kam, doch noch überlegen. Es ist ganz spannend, wenn man mal da war. Dann sieht man, dass es doch nicht so einfach ist, wie man von außen denkt."

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