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München - Nach der nächsten Facebook-Posse scheint die Trennung zwischen Jürgen Klinsmann und Hertha BSC beschlossen. SPORT1 erklärt, woran der Ex-Bundestrainer gescheitert ist.

Immerhin: Jürgen Klinsmann nahm ihn nicht, den ersten Flieger in die kalifornische Wahlheimat, wie es manch einer erwartet hatte. Sein Abgang nach dem großen Beben bei Hertha BSC sollte keineswegs nach einer Flucht aussehen.

Stattdessen wählte der ehemalige Bundestrainer die Flucht nach vorn, als er sich 32 Stunden nach seinem spektakulären Rücktritt als Berliner Chefcoach via Facebook Live noch einmal an seine Fans und Kritiker wandte.

Was am Ende bleibt? Eine Hauptstadt-Posse, deren Höhenpunkt noch immer nicht erreicht ist. Schließlich sind Klinsmanns jüngste Äußerungen durchaus als Attacken auf Herthas Entscheidungsträger zu interpretieren.

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Schon bevor Großinvestor Lars Windhorst, der Klinsmann nun offenbar die Rückkehr in den Aufsichtsrat verweigern will, sowie Klubpräsident Werner Gegenbauer und Sport-Geschäftsführer Michael Preetz am Donnerstag (11.30 Uhr im LIVETICKER) zur aktuellen Situation Stellung beziehen, dürfte klar sein: Klinsmann Ruf ist schwer beschädigt, eine weitere Zukunft bei den Berlinern kaum vorstellbar.

SPORT1 erklärt, auf welchen Feldern sich Klinsmann am Ende selbst ins Abseits manövriert hat. 

Thema Forderungen:

"Das Ganze hat mit Geld überhaupt nichts zu tun. Geld war nie ein Thema, nie ein Problem", sagte Klinsmann am Mittwoch während seines 13-minütigen Facebook-Monologs. "Ich wollte länger bleiben."

Der eigenen Darstellung zufolge befand sich Klinsmann bis zuletzt in einem vertragslosen Zustand: "Wir haben es leider nicht geschafft, über die Wochen hinweg einen Vertrag zu entwickeln, wo eine genaue Aufgabentrennung, eine genau Kompetenzaufteilung da ist."

Eine Situation, die den 55-Jährigen wurmte - und bei der es schließlich, wenn vielleicht nicht um Finanzielles, so aber doch um vergleichbare Privilegien ging. 

Die Bild berichtete, das Verwürfnis habe sich schon im Januar beim Trainingslager in Florida abgezeichnet. Dort soll Klinsmann einen sofortigen Kontrakt über zwei Jahre gefordert haben - einen schriftlichen Vertrag mit Hertha gab es laut Klinsmann bisher nicht.

Im Zuge dieser Gespräche sei es zudem um eine Rückhol-Aktion seines Sohnes Jonathan Klinsmann gegangen, der als dritter Torwart bei der Hertha aussortiert worden war, seit dieser Saison beim FC St. Gallen ein Reservisten-Dasein fristet.

Thema Macht:

Worum es Klinsmann aber vor allem ging, war eine im Klub bisher noch nie dagewesenen Fülle von Hoheitsgewalt, die weit über die klassische Rolle eines Cheftrainers hinausgeht.

"Es ging einfach um klare Kompetenzaufteilung - und die haben wir nicht hinbekommen", gab Klinsmann zu. "In Deutschland ist man es gewohnt, dass sich ein Manager so einbringt, dass er nahe dran ist an der Mannschaft."

Klinsmann hatte dies schlichtweg unterschätzt: "Ich war das nicht mehr gewohnt, ich kenne das englische Modell, in dem ein Manager - es heißt dort ja Manager, nicht Trainer - eigentlich nur einen Vorgesetzten hat: den Chef des Klubs. Diese zwei sprechen sich ab, dann wird es umgesetzt."

Eine System-Kritik, die vor allem auf Manager Michael Preetz abzielt, ohne dass Klinsmann ihn namentlich nannte.

"Das hat mir unglaublich aufgestoßen, diese Art der Arbeit, dass noch ein Manager dasitzt, seine Kommentare abgibt zu den Spielern, wie auch immer, oder zum Schiedsrichter, egal wie auch immer."

Er habe "sich aufgerieben in vielen, vielen Nebenkriegsschauplätzen", ergänzte Klinsmann weiter. Die Folge: Von einer konstruktiven Zusammenarbeit mit Preetz war der frühere Bundestrainer bei der aktuell mehr denn je abstiegsbedrohten Hertha am Ende genauso weit entfernt wie von seiner Ankündigung, einen "Big City Club" zu formen - zu sehr überlagerte der Machtkampf das Tagesgeschäft.

Thema Kommunikation:

Immerhin dürfte Klinsmann mittlerweile selbst gemerkt haben, mit seinem Rücktritt übers Ziel hinausgeschossen zu sein: "Die Dinge haben sich ein bisschen überschlagen, es war viel Kritik da, auch berechtigte Kritik. Natürlich fragwürdig, kritikfähig. Ich möchte mich dafür entschuldigen, wenn es eine negative Botschaft war. Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit lassen sollen, mehr reden sollen mit der Hertha-Führung."

Eine Einsicht, die Klinsmann ("Klar, wenn ich es mit ein paar Leute abgestimmt hätte - die hätten mich wahrscheinlich umgestimmt") nach dem neuerlichen Facebook-Auftritt aber nichts mehr nutzen dürfte.

Klinsmann dozierte, versuchte abermals die Deutungshoheit zu behalten, auch wenn er beteuerte, dem donnerstäglichen Auftritt seiner Vorgesetzten keineswegs vorgreifen zu wollen: Es habe "nichts damit zu tun, dass Hertha morgen vor die Mikrofone" trete. Tatsächlich geläutert wirkt Klinsmann nicht, der die Bosse schon bei seinem Trainer-Rücktritt düpiert hatte, als er vor einem Vereinsstatement in Eigenregie seinen Entschluss via Social Media kommunizierte.

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Thema Emotionen:

Klinsmann holte auch noch einmal zur großen Medienschelte aus, polterte: "Meine Fußballlehrer-Lizenz war nie abgelaufen. Die ganze Scheiße, die da von einigen erfunden wurde - das war nicht so! Es sind viele Kleinigkeiten, wo man draufgehauen hat." 

Nach der Niederlage in Mainz am Wochenende sei er "angefressen gewesen" und habe "nicht vor sich halt machen können. In vielen kulturellen Elementen in der Abstimmung, im intimsten Bereich einer Mannschaft hat es halt nicht gepasst".

Was am allerwenigsten passte zwischen ihm und Hertha, war augenscheinlich Klinsmanns Sturheit.  "Viele sagen, dass ich ein Chaos hinterlasse. Das stimmt absolut nicht!", beteuert Klinsmann. "Wir haben einen Verjüngungsprozess der Mannschaft aktiviert, waren aktiv auf dem Transfermarkt für die Zukunft von Hertha BSC."

Als Coach hinterlässt er allerdings verbrannte Erde, als Hertha-Aufsichtsratsmitglied ist er kaum noch glaubwürdig. Auch wenn Klinsmann seine generelle Bereitschaft unterstrich, in das Gremium zurückzukehren - sein Rücktritt dürfte vor allem Windhorst wenig gefallen haben.

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Der Investor soll hochgradig verstimmt sein, wie der Spiegel berichtet, Klinsmanns Aus bei der Hertha demnach beschlossene Sache sein. Klinsmann scheint das zu ahnen, erklärte hierzu nur kurz: "Da sollen die Leute sagen, wie sie es wünschen."

Fakt ist: Sein Rücktritt hat Klinsmann in eine extrem schwache Verhandlungsposition gebracht - auch für künftige Arbeitgeber.

"Ich bin halt so geschnitzt mit meinen Ecken und Kanten, ich mache genauso Fehler wie jeder andere auch und entschuldige mich nochmal dafür", schloss Klinsmann seine Rede. "Er hoffe auf bald - auf bald in Berlin. Tschüss!"

Dass es dazu kommt, daran mag niemand mehr glauben...

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