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Michael Ballack gibt Kai Havertz einen entscheidenden Rat, sollte er zum FC Bayern wechseln. Der frühere Bayern-Star analysiert auch die Mittelfeldzentrale der Münchner.

Den FC Bayern hat Michael Ballack trotz seines Urlaubs im Norden Europas weiterhin fest im Blick.

Dem früheren Weltklasse-Fußballer (157 Pflichtspiele, 63 Tore für die Münchner) ist auch der 3:1-Erfolg der Münchner in Mainz nicht entgangen. Die Rückkehr auf Platz eins hat auch mit einer wiedererstarkten Mittelfeld-Zentrale zu tun, in der Leon Goretzka nach Ansicht von Ballack eine exponierte Rolle einnimmt.

Das SPORT1-Interview spricht der ehemalige Kapitän der deutschen Nationalmannschaft über seine Gemeinsamkeiten mit Goretzka, die Zukunft von Kai Havertz und die Personalie Philippe Coutinho.

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SPORT1: Herr Ballack, im Zentrum des FC Bayern herrscht ein großer Konkurrenzkampf und Kai Havertz soll auch noch kommen.

Michael Ballack: Ob man ihn möglicherweise verpflichtet, hängt sicher auch mit der Zukunft von Philippe Coutinho zusammen. Ich will da keine Empfehlungen abgeben, aber unabhängig davon: Wenn die Bayern perspektivisch handeln und man weiterhin den Anspruch hat, die besten deutschen Spieler zu holen, dann muss Havertz geholt werden. Er ist ein Ausnahmespieler, aber eines ist auch klar…

SPORT1: Und zwar?

Ballack: Havertz braucht noch Zeit. Er braucht auch die Robustheit, mental für den FC Bayern präpariert zu sein. Ich habe meine Zeit in Leverkusen damals auch gebraucht. Havertz muss nun genau auf seine Entwicklung schauen. Über seine fußballerischen Qualitäten brauchen wir nicht zu reden, denn er ist ein Topspieler. Die Bayern müssen entscheiden, ob sie seine Rolle brauchen und was er ihnen wert ist. Er bringt sicher alles mit, was der FC Bayern braucht. Aber sein möglicher Transfer muss auch in den finanziellen Rahmen passen.

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Havertz ist in Leverkusen super aufgehoben

SPORT1: Ist er über 100 Millionen Euro wert?

Ballack: Puh. Er ist immer noch in der Entwicklungsphase und hat auch noch Fehler in seinem Spiel. Das ist aber auch normal. Was ich sagen kann: In Leverkusen ist er aktuell super aufgehoben. Dort kann er auch in Ruhe seine Persönlichkeit weiterentwickeln. Beim FC Bayern brauchst du andere Eigenschaften, um dich durchzusetzen. Nur gut zu sein, reicht dort nicht.

SPORT1: Wie gut finden Sie Leon Goretzka, der gegen Mainz 05 erneut den Vorzug vor Philippe Coutinho erhalten hat?

Ballack: Leon hat als Mittelfeldspieler einen großen Vorteil: Er ist torgefährlich. Diese Spieler machen den Unterschied aus. Heutzutage wird oft im Raum verteidigt und nicht mehr so oft am Mann. Wenn dann ein Spieler wie Leon oft in die Box geht, wird es für die Defensive schwieriger, Zuordnungen zu finden. Das ist Leons große Stärke. Die Torgefahr war auch mal eine Stärke von Joshua Kimmich. Diesen Instinkt zu haben, immer wieder nach vorne zu preschen und Tore zu erzielen. Dazu gehören auch große läuferische Fähigkeiten. Die bringt Goretzka mit. Wichtig ist auch, dass Trainer den Spielern Freiheiten geben. Bei Hansi Flick und Goretzka scheint das gegeben zu sein, denn er darf vorne mit reingehen.

Ballack über Goretzka: Hat das gewisse Extra

SPORT1: Corentin Tolisso spielt derzeit kaum eine Rolle, kam auch in Mainz nur zu einem Kurzeinsatz.  

Ballack: Weil Leon mit seiner Qualität derzeit vielleicht etwas mitbringt, was Tolisso nicht abrufen kann. Leon ist einen Tick torgefährlicher. Das macht das gewisse Extra aus.

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SPORT1: Wie sehen Sie Goretzkas Rolle im Mittelfeld?

Ballack: Er ist noch nicht unumstritten. Das ist auch nicht einfach, denn der Kader ist sehr stark. Ich war damals unumstrittener als Leon heute. Ob das jetzt an mir lag oder am Kader? Leon muss sich jetzt so entwickeln, dass es selbstverständlich ist, dass er immer spielt. Das muss für ihn der nächste Schritt sein, auch international. Er muss der Spieler sein, der den Unterschied ausmacht.

"Coutinho muss jetzt zurückzahlen"

SPORT1: Ihre Meinung zu Philippe Coutinho?

Ballack: Er ist immer noch neu beim FC Bayern. Das ist nicht immer einfach. Viele Topspieler haben Anlaufschwierigkeiten und erfüllen die Erwartungen nicht immer. Bei Bayern spielen immer viele Stars, da geht es auch um Eitelkeiten. Coutinho ist ein Top-Spieler und hat große Veranlagungen. Er braucht aber auch die Akzeptanz im Team und ein gutes Verhältnis zum Trainer, damit er sein Können abrufen kann. Coutinho muss jetzt mit Leistung zurückzahlen.

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SPORT1: Eine entscheidende Rolle spielt derzeit auch Hansi Flick. Ist er für Sie als Dauerlösung vorstellbar?

Ballack: Ich sehe da jedenfalls keine Probleme für die Bayern. Hansi kam aus der Not heraus, weil er für Niko eingesprungen ist. Er ist ein angenehmer und intelligenter Typ. Das sind Eigenschaften, mit denen man eine Mannschaft in den Griff bekommen kann. Diese Truppe muss aber auch bei Laune gehalten werden, die Egoismen müssen zusammen funktionieren. Man muss sie fußballerisch weiterentwickeln, aber mit der nötigen Lockerheit. Das ist die Kunst bei einem so großen Verein wie dem FC Bayern. Diese Aufgaben zu bewerkstelligen, war eine große Stärke von Ottmar Hitzfeld und Jupp Heynckes.

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SPORT1: Zuletzt wurde Flick bereits mit Hitzfeld und Heynckes verglichen.

Ballack: Stimmt. Von außen betrachtet, ist man mit Flick zufrieden. Es wird immer wieder Diskussionen um den Trainer geben, damit wird er auch umgehen müssen. Ich glaube, dass die Bayern auf die Trainer-Frage mit ihren jüngsten Aussagen schon selbst eine Antwort gegeben haben. Sie scheinen ihm zu vertrauen, aber auch er wird nur am Erfolg bemessen werden.

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