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München - Mario Götze steht im Sommer vor einem erneuten Neuanfang. Für seine Karriere ist sein nächster Vertrag von entscheidender Bedeutung.

Mit 27 Jahren, so sagt man, befindet sich ein normaler Fußballer auf dem Höhepunkt seines Schaffens.

Doch bei Mario Götze ist fast nichts normal. Der BVB-Spieler, der bereits mit 17 für die Schwarzgelben debütierte, steht mit 27 Jahren (einmal mehr) am Scheidepunkt seiner Karriere.

Sein Vertrag in Dortmund läuft aus, ein Abschied steht so gut wie fest. Doch anders als in jungen Jahren stehen die Topklubs nicht Schlange. Im Gespräch war zuletzt ein Interesse von Bayer Leverkusen, doch dessen Sportchef Simon Rolfes erklärte in der Bild, der WM-Held von 2014 sei kein Thema beim Werksklub. Auch das Interesse von Hertha BSC ist nach SPORT1-Informationen nach dem Rücktritt von Jürgen Klinsmann erkaltet.

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In seiner Vergangenheit wurde Götze oft mit dem FC Liverpool in Verbindung gebracht. Doch aktuell ist Götze sportlich meilenweit entfernt von den Reds.

Götzes letzte Chance

Will Götze seiner Karriere noch einmal einen Schub geben, hat er im Sommer die wohl letzte Chance dazu.

Doch trotz seiner in den vergangenen Jahren wechselhaften sportlichen Leistung polarisiert er wie kaum ein andere Deutscher Fußballer. SPORT1 erklärt, wieso.

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Der Begriff Jahrhunderttalent wird fast schon inflationär verwendet. Auch Götze ist so eines. Mit 17 debütiert er im November 2009 für den BVB, bisher sind überhaupt nur fünf Spieler jünger gewesen bei ihrem Debüt für den Revierklub.

Schnell zeigt Götze, dass er einer der ganz Großen des Weltfußballs werden kann. Seine Dribbelstärke gepaart mit filigraner Technik und ungeheurer Dynamik lässt nicht nur BVB-Fans mit verzückten Augen zurück.

Bereits ein Jahr später ist Götze fester Bestandteil der Meistermannschaft von Jürgen Klopp, glänzt mit sechs Toren und 15 Assists im offensiven Mittelfeld. Im Jahr darauf wiederholt Klopp das Kunststück des Meistertitels, Götze trägt seinen Teil dazu bei, auch wenn er aufgrund einer Schambeinverletzung lange ausfällt.

Auch die Saison 2012/13 ist eine Götze-Saison, er besticht in der Bundesliga mit zehn Toren und zwölf Assists, führt sein Team dazu ins Champions-League-Finale von Wembley.

Doch im April 2013, genau einen Tag vor dem wichtigen Champions-League-Halbfinalspiel des BVB gegen Real Madrid, lässt die Nachricht über den Götze-Wechsel zum FC Bayern München die BVB-Fans und Verantwortlichen aus allen Wolken fallen. "Ich habe mich umgedreht, bin aus dem Büro gegangen, nach Hause gefahren, habe mich ins Bett gelegt", schildert Klopp Jahre später in der DAZN-Doku "Being Mario Götze" seine Reaktion, als er vom Wechsel seines Schützlings erfuhr.

Bayern-Wechsel sorgt für Missstimmung

Auch die BVB-Fans nehmen Götze den Wechsel sehr übel. Grund dafür ist unter anderem, dass Götze wenige Monate zuvor in einem Interview erklärt hat, er könne sich vorstellen, für immer Schwarzgelb zu tragen.

Der Social-Media-Fauxpas, den sich Götze bei der Verkündung seines Abschieds leistet, ist dazu Wasser auf die Mühlen wütender Dortmund-Fans. Statt "neues Kapitel" ist in einem Posting von "neues Kapital" zu lesen. Ein gefundenes Fressen.

Im CL-Finale kommt es dann zum Duell des BVB gegen die Bayern. Doch Götze fehlt verletzt, Dortmund verliert kurz vor Schluss durch einen Treffer von Arjen Robben.

Götzes Verletzung erschwert auch seinen Start beim Starensemble des frischgebackenen CL-Siegers, der mit Pep Guardiola den zu diesem Zeitpunkt besten Trainer der Welt an die Säbener Straße lotst. Götzes Debütsaison in München ist mit 28 Scorern in 45 Pflichtspielen keine Schlechte, doch es bleibt seine beste.

Bei der anschließenden WM in Brasilien avanciert Götze mit seinem Last-Minute-Siegtreffer im Finale gegen Argentinien zum Helden einer ganzen Nation. Dieser Treffer lässt den Hype um den inzwischen 22 Jahre alten Bayern-Akteur noch größer werden.

Dass Götze während des gesamten Turniers kaum eine Rolle im Team von Bundestrainer Joachim Löw spielt, fällt dabei in der Rückbetrachtung fast unter den Tisch.

Nach der WM zeigt Götzes Karrierepfeil dann nur noch in eine Richtung: nach unten. Götze, von Guardiola oft auf der ungeliebten "falschen Neun" aufgestellt, verliert mehr und mehr den Anschluss zum Team. Er wirkt öfter nicht fit, die Spritzigkeit aus jungen Jahren ist ihm nicht mehr anzusehen. Kritiker werfen ihm vor, er trainiere nicht hart genug und ernähre sich nicht richtig.

Die Marke Götze wächst

Doch während sich seine sportliche Karriere mehr und mehr in negative Richtung entwickelt, wächst die Marke Götze immer weiter. Der gebürtige Memminger ist längst Werbegesicht und Influencer.

Schon vor der WM 2014 kommt eine App auf den Markt, mit der die Fans Götze ganz nah sein können. Sei es durch Bilder aus dem Mannschaftsbus oder beim Mittagessen mit den Nationalmannschaftskollegen. "Part of Götze".

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Es folgt eine eigene Marke "G" in Form eines dynamischen Pfeils. Damit sollen "Götzes fußballerisches Können als auch sein Lifestyle" symbolisiert werden, heißt es in einer Mitteilung.

Dazu verärgern werbegesteuerte Social-Media-Postings immer mehr Fans. Aber auch das Auftreten Götzes gefällt nicht jedem. Der Offensivspieler wirkt oft unnahbar, teilweise emotionslos. Auch seine Körpersprache auf dem Platz signalisiert das.

2016 folgt dann die Rückkehr nach Dortmund. Bei den BVB-Verantwortlichen ist man sich sicher, wieder den "alten Mario Götze" hervorholen zu können. Doch es gelingt ihn nicht. Götze kann in seiner zweiten Zeit in Dortmund kaum länger überzeugen, ist dazu öfter verletzt, wirkt nicht austrainiert.

Löw lässt Götze zu Hause

Im Sommer 2017 kommt eine Stoffwechselerkrankung ans Licht. Götze nimmt sich komplett heraus, arbeitet intensiv an seiner Fitness und an seinem Comeback, immer das große Ziel WM 2018 vor Augen. Doch Löw lässt Götze zu Hause.

In der DAZN-Dokumentation "Being Mario Götze", die im Sommer 2018 erscheint, gibt sich der ehemalige Nationalspieler vielleicht nahbar wie selten. Er spricht offen über seine schwere Zeit in München und seine Stoffwechselerkrankung. "Das zu verstehen war sehr frustrierend", erklärt ein nachdenklicher Götze.

Unter Trainer Lucien Favre will Götze im Sommer 2018 neu durchstarten. Doch auch der Schweizer hat in seinen Plänen keinen Platz für das einstige Wunderkind. "Er ist sehr professionell, er macht und tut alles. Und trotzdem hat man ja den Eindruck, dass irgendwas fehlt", erklärte BVB-Boss Hans-Joachim Watzke im Juli 2018 in der Bild.

Zwei (verlorene) Jahre später neigt sich Götzes Zeit in Dortmund erneut dem Ende zu. Sein Vertrag läuft aus. Der BVB war einer Verlängerung lange nicht abgeneigt, allerdings zu deutlich reduzierten Bezügen. Doch dazu kommt es wohl nicht.

Gute Nachrichten gib es für Götze in jüngster Vergangenheit dennoch. Seine Frau Ann-Kathrin erwartet das erste gemeinsame Kind, ist bereits im siebten Monat schwanger.

Für Götze bietet sich im Sommer eine Chance, seiner Karriere endlich weitere Highlights hinzuzufügen. Wohin es ihn verschlagen wird, ist noch völlig offen. Seinen neuen Arbeitgeber wird sich der Weltmeister-Held von 2014 aber mit Sicherheit gut überlegen. Der letzte Schuss sollte sitzen.

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