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Am 9. Mai 1998 gewann der 1. FC Kaiserslautern als Aufsteiger in Hamburg die Deutsche Meisterschaft. Bei SPORT1 blicken zwei ehemalige Spieler auf das Wunder zurück.

Es lief die 80. Spielminute, als sich Michael Schjönberg zum Kopfball hochschraubte. Oliver Kahn im Tor des FC Bayern war geschlagen, Otto Rehhagel ballte an der Seitenlinie die Fäuste.

Es sollte der einzige Treffer an diesem Nachmittag bleiben. Mit 1:0 siegte der 1. FC Kaiserslautern am ersten Spieltag der Saison 1997/1998 im Münchner Olympiastadion als Aufsteiger beim FC Bayern. Der Auftakt zu einer denkwürdigen Erfolgsgeschichte, die in die Annalen der Bundesliga einging.

Am Ende dieser Spielzeit, am 9. Mai 1998, wurde nicht das Münchner Starensemble Deutscher Meister, sondern der Aufsteiger aus der Pfalz, bei dem nach dem Abstieg 1996 und dem Wiederaufstieg das Team weitestgehend zusammengehalten werden konnte. Bis heute einmalig im deutschen Fußball. Die Pfalz stand wochenlang Kopf.

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"Einfach nur der Wahnsinn"

"Das war ein Jahr wie im Rausch. Wenn ich zurückdenke, war das einfach nur Wahnsinn. Es war so emotional. Wir haben mit jedem Sieg in dieser Saison Geschichte geschrieben. Das war wie im Märchen, das keiner erfinden konnte. Und das wird nie wieder passieren", erinnert sich Schjönberg, der Siegtorschütze gegen Bayern, im Gespräch mit SPORT1.

Die Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern posiert mit der Meisterschale
Die Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern posiert mit der Meisterschale © imago

Legendär die Bilder, wie Lautern-Trainer Rehhagel nach dem Schlusspfiff gegen die Münchner mit der Trinkflasche in der Hand in die Gästekurve rennt und sich feiern lässt. Schjönberg hatte da schon wieder anderes im Sinn.

"Ich war nach dem ersten Spiel in München ruckzuck wieder weg, weil meine Frau hochschwanger war, bin auch erst am selben Tag mit dem Auto nach München gefahren", berichtet der Däne. "Die Gefühle kamen erst im ersten Heimspiel. Da wurde ich wie ein Held gefeiert, als ich vor dem Warmmachen den Rasen betrat. Da habe ich einen wahnsinnigen Empfang bekommen."

Heute noch Gänsehaut mit Ex-Kollegen

Schjönberg, der heute in Odense in Dänemark lebt und seit zwei Jahren Kindern hilft, die unter anderem sexuelle Gewalt erleiden mussten, denkt noch oft an die Erfolgssaison 1997/1998 zurück.

Immer wieder holt der heute 53-Jährige, der von Meistertrainer Otto Rehhagel gerne "Mein Wikinger" genannt wurde, die alten Erinnerungen hervor. Gemeinsam mit ehemaligen FCK-Kollegen wie unter anderem Harry Koch, Marian Hristov und Jürgen Rische wird dann viel gelacht. "Wir kriegen heute noch Gänsehaut". 

Mit einem 4:0-Sieg im Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg machten die Pfälzer damals am 33. Spieltag ihre vierte Meisterschaft perfekt. Der Startschuss für einen Party-Marathon! 

"Wie die Bekloppten gefeiert"

"Es war ein Wunder, dass wir im letzten Saisonspiel beim HSV überhaupt spielen konnten, denn wir haben eine Woche wie die Bekloppten gefeiert", sagt Schjönberg und muss laut lachen. Er selbst sei zwar nie betrunken gewesen, aber "jeder hat immer jeden gefragt 'Wo gehen wir hin, wo gehen wir feiern?'". 

Eine lustige Anekdote aus diesen Tagen weiß auch Andreas Buck SPORT1 zu berichten. "Kurz vor Ende der Saison hatte ich zu Michael Schjönberg gesagt, dass ich mit dem Fahrrad zum nächsten Training kommen würde, wenn wir wirklich Meister werden und die Sensation schaffen sollten."

Andreas Buck (r.) wird für Mario Basler eingewechselt
Andreas Buck (r.) wird für Mario Basler eingewechselt © Imago

"Irgendwann in der Woche vor dem Hamburg-Spiel am letzten Spieltag stand dann das erste Training vormittags an. Nach durchzechter Nacht setzte ich mich um 08:00 Uhr morgens aufs Fahrrad und radelte mit Restpromille 20 Kilometer durch den Pfälzer Wald zum Training. Immer noch total euphorisiert. Die Straße zum Betzenberg hoch wurde allerdings lang und länger. Die Oberschenkel brannten ganz schön", erzählt der damalige FCK-Mittelfeldspieler.

"Nach dem Training graute es mir vor der Heimfahrt mit dem Fahrrad. Der Kater machte sich heftig bemerkbar. Dann sah ich, dass mir einer meiner Kollegen die Luft aus den Reifen gelassen hatte. Ich hatte keine Pumpe bei mir. Das perfekte Alibi, um meine Frau anzurufen, dass sie mich abholen soll. Im Endeffekt war ich demjenigen mehr als dankbar."

"Papa, du bist ja eine Legende"

Der Teamgeist sei auch der entscheidende Grund für den Erfolg gewesen, meint Schjönberg. "Es gab keine Grüppchen, jeder hat sich ohne zu Murren als Teil des Teams gesehen. Es war so ein irrer Mannschaftsgeist. Keiner war mehr oder weniger wert".

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Wenn Schjönberg heute daheim auf der Couch sitzt und in alten Kartons mit Fotos aus seiner Zeit in Kaiserslautern kramt, dann bekommt er feuchte Augen.

"Mein Sohn ist jetzt 17 und hat sich nie wirklich für Fußball interessiert", meint er. "Jetzt habe ich angefangen, ihm alles von damals zu erzählen und er sagte nur 'Papa, du bist ja eine Legende'."

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