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Dortmund - Nach der Vizemeisterschaft schicken Mats Hummels und Co. eine Titel-Ansage gen München. Wie realistisch ist ein Bayern-Angriff wirklich? Die SPORT1-Analyse.

Mit einem Sieg zum Saisonabschluss gegen Hoffenheim könnte sich der BVB am nächsten Samstag (Bundesliga: Borussia Dortmund - TSG Hoffenheim, ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) einigermaßen versöhnlich in die Sommer-Pause verabschieden.

Man hätte als Vize-Meister dann 72 Punkte auf dem Konto, was im Übrigen zuletzt vor zehn Jahren zu einem Titel gereicht hätte. Damals holten die Bayern 70 Zähler.

In dieser Saison, das wissen sie alle beim BVB, war es - mal wieder - insgesamt zu wenig. "Wir waren nicht gut genug", befand etwa Mats Hummels treffend. "In der Bundesliga hättest du eine Über-Saison spielen müssen, um Bayern mit dieser Performance schlagen zu können", zog Michael Zorc einen Spieltag vor Schluss ein erstes Fazit. "Das haben wir nicht geschafft. Am Ende bleibt der zweite Platz für uns."

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BVB mit Platz zwei nicht zufrieden 

Zufrieden geben sich die Dortmunder mit Rang zwei glücklicherweise nicht. Erfrischend offensiv gingen die BVB-Stars nach dem überzeugenden 2:0-Sieg am Wochenende gegen Verfolger RB Leipzig an die Öffentlichkeit.

"In der kommenden Saison", sagte Abwehrchef Hummels, der in Leipzig einmal mehr ein überragendes Spiel gemacht hat (beide Tore eingeleitet), "wollen wir einen Platz nach oben rutschen und in den Pokalwettbewerben weiterkommen. Der Titel muss immer das Ziel sein, wenn man so eine Mannschaft hat."

Erling Haaland und Julian Brandt stießen ins gleiche Horn. Haaland, der in Leipzig mit einem Doppelpack glänzte und seine Liga-Treffer 13 und 14 erzielte, ist "nicht froh über die Vize-Meisterschaft". Der 19-jährige Wunder-Stürmer sagte zerknirscht: "Ich will Meister werden!"

Brandt pflichtete dem Norweger bei: "Die Vize-Meisterschaft ist nichts Besonderes. Jeder will Erster werden. Wir wollen das ganz Große. Wir haben uns vorgenommen, an der Spitze zu stehen, und nicht hinter jemandem. Der zweite Platz ist gut, aber deshalb lassen wir nicht die Korken knallen."

Die 57. Bundesliga-Saison ist noch gar nicht beendet, da sendet der BVB bereits eine Titel-Ansage fürs nächste Jahr raus. Doch wie realistisch ist ein Dortmunder Angriff auf die "Über-Bayern" (Zorc) wirklich? Hat der BVB aktuell überhaupt das Rüstzeug dazu, den Dauermeister aus München zu besiegen? 

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Aktuell bleibt die Erkenntnis, dass dafür noch ein ganzes Stück fehlt. Der zweite Platz scheint nach jetzigem Stand das maximal mögliche für den BVB zu sein. "Wir haben in der Hinrunde leider zu viele Punkte liegen gelassen", sagt Hummels. Brandt rechnet vor: "Wir haben 30 Punkte in der Hinrunde geholt und sind aktuell bei 39." Das sei insgesamt nun mal zu wenig.

BVB darf sich keine Ausrutscher erlauben

Den BVB, der im dritten Jahr nacheinander (den Supercup mal ausgeklammert) titellos bleibt, schmerzen in dieser Saison vor allem Punktverluste aus der Hinrunde gegen vermeintlich kleine Gegner.

Ein 1:3 und 3:3 gegen die Aufsteiger Union und Paderborn, drei 2:2-Remis gegen Frankfurt, Bremen und Freiburg und ein 1:2 gegen Hoffenheim. "Wir müssen natürlich auch die Gegner unten ernst nehmen", mahnt Brandt. "Ein 3:3 wie gegen Paderborn darfst du dir nicht erlauben. So Ausrutscher dürfen vielleicht nur ein, zwei Mal passieren."

In der Rückrunde wurde es, dank der Winter-Verpflichtungen von Haaland und Emre Can sowie der Systemumstellung von einer Vierer- auf eine Dreier-Abwehrkette besser. Die starke zweite Halbserie, in der man 13 von 16 Spielen gewann, bezeichnet Hummels als "ziemlich beeindruckend". In weiten Teilen hat der Weltmeister von 2014 recht. Doch auch da waren unnötige Niederlagen gegen Leverkusen (3:4) und Mainz (0:2) dabei. 

"Wir müssen es im nächsten Jahr schaffen, gerade in den wichtigen Spielen zu gewinnen", sagt Brandt auf SPORT1-Nachfrage. "Wir haben gegen Leverkusen verloren, die beiden Spiele gegen Bayern und gegen Leipzig im Hinspiel nur ein Unentschieden geholt. Diese Sechs-Punkte-Spiele musst du ziehen, wenn du am Ende ganz oben stehen willst."

Es habe, führt der Nationalspieler weiter aus, mehrfach die Möglichkeiten gegeben, die Bayern in eine andere Situation zu bringen. 

Brandt weiter: "Die Frage ist auch: Wie viel Druck macht du als Verein auf den Ersten? Wenn wir das Rückspiel gegen München gewonnen hätten, wären sie in einer anderen Situation gewesen. Sie mussten dann noch in Leverkusen und gegen Gladbach ran. Nur mit sieben Punkten war am Ende dann der Zug abgefahren. Wir haben beide Spiele gegen Bayern verloren (0:4 und 0:1). Wenn es drauf ankam, haben wir nicht gepunktet."

Blick geht nach vorne

Abhaken, aufarbeiten und angreifen – so lautet die Devise beim BVB, dessen letzte Meisterschaft nun schon acht Jahre zurückliegt. Es braucht allerdings schon viel Fantasie und Optimismus, um an einen ernsthaften Bayern-Angriff zu glauben. Zu groß sind – gerade in der Breite – die qualitativen Unterschiede beider Kader. Die Frage muss erlaubt sein: Wie viele BVB-Spieler würden es in die aktuelle Bayern-Startelf schaffen?

In der Saisonanalyse werden sicherlich auch die Fragen aufkommen, was wohl passiert wäre, hätte Favre sein System früher umgestellt und wie der BVB wohl über eine ganze Saison hinweg mit Can und Haaland gespielt hätte.

"In der Hinrunde haben uns solche Typen gefehlt", findet auch Brandt. Vor diesem Hintergrund müssen sich die BVB-Bosse um Kaderplaner Michael Zorc wohl auch eingestehen, dass sie es im Sommer verpasst hatten, einen Stürmer zu holen. "Bei allen Qualitäten, die Paco (Alcacer) hatte, ein Stoßstürmer, wie er Erling ist, hat uns in der Hinrunde gefehlt", sagt Brandt.

Großer Trumpf des BVB ist zweifelsohne die Offensive. Die beiden Haaland-Treffer in Leipzig waren die Saisontore 83 und 84 - so viele erzielte bislang noch keine BVB-Mannschaft. Die Offensive wird auch im kommenden Jahr das stärkste Mittel sein, um den Bayern ein Bein zu stellen. Wichtig wären dafür auch die Verbleibe von Jadon Sancho (wonach es aktuell aussieht) und Achraf Hakimi, der zunächst zu Stammverein Real Madrid zurückkehren wird.

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Nachholbedarf in der Abwehr

In der Abwehr bräuchte es eigentlich Verstärkung. Dan-Axel Zagadou, Manuel Akanji und Nico Schulz sind allesamt nicht auf Weltklasse-Niveau. In Roman Bürki, mit dem man bis 2023 verlängert hat, hat man einen sehr guten, aber eben keinen überragenden Torhüter.

Im Sturm bräuchte es zudem, das haben die BVB-Bosse erkannt, einen zweiten Top-Mann neben Haaland. Verstärken können wird sich der BVB aber nur bedingt. Aufgrund der anhaltenden Corona-Krise werden keine großen Sprünge auf dem Transfermarkt möglich sein.

Immerhin: Mit Rechtsverteidiger Thomas Meunier (PSG) ist man sich nach SPORT1-Informationen grundsätzlich einig. Beim erst 16-jährigen Jude Bellingham (Birmingham) sind die Verhandlungen allerdings ins Stocken geraten. Die aufgerufene Summe von 35 Mio. Euro wird BVB keineswegs zahlen. Zorc hielt sich auf SPORT1-Nachfrage bedeckt: "Das sind beides gute Spieler. Es gibt aber nichts zu vermelden."

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Ein Problem stellen sicherlich die vielen Leihspieler (Schürrle, Wolf, Toljan und bei Werder-Abstieg Toprak) da, die zur neuen Saison zunächst beim BVB auf der Matte stehen werden.

"Wir haben in der Bundesliga keinen Kampf mit gleichen Mitteln wie in England oder Spanien", sagt Zorc gegenüber der Zeit. "Der FC Bayern ist – und das hat er sich erarbeitet – allen anderen in wirtschaftlicher Hinsicht deutlich voraus."

Noch so ein Grund, weshalb ein ernsthafter Titel-Angriff wohl nur ein schwarz-gelber Traum bleibt. 

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