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München - Schalkes ehemaliger Sportvorstand analysiert im SPORT1-Interview Schalkes Lage. Zum Thema Ausgliederung hat er eine klare Meinung, wie auch zu Nübels Berater.

Christian Heidel war vom Mai 2016 bis Anfang März 2019 Sportvorstand des FC Schalke 04, ehe er seine Zeit in Gelsenkirchen abrupt zu Ende ging.

Viele der Probleme, die die Königsblauen in diesem Jahr beschäftigen, kennt der 57-Jährige noch aus eigener Erfahrung.

Im SPORT1-Interview spricht Heidel über die prekäre Schalker Lage und das polarisierende Thema Ausgliederung der Profiabteilung.   

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SPORT1: Herr Heidel, der FC Schalke 04 war das schlechteste Team nach dem Corona-Restart. Wie sehr haben Sie mitgelitten?

Christian Heidel: Für mich gab es ja nur zwei Vereine: Schalke und Mainz 05. Zu beiden Klubs habe ich bis heute eine sehr tiefe emotionale Bindung und viele Kontakte. Meine Tochter sitzt während jedes Spiels im Schalke-Trikot neben mir. Wir gehen da immer noch mit, als ob wir noch auf Schalke wären. Sie hat einfach nur noch blau-weiß und Schalke im Kopf gehabt. Über die gute Vorrunde haben wir uns sehr gefreut. Was in der Rückrunde passierte, konnten wir uns auch nicht vorstellen. Ich leide da richtig mit, auch mit David (Wagner, Anm. d. Red.). Er ist sicherlich ein guter Trainer. In so einem Fahrwasser kann es auf Schalke dann natürlich schwierig werden, diese Erfahrung musste ich ja auch machen. Im Endeffekt ist es fast gut, dass keine Zuschauer im Stadion waren.

SPORT1: Wie erklären Sie sich die Misere?

Heidel: Leider hatte David das gleiche Pech wie Domenico Tedesco. Diese Verletzungsmisere ist schon außerordentlich. Damals sind uns fünf Stürmer ausgefallen und wir haben mit Verteidigern im Sturm gespielt. Jetzt ist die gesamte Mittelfeld-Achse ausgefallen. Wenn man sich die restliche Mannschaft anschaut, habe ich ja sogar Probleme, die alle noch zu kennen. Da sind Spieler dabei, die vorher in der Oberliga oder Regionalliga gespielt haben. Das wird schwierig. Und der Druck auf Schalke ist dann sofort immens. Dass man nicht ein einziges Spiel gewonnen hat, ist dann natürlich brutal. Das muss aus den Köpfen raus. Man muss das jetzt in Ruhe analysieren. Wenn einer Schalke alles Gute wünscht, dann bin ich das. Ich hoffe, sie kommen zur neuen Saison wieder in die richtige Spur.

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Heidel: "Ich weiß, wie schwer es ist"

SPORT1: Warum wirkt es so, als wäre Schalke nicht steuerbar?

Heidel: Schalke unterscheidet sich da gar nicht so großartig zu den anderen großen Klubs. Groß in Sachen der Tradition, der vielen Mitglieder, nicht in Sachen Tabellenplatz. Wenn Borussia Dortmund eine schlechte Saison spielt, haben wir genau dasselbe Thema. Wenn es beim FC Bayern nicht läuft, haben wir auch dieses Thema. In meinen Augen ist Schalke eben der Dritte dieser ganz großen Klubs. Unglaublich viele Menschen interessieren sich für diesen Verein. Und man geht einfach davon aus, der Erfolg von früher müsse auch heute da sein. Diese Welle ist schon enorm. Das ist schwierig auf Schalke zu steuern. Weil jeder mitredet, die Zeitungen sind voll. Was da alles geschrieben wird, ist nicht immer ganz korrekt. Das ist schwierig hinzubekommen. Und das wird sich auf Schalke auch nicht ändern. Man muss aber auch fairerweise sagen: Ich habe auch ein Jahr miterlebt, in dem wir Vizemeister wurden - das ist auch nicht normal, was dann dort abläuft. Wenn dann Zehntausende unterwegs sind. Dieser Klub ist einfach sehr besonders und trotzdem muss man kühlen Kopf bewahren. Ich wünsche mir sehr, dass sie durch diese schwierige Zeit trotzdem gemeinsam durchgehen. Aber ich weiß, wie schwer es ist.

Heidel: Ohne Ausgliederung der Konkurrenz unterlegen

SPORT1: Kann Schalke als eingetragener Verein überhaupt oben mithalten?

Heidel: Ich gehöre ja auch zu diesen Fußball-Romantikern. Und hätte man mir diese Frage vor fünf Jahren gestellt, hätte ich gesagt: "Ich weiß nicht, warum wir ausgliedern sollten." Fakt ist aber auch: Die Mannschaften oben, Bayern wie Dortmund, konnten beide hohe Millionenbeträge über verkaufte Anteile generieren. Hertha BSC hat jetzt losgelegt, dazu gibt es zwei Quasi-DAX-Konzerne in der Spitze der Bundesliga mit Wolfsburg und Leverkusen. RB Leipzig ist ein besonderes Konstrukt, aber auch mit viel Geld. Und dann kommt Schalke als eingetragener Verein mit 150.000 Mitgliedern. Wenn man oben mitspielen will, muss man es sich gut überlegen. Inzwischen musste ich feststellen, dass es womöglich so nicht mehr machbar ist. Man muss aber auch einen Weg finden, dass Schalke Schalke bleibt.

SPORT1: Wie soll der aussehen?

Heidel: Die wirtschaftliche Kraft muss da sein, oben mitzumischen. Die genannten Klubs haben Anteile verkauft, Eigenkapital generiert, wohingegen Schalke keine andere Wahl hatte, als Fremdkapital zu generieren und Verbindlichkeiten, sprich Schulden zu machen. Wenn man jetzt sagt, man darf gar keine Schulden machen, ist man noch weiter hinten dran und wird keine Chance mehr haben. Wenn man sich dem Gang auszugliedern komplett verschließt, dann könnte es schwierig werden. Das müssen die Mitglieder selbst entscheiden. Man sollte das nicht zu ideologisch sehen, die Emotionen ein wenig herausnehmen und genau darüber nachdenken, was für unser Schalke der beste Weg ist.

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Heidel vergleicht BVB-Finanzen mit Schalke

SPORT1: Es gibt genug Traditionsvereine, bei denen die Fans sehr laut sind mit ihren Werten. Droht so etwa bei Schalke auch?

Heidel: Ich störe mich so ein bisschen daran, wenn auf der einen Seite vom Schuldenklub Schalke 04 gesprochen wird, und die anderen Klubs sind wirtschaftlich sehr solide aufgestellt. Der BVB hat meines Wissens durch seinen Börsengang rund 400 Millionen Euro generiert. Nimm denen das morgen mal wieder ab und mache einen e.V. (eingetragener Verein, Anm.d. Red.) daraus. Wäre das noch das Dortmund, das wir heute sehen? Das glaube ich nicht. Das ist aber die Konkurrenz von Schalke. Wer jetzt kommt mit: "2016 hat es doch auch geklappt": Das werden eher Ausreißer sein. Man landet nicht mehr konstant unter den besten vier und muss als Ausnahme mal Ausreißer nach unten hinnehmen. Wenn man den Weg nicht gehen will, wird man eher um Platz zehn herum spielen. Ich verstehe aber, wie das Herz der Fans daran hängt. Nur bin ich dafür, dass man sich in Ruhe ein Wirtschaftskonzept überlegt, das die Bedenken der Fans mit aufgreift. Klar ist auch, dass es den Chinesen mit dem Koffer auf Schalke nicht geben sollte. Schalke muss Schalke bleiben. Ich würde es wahnsinnig bedauern, wenn der Klub diesen besonderen Flair verlieren würde. Auch wenn man vielleicht neue Wege gehen muss, ist es wichtig, dass das Vereins-Leitbild weiter bleibt.

SPORT1: Ist Schalke die größte Aufgabe der Bundesliga?

Heidel: Das kann durchaus so sein. Wir haben alle vor einem Jahr gedacht, wir sind auf einem super Weg. Auf Schalke kannst du dir mit einer Grotten-Saison alles kaputt machen. Dann ist diese Wucht einfach nicht mehr zu bremsen. Da besteht immer die Gefahr, ganz abzustürzen. Das wollte ich damals verhindern. Diese Wucht auf Schalke ist in der Bundesliga vielleicht sogar ziemlich einmalig. Da kommen selbst die ganz Großen nicht mit. Wenn ein großer Klub nicht erfolgreich ist, tut das den Menschen enorm weh.

Heidel: Nübels Entscheidung völlig legitim

SPORT1: Hängt die Stimmung auf Schalke nur am sportlichen Erfolg oder spielen Diskussionen wie eine mögliche Ausgliederung auch eine Rolle?

Heidel: Es gibt auch Leute die sagen 'ich spiele lieber in der zweiten oder dritten Liga, bevor ich einer Ausgliederung zustimme'. Oft sind das aber auch die gleichen, die nach dem dritten verlorenen Spiel pfeifen. Wenn man dann auf fehlende Mittel hinweist, tätig zu werden, ist das wiederum auch egal. Man muss da wirklich den Verstand einschalten. Wenn die Mitglieder entscheiden, "wir wollen e.V. bleiben" und damit akzeptieren, schlechtere wirtschaftliche Möglichkeiten als die Konkurrenz zu haben, dann finde ich das auch in Ordnung. Dann ist aber die Erwartungshaltung Champions League fehl am Platz. Denn da haben andere mittlerweile wirtschaftliche Vorteile, die von dem einen oder anderen Schalker nicht so gesehen werden. Geld schießt keine Tore, aber es erhöht die Wahrscheinlichkeit einfach dramatisch.

SPORT1: Wie stressresistent muss man in so einem Job sein?

Heidel: Fußball ist kein Wunschkonzert. Man wird am Erfolg gemessen. Hast du den, ist in der Wahrnehmung immer fast alles richtig. Bleibt er aus, ist fast alles falsch. Wer sich in diese Branche begibt und glaubt, alles ist immer super, ist blauäugig. Jeder hat für sich die Wahl zu sagen: Das möchte ich nicht mehr.

SPORT1: Alexander Nübels Berater Stefan Backs hatte behauptete, Sie hätte die Verlängerung mit dem Keeper verschlafen. Was ist denn an dieser ominösen Geschichte dran?

Heidel: Das ist völliger Unsinn. Aber man kann es ja nicht verhindern. Ich glaube der Berater würde das heute nie mehr sagen. Da sind ein paar Dinge völlig verdreht worden. Das ist alles komplett sauber und korrekt abgewickelt worden. Wir haben alles versucht, um mit Alexander Nübel zu verlängern - bis zu dem Tag, an dem ich nicht mehr da war. Der Junge hat sich einen anderen Weg ausgesucht. Das ist völlig legitim, dass er das so macht. Das kritisiere ich nicht, weil es jedem freisteht, das zu tun, was man will. Ob es richtig ist, wird man irgendwann mal gegen Ende seiner Karriere einmal beurteilen können. Ich wünsche ihm alles Gute. Ich wäre nicht auf den Menschen Alex Nübel sauer gewesen, weil es einfach seine Entscheidung ist. Für Schalke ist es sicherlich ein bisschen traurig, dass wieder einer ablösefrei geht und dass die Saison eher schlecht für ihn gelaufen ist. Ob das damit zusammenhängt, weiß niemand. Er hätte auch eine schlechte Saison spielen können, wenn er um fünf Jahre verlängert hätte.

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