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Jérôme Boateng hat unter Hansi Flick zu alter Klasse gefunden - das zeigt seine spektakuläre Abwehraktion im Pokalfinale. Die Anzeichen für einen Verbleib verdichten sich.

Die Szene erinnerte an die Europameisterschaft 2016. Im Spiel der DFB-Elf gegen die Ukraine hatte Jérôme Boateng per akrobatischer Flugeinlage ein sicher geglaubtes Gegentor spektakulär verhindert. 

"Es ist gut, wenn man einen Jerome als Nachbar hat in der Abwehr", sagte Bundestrainer Joachim Löw damals - und spielte auf die von AfD-Mann Alexander Gauland im Vorfeld losgetretene und unappetitliche Diskussion an, niemand wolle einen dunkelhäutigen Spieler wie Boateng in seiner Nähe haben.

Vier Jahre später also, im Pokalfinale gegen Bayer Leverkusen, war der gute Nachbar wieder zur Stelle. Kai Havertz brach auf der linken Abwehrseite der Bayern durch und passte scharf in die Strafraummitte. Dort stand Leon Bailey zum Abstauben bereit - doch Leverkusens Jamaikaner kam nicht an den Ball.

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Sonderlob von Uli Hoeneß

Stattdessen grätschte der zurückgeeilte Boateng dazwischen und schaffte es aus wenigen Metern Entfernung, den Ball im Liegen über die Latte zu befördern. Es war erneut eine spektakuläre Abwehraktion, die nur deswegen nicht in einem Eigentor mündete, weil der Verteidiger den Fuß weit genug unter den Ball brachte.

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Vor allem Abwehrkollege David Alaba feierte Boateng für die Rettungstat überschwänglich, als habe dieser gerade das entscheidende Tor geschossen - dabei stand es zu diesem Zeitpunkt bereits 3:0 für die Münchner. 

"Ich möchte nicht über einzelne Spieler sprechen, das ist Sache der Vereinsführung und des Trainers", hatte Uli Hoeneß kürzlich bei SPORT1 gesagt. "Ich freue mich sehr, dass die Mannschaft und natürlich auch Jérôme so hervorragend spielt."

Rückblende: Berliner Olympiastadion vor gut einem Jahr. Der FC Bayern hatte gerade das Pokalfinale, in dem Boateng 90 Minuten lang auf der Bank schmorte, 3:0 gegen RB Leipzig gewonnen. 

Zu diesem Zeitpunkt schien der Weltmeister von 2014 keine Zukunft mehr im Ensemble des damaligen FCB-Coach Niko Kovac zu haben. Entsprechend lustlos absolvierte Boateng den Gang in die Fankurve und hielt sich bei den anschließenden Feierlichkeiten im Hintergrund auf. Schon eine Woche zuvor hatte er lieber mit seinen Töchtern auf dem Rasen der Allianz Arena gekickt, während seine Teamkollegen Bierduschen verteilten.

Kovac verhindert Wechsel zu PSG

"Ich glaube für ihn wäre es besser, wenn er mal andere Luft genießen könnte", sagte der gleiche Hoeneß, damals noch amtierender Präsident, über den Mann, der jahrelang unumstrittener Stammspieler war. "Ich glaube, er muss eine neue Herausforderung suchen, das ist besser für ihn. Er wirkt wie ein Fremdkörper."

Zwischen den beiden Hoeneß-Aussagen liegen etwa 13 Monate - wie aber schaffte Boateng die unverhoffte Renaissance? 

Der Innenverteidiger schien im vergangenen Sommer mit Juventus Turin so gut wie einig, ein Wechsel zu den Italienern scheiterte aber in letzter Sekunde. Im Jahr davor war Boateng schon fast auf dem Weg zu Paris Saint-Germain, doch Niko Kovac wollte ihn bei seinem Amtsantritt nicht gehen lassen. 

"Ich war mit dem Kopf schon weg", gestand Boateng damals. "Wenn du eine so sichere Zusage bekommst und eine adäquate Summe bezahlt wird, es plötzlich aber Nein heißt, bricht etwas in dir zusammen."

Das mentale Tief wirkte sich auf seine Leistungen aus, unter Kovac wirkte er längst nicht mehr so spritzig wie in früheren Zeiten. Boateng, der auch durch einige Muskelverletzungen zurückgeworfen wurde, machte einige Fehler zu viel und fand sich in den wichtigen Spielen auf der Bank wieder.

Boateng verdrängt Hernández auf die Bank

Erst als Hansi Flick im Herbst als Bayern-Cheftrainer übernahm, kam der frühere Nationalspieler wieder langsam auf Touren. 

In der Winterpause arbeitete er an seiner Fitness, nahm mehrere Kilo ab und präsentierte sich im Wintertrainingslager in Doha wieder in Topform - genauso wie es Flick von ihm eingefordert hatte. Yoga und private Fitnesstrainer halfen ihm dabei.

Im Laufe der Rückrunde sah man immer öfter den Boateng aus früheren Zeiten, Flick setzte zunehmend auf seine Dienste. Plötzlich stand der 31-Jährige auch in den wichtigen Spielen auf dem Platz, während Rekord-Zugang Lucas Hernández nur dann eingesetzt wurde, wenn sein Kontrahent eine Pause benötigte.

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Dass Boateng durch die verbesserte Fitness wieder Vertrauen in seinen eigenen Körper fand und er damit im Zweikampfverhalten häufiger die Oberhand behält, heißt für seine Gegner nichts Gutes. Zudem überzeugt der Abwehrspieler auch wieder im Spielaufbau, wie beim 2:0-Sieg in Bremen, das die Meisterschaft sicherte. Dort bereitete er mit einem herrlichen Heber auf Robert Lewandowski die Führung der Gäste vor.

"Jérôme ist in einer blendenden Verfassung"

Wie aber geht es weiter? Laut seines Arbeitspapiers ist er noch bis 2021 an die Münchner gebunden - und nach SPORT1-Informationen ist es absolut denkbar, dass er den Vertrag erfüllt. "Jérôme ist in einer blendenden Verfassung", sagte Flick kürzlich in einer Pressekonferenz. "Wenn er bleiben sollte, bin ich nicht traurig. Ich weiß aber nicht, was seine Gedanken sind."

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Boateng selbst verliert noch immer keine Worte über seine Zukunft, doch könnten auch ihn die vergangenen Monate umzustimmen.

Spätestens nach seiner irren Rettungstat beim Pokalfinale in Berlin ist klar: Dieser Boateng würde auch in der kommenden Saison dem Bayern-Kader gut zu Gesicht stehen - ungeachtet der Rückkehr von Niklas Süle und der Ankunft des Abwehr-Talents Tanguy Nianzou.

Nicht nur Hansi Flick würde sich über freuen, wenn er in seiner Abwehr weiterhin einen guten Nachbarn hätte.

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