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München - Schalke 04 muss sich in der großen Krise neu orientieren. Sportvorstand Jochen Schneider erklärt im CHECK24 Doppelpass, wie das klappen soll.

Sportlicher Absturz, finanzielle Probleme und der Abgang von Boss Clemens Tönnies - es sind turbulente Zeiten beim FC Schalke 04.

Sportvorstand Jochen Schneider hat im CHECK24 Doppelpass auf SPORT1 über die neue Realität bei den Knappen gesprochen und dabei Klartext geredet.

"Die gestandenen Topspieler werden wir uns in den nächsten Jahren nicht leisten können", stellte der 49-Jährige mit Blick auf die klammen Finanzen bei S04 klar: "Ich kann nicht ständig im Traumland leben, so funktioniert das Geschäft nicht."

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Jochen Schneider über ...

... Probleme auf dem Transfermarkt:

"Die gestandenen Topspieler werden wir uns in den nächsten Jahren nicht leisten können. So offen müssen wir sein. Wir müssen auf die jungen Spieler setzten, die aus der Knappenschmiede hervorgehen, aber auch auf jüngere Spieler, die wir dann zum Verein dazuholen. Wie einen Suat Serdar, der vor zwei Jahren kam, oder letzte Saison ein Ozan Kabak, Weston McKennie, der durch die Jugend ging - das sind die Spieler, auf die wir in der Zukunft setzen wollen und setzen müssen."

... Schalkes sportliche Perspektive:

"Ich bin überzeugt davon, dass wir nicht gegen den Abstieg spielen werden, weil wir eine Mannschaft haben, die nicht nur guten Fußball spielen, sondern auch Ergebnisse erzielen kann."

... die sportliche Talfahrt:

"Wir haben eine ganz schlechte Rückrunde gespielt. Der Trend spricht nicht für uns. Wir haben nach Wiederbeginn des Spielbetriebs katastrophal gespielt. Der letzte Eindruck einer Saison bleibt hängen. Der ist miserabel. Ich war die letzten Wochen deprimiert. Nicht nur aufgrund der Art und Weise, wie wir gespielt haben. Das ist nicht akzeptabel. Man muss auch sagen, dass wir in einigen Spielen nicht wettbewerbsfähig waren. Das ist extrem deprimierend."

"An Weihnachten waren wir mit diesen Spielern, diesem Trainer und diesem Umfeld Fünfter und nur drei Punkte hinter Bayern. Wir haben keine so schlechte Mannschaft, wie sie zuletzt gespielt hat. Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen. Das haben wir getan. Es gibt verschiedene Gründe, warum wir so eine schlechte Rückrunde gespielt haben."

... den Weg aus der Krise:

"Wir müssen schauen, wie wir den Klub wieder ans Laufen kriegen. Ein 'Weiter so' kann es nicht geben. Wir wollen wieder in ruhige Gewässer kommen, sowohl sportlich als auch wirtschaftlich. Wir müssen einen Kader zusammenstellen, der auf unsere wirtschaftlichen Möglichkeiten zugeschnitten ist."

... die heftige Kritik an der Entlassung der Fahrdienst-Mitarbeiter:

"Wir suchen für jeden Einzelnen eine Lösung, haben sie zum Teil auch schon gefunden. Es ist aber auch so, dass der Fahrdienst von einem externen Dienstleister viel besser erledigt werden kann. Manche Fahrer haben ein Alter erreicht, wo ich sage, 13 oder 14-jährige Spieler sollten vielleicht besser von professionellen Fahrern gefahren werden. Sie haben einen Personenbeförderungsschein. Die Kommunikation war nicht gut und über das Timing könnte man streiten. Unsere Aufgabe als Manager ist es, Sachen zu ändern und auch unbequeme Entscheidungen zu treffen. Ich kann doch nicht ewig so weitermachen, während sich die Rahmenbedingungen ändern."

... die finanzielle Krise:

"Über viele Jahre wurden die hohen Ausgaben mit den entsprechenden Einnahmen wieder gerechtfertigt. Schalke hat die Verbindlichkeiten enorm reduziert, weil die sportlichen Erfolge da waren. Jetzt sind die ausgeblieben, das macht was mit deiner Einnahmeseite. Ich kann nicht ständig im Traumland leben, so funktioniert das Geschäft nicht. Transparenz kann aber nicht heißen, dass ich sämtliche Gehälter offen lege. Die Phase ist nach wie vor schwierig. Wir verlieren  bei jedem Heimspiel ohne Zuschauer zwischen 2 und 2,5 Millionen Euro. Wir haben dank des guten Konzepts der DFL die Saison zu Ende bringen können. Wir wissen aber noch nicht, was im Herbst passieren wird, wann wieder mit Zuschauern gespielt werden kann."

... eine Ausgliederung:

"Wir müssen ein Modell zu entwickeln. Vielleicht finden wir etwas, das die Schalker Seele trifft, keine Kopie von anderen Vereinen ist. Am Ende entscheidet allein der Souverän, die Mitgliederversammlung. Dieses Votum gilt es in der Demokratie zu akzeptieren. Es braucht eine 75-prozentige Mehrheit. Es ist eine gravierende Entscheidung, deswegen muss diese Hürde so hoch sein. Es ist zu kurz gedacht, zu sagen, die Ausgliederung ist das Allheilmittel. Es gibt genügend Vereine, die diese nicht gut umgesetzt und die Mittel nicht gut eingesetzt haben."

... Alexander Nübel:

"Ich wollte unbedingt seinen Vertrag verlängern und habe den Kontakt zu seinem Berater gesucht. Dann haben wir uns über den Sommer vertagt, immer mit der Zusage: Ihr habt alle Chancen der Welt. Wir haben ein Angebot unterbreitet, aber über darüber haben wir gar nicht groß sprechen können. Dann sind wir in die neue Saison gegangen. Nach seiner Roten Karte gegen Frankfurt gibt er bekannt, dass er auf Schalke nicht verlängern wird. Im Januar gibt er seinen Wechsel zu den Bayern bekannt. Nach seiner Sperre kam er zurück. Nach den Fehlern gegen Leipzig und Köln habe ich mich schützend vor ihm gestellt und gesagt, es ist ein Wahnsinn, mit welcher Häme ihn 50.000 Menschen übergießen. Viel haben wir aus der Tragödie um Enke nicht gelernt. Nübel war in diesem Moment fix und fertig."

... den Verlust jüngerer Spieler:

"Leider ist die Zahl der Spieler, die Schalke ablösefrei verlassen hat, extrem hoch. Wir wollen gar nicht hochrechnen, welche Beträge zu erzielen gewesen wären, wenn sie noch etwas länger geblieben wären."

... einen Transfer von Weston McKennie:

"Er ist unser Spieler. Ich gehe stark davon aus, dass er bei uns bleibt."

... den Abgang von Daniel Caligiuri:

"Wir haben Daniel im Februar ein Angebot vorgelegt. Das hat er nicht angenommen. Dann brach die Corona-Pandemie aus. Zu diesem Zeitpunkt mussten wir dann unter anderen Maßnahmen auch diese Gespräche stoppen und das Angebot zurücknehmen. Dann ist es auch legitim, dass er woanders unterschreibt und seine Karriere woanders fortsetzt."

... Trainer David Wagner:

"Wir sind von seiner Arbeit überzeugt und haben in sieben Monaten gesehen, zu was wir im Stande sind. Wir spielen mit ihm diese Art von Fußball, die wir schon vor der Saison skizziert haben. Nach dieser Philosophie haben wir ihn geholt, so hat er in Huddersfield spielen lassen. Diese Art Fußball passt zu Schalke. Er kann Spieler führen und besser machen. Das hat er bei Harit und Kabak bewiesen. Wir hatten bis November eine überragende Innenverteidigung mit Stambouli und Bentaleb und einen überragenden Torwart mit Alexander Nübel. Diese drei Spieler sind uns dann weggebrochen. Diese Negativserie nach Corona haben auch mit dem Trainer etwas gemacht. In so einer Situation kann er doch nicht freudestrahlend in die PK gehen."

... die Entlassungen der Athletik- und Konditionstrainer:

"Wir hatten nicht die erste Verletzungsserie. Diese Vielzahl an Verletzungen können wir uns nicht leisten. Deshalb haben wir in diesem Bereich auch massive Änderungen vorgenommen. Das war nicht gut genug für die Bundesliga. Dafür machen die anderen den Job zu gut."

... die Sturm-Misere:

"Es ist eine der Erkenntnisse der Saison, dass wir zu wenig Stürmertore gemacht haben. Das ist auch eine Frage des Kapitals. Vergangenen Sommer haben wir entschlossen, nicht noch mehr in die Verschuldung, ins Risiko zu gehen."

"In der kompletten Hinrunde, die wir gut gespielt haben, hat Guido Burgstaller gute Leistungen gebracht. Er hat leider kein Tor geschossen, bei der Anzahl der Chancen hätte er an Weihnachten bei fünf, sechs Toren stehen können. Wenn wir in der Hinrunde ein paar Stürmertore mehr machen, stehen wir nicht bei 30, sondern vielleicht bei 34,35 Punkten. In der Rückschau kann man sagen, es war ein Fehler, nicht zu investieren."

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... die Mannschaft nächste Saison

"Uth und Rudy kommen zurück. Das sind ja gestandene Bundesliga-Spieler, die das Gerüst in der Mannschaft bilden. Mit ihnen planen wir. Bei Bentaleb müssen wir sehen, ob Newcastle die Option zieht. Die sind aber teuer. Da müssen wir nicht drumherum reden. Ich will aber nicht weiter in die Verschuldung gehen. Wir können die PS, wie sie Leverkusen teilweise auch auf der Bank hat, gar nicht auf die Straße bringen. Denn viel Kapital ist auch an Spieler gebunden, die wir verliehen haben. Wenn wir junge gute Spieler holen können, dann können wir auch eine gute Mannschaft aufs Feld führen. Dazu haben wir eine der besten Nachwuchsakademien in Deutschland, wenn nicht in Europa. Norbert Elgert ist einer der besten Ausbilder, die es gibt. Wir müssen aber auch für 16, 17-Jährige Geld in die Hand nehmen."

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