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Gelsenkirchen - Vor zehn Jahren tätigt Schalke 04 einen der spektakulärsten Bundesliga-Transfers. Raúl verzückt die Fans später mit Traumtoren und sorgt auch heute noch für Sehnsüchte.

Der Neue brauchte nur wenige Minuten, um die Zuschauer am Trainingsplatz zu begeistern. Er trat auf den Ball, drehte sich um die eigene Achse und ließ einen verblüfften Ivan Rakitic stehen. Der Kroate, damals 22 Jahre jung, konnte sich allerdings trösten. Rakitics Kontrahent hatte schon zig Fußballer auf diese Weise düpiert.

Denn der Neue, der am 28. Juli 2010 bei Schalke 04 eintraf, war ein absoluter Ausnahmespieler: Es handelte sich um niemand Geringeren als Raúl Gonzalez Blanco, besser bekannt als Raúl. Heute vor zehn Jahren verkündete Schalke einen der spektakulärsten Transfers der Bundesliga-Geschichte.

Christian Pander erinnert sich gerne an diesen Tag zurück. "Ich habe mich wahnsinnig darauf gefreut, mit einem der weltbesten Angreifer zusammenzuspielen", sagt der Ex-Schalker zu SPORT1. Der Spanier war bei Real Madrid schließlich eine Klub-Ikone. Als 17-Jähriger debütierte er für den Klub aus seiner Heimatstadt in der Primera División.

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Mit den Königlichen fuhr Raúl regelmäßig zum "Fuente de Cibeles", um an diesem berühmten Brunnen Titel zu feiern. Sechs Meisterschaften gewann der Angreifer mit Real, dazu drei Mal die Champions League.

Seine Zahlen waren beeindruckend: 741 Spiele, 323 Tore, 59 Vorlagen, kein einziger Platzverweis. Die Real-Fans vergötterten den Spieler mit der Rückennummer 7. Sie gaben ihm den Kosenamen "el gran capitán", also "der große Kapitän". Raúl führte schließlich sieben Saisons lang das Starensemble als Spielführer an.

Cristiano Ronaldo und Karim Benzema als Konkurrenz

Und trotzdem war im Sommer 2010 Schluss. In der Offensive gab es durch Cristiano Ronaldo und Karim Benzema große Konkurrenz. Raúl war nur noch Joker. Am 26. Juli verkündete er seinen Abschied. Es war eine Pressekonferenz voller Pathos. "Es ist kein Adios, nur ein bis bald", sagte Raúl und vergoss dabei Tränen.

Seinen neuen Klub nannte er noch nicht. Aber es war ein offenes Geheimnis, dass Raúl künftig ein königsblaues Trikot tragen würde. Es sprachen viele Gründe dafür: Schalke war damals deutscher Vizemeister. Raúl war ablösefrei. Und damals konnte der Verein aus dem Ruhrgebiet noch ein Nettojahresgehalt von vier Millionen Euro zahlen.

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Zudem tat Schalkes Trainer und Manager Felix Magath alles dafür, um den Angreifer nach Gelsenkirchen zu holen. Ihm gelang mit dem Transfer schließlich sein Meisterstück.

Felix Magath begrüßt einen der besten Spieler

Magath grinste, als der neue Star nun neben ihm saß. "Ich freue mich, dass wir einen der besten Spieler der Welt auf Schalke vorstellen", sagte der Trainermanager auf der Pressekonferenz. "Er wird uns mit seinem Können, seiner Qualität, seiner Einstellung und seiner Persönlichkeit nicht nur auf, sondern auch neben dem Platz helfen."

Raúl begründete nochmal, warum er beim Bundesligisten einen Zweijahresvertrag unterschrieben hatte. "Ich bin zu Schalke gekommen, weil ich unbedingt mal im Ausland Erfahrung sammeln wollte und der Verein sich am meisten um mich bemüht hat", sagte der damals 33-Jährige.

Magath soll seinem neuen Star sogar Privilegien zugestanden haben - etwa mehr trainingsfreie Tage als seine Kollegen. "Raúl wollte aber keine Sonderbehandlung", erzählt sein Ex-Teamkollege Pander. "Er ist in jedem Training vorneweg gegangen. Seine Einstellung hat mich damals noch mehr beeindruckt als seine fußballerische Klasse."

Raúl präsentierte sich bei Schalke 04 stets volksnah
Raúl präsentierte sich bei Schalke 04 stets volksnah © Getty Images

Allerdings hatte der neue Star auch Anlaufprobleme: Schalke verlor die ersten vier Saisonspiele - ohne einen Raúl-Treffer. Doch der Spanier blieb locker. Im Training war er der, der immer lacht.

Und gegen Jahresende kam Raúl dann richtig in Fahrt. Zwei Toren gegen Hapoel Tel Aviv in der Champions League folgten Dreierpacks gegen Werder Bremen und den 1. FC Köln. Raúl war nun der neue Publikumsliebling.

Siegtor im DFB-Pokal bei Bayern München

Und im März 2011 erzielte er sein wichtigstes Tor im Schalker Trikot. Im Halbfinale des DFB-Pokals. Einer Auswärtspartie beim FC Bayern, in der 15. Spielminute. Jefferson Farfan brachte eine Ecke vors Tor. Benedikt Höwedes verlängerte per Kopf. Raúl vollendete. Es war der Treffer zum 1:0-Endstand.

Im Finale hatte Schalke leichtes Spiel. Beim 5:0-Sieg über den MSV Duisburg überzeugte Raúl als Vorbereiter - und sicherte sich seinen nächsten Titel. Er jubelte mit Trainer Ralf Rangnick, der nach Magaths Rauswurf die Mannschaft übernommen hatte. Das lag auch an den schwachen Leistungen in der Bundesliga. Schalke beendete die Saison nur auf Platz 14.

Es sollte besser werden - und das lag auch an Raúl. Er konnte sich in seiner zweiten Saison noch mal steigern. Seine ganze Klasse zeigte er am 2. Spieltag: Im Heimspiel gegen den 1. FC Köln lief die 59. Minute. Jan Moravek passte zu Raúl. Der ließ den Ball mit rechts kurz abtropfen, drehte sich um die eigene Achse und vollendete mit seinem linken Fuß per Lupfer.

Lupfer gegen Köln wird "Tor des Jahres"

Für die Zuschauer der ARD-Sportschau war es hinterher das "Tor des Jahres". Der Lupfer galt als Raúls Markenzeichen. Er besaß so viel Gefühl in beiden Füßen, dass er dem Ball eine außergewöhnliche Flugkurve verleihen konnte.

Auch sein Torjubel war elegant: Raúl zeigte oft ein kleines Tänzchen. Er richtete Oberkörper und Arme nach links, drehte dann Kopf und Oberkörper nach rechts und nahm schlussendlich die Arme rüber.

Raúl feiert mit seinem berühmten Jubel
Raúl feiert mit seinem berühmten Jubel © Getty Images

Die Schalker Fans hätten Raúl gerne noch eine dritte Saison auf diese Art jubeln gesehen. Doch die Hoffnung zerschlug sich. Im Frühjahr 2012 gab der Star bekannt, dass er den Klub verlassen werde. Er wollte sich mit einem Erfolg verabschieden. Das gelang auch. Schalke qualifizierte sich für die Champions League - auch dank 15 Raúl-Toren.

Den Spanier zog es mit Ehefrau Mamen und seinen fünf Kindern nach Katar. Dort spielte er für den al-Sadd Sport Club. Der Kontakt zu Schalke brach aber nicht ab. Obwohl Raúl nur zwei Jahre im Ruhrgebiet unter Vertrag stand, bekam er ein Abschiedsspiel. Die Arena war am 27. Juli 2013 natürlich ausverkauft.

Christian Pander verwundert es nicht, dass Raúl im Ruhrpott so gut ankam. "Er hat diese Malocher-Mentalität mitgebracht, die die Fans so schätzen", sagt der 36-Jährige, der mittlerweile als Mentalcoach arbeitet.

Schalke macht Platz in der Ehrenkabine

Weil Raúl sich in nur zwei Spielzeiten für den Verein so verdient machte, bekam er einen Platz in der sogenannten Ehrenkabine - der Schalker Ruhmeshalle. Die Aufnahme-Urkunde nahm der Star anlässlich des Abschiedsspiels entgegen. Auf dem Rasen zauberte Raúl wieder. Eine Co-Produktion mit Julian Draxler bescherte ihm einen erneuten Sieg bei der Wahl zum "Tor des Jahres".

Mittlerweile ist Raúl als Trainer unterwegs. Er arbeitet im Nachwuchsbereich von Real Madrid. Sein Name kursierte vor einigen Wochen auch auf Schalke. Dort stärken die Verantwortlichen zwar Trainer David Wagner den Rücken. Dass der Name Raúl bei den Fans Sehnsüchte weckt, ist aber auch verständlich.

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