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Bad Ragaz - Im Trainingslager spricht Julian Brandt mit SPORT1 über das schnelllebige Fußball-Geschäft, Protz-Videos auf Instagram und die Chancen auf Titel mit dem BVB.

Es hat sich abgekühlt in Bad Ragaz. Eine leichte Brise weht am frühen Abend durch den noblen Schweizer Kurort, in dem sich Julian Brandt zum zweiten Mal mit dem BVB auf die neue Saison vorbereitet. In kurzer Hose setzt sich der gebürtige Bremer, der vor einem Jahr für 25 Millionen Euro von Bayer Leverkusen nach Dortmund gewechselt war, an den Tisch und nimmt sich eine halbe Stunde für das SPORT1-Interview.

Der 24-jährige Mittelfeldspieler spricht über das schnelllebige Fußball-Geschäft, Protz-Videos auf Instagram, eine persönliche Harmlos-Marke und die Chancen auf Titel mit dem BVB.

SPORT1: Vorige Woche waren wir beide morgens auf der A1 auf dem Weg zum BVB-Trainingsgelände. 300 Meter vor der Ausfahrt Dortmund-Brackel haben Sie in Ihrem Audi R8 noch mal richtig angezogen, mich im SPORT1-Wagen links überholt und zackig die Abfahrt genommen.

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Julian Brandt:  Echt? Das habe ich gar nicht gemerkt. Das mach‘ ich natürlich ganz selten. Der Weg zieht sich morgens ganz schön. Irgendwann wollte ich wohl einfach mal ankommen. Aber ich übertreibe es dabei nicht ...

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SPORT1:  "Leben auf der Überholspur" - wäre das aktuell der passende Titel für Ihre Karriere?

Brandt: In meinem Leben lief vieles bisher sehr gut. Das weiß ich zu schätzen. Es gab sicher auch kurze Phasen, in denen es mal nicht so lief. Bei mir ging es aber eigentlich kontinuierlich nach oben, das stimmt schon. Glücklicherweise bin ich von größeren Verletzungen verschont geblieben. Es gibt aber, glaube ich, rasantere Karrieren als meine. Dennoch bin ich ganz zufrieden. Um auf den Titel zurückzukommen: Den nehme ich gerne. Gibt schlimmere Schlagzeilen. 

SPORT1:  Sind Sie selbst manchmal überrascht, wie schnell dann doch alles ging? Sie sind erst 24 Jahre alt, haben 257 Pflichtspiele für Leverkusen und Dortmund bestritten und 31 A-Länderspiele unter Joachim Löw gemacht.  

Julian Brandt: "Es ist alles viel rasanter geworden"

Brandt: Ich habe mit 17 angefangen, bin früh reingeworfen worden und habe jetzt fast 200 Spiele auf dem Buckel – das ist schon verrückt. Ich kann das aber alles relativ gut einordnen. 

SPORT1: Bleibt eigentlich Zeit, die ganzen Eindrücke mal sacken und wirken zu lassen? 

Brandt: Es ist ja nicht so, dass ich erst seit drei Monaten Fußballprofi bin. Ich bin jetzt schon seit sieben Jahren in diesem Geschäft. Da bleibt genug Zeit, dir den einen oder anderen Gedanken zu machen. Aber es prasseln schon täglich neue Eindrücke auf dich ein. Gerade wenn du den Verein wechselst, wie ich im vergangenen Jahr, passiert viel in deinem Kopf. Da brauchst du Zeit, bis du dich an das neue Umfeld gewöhnt hast. Hier beim BVB ist schon alles viel größer als in Leverkusen, das muss man ganz klar sagen. Das Interesse - gerade auch international – für den Verein ist riesig. In meiner Karriere kam ich bislang aber gut klar damit. Ich war nie überfordert oder hatte mentale Probleme.  

SPORT1: Helfen Ihnen Ihre beiden Brüder Jannis (21) und Jascha (17) dabei? 

Brandt: Familie ist für mich ohnehin das wichtigste. Jannis wohnt und studiert ja in Köln. Als ich in Leverkusen gespielt habe, haben wir ein halbes Jahr lang zusammengewohnt. Jascha spielt in Bremen bei Werders U19. Wir sind richtig gute Freunde. Meinen Eltern geht es gut, meinen Geschwistern geht es gut, unserem Hund geht es gut – das ist mir wichtig. Die Familie ist ein Rückzugsort für mich. Wenn ich diesen Rückhalt nicht hätte, wäre das alles sicher anders verlaufen. Es ist nicht immer einfach, mit dem verrückten Fußball-Business klarzukommen. 

Julian Brandt und SPORT1-Reporter Patrick Berger
Julian Brandt und SPORT1-Reporter Patrick Berger © SPORT1

SPORT1: Wie verrückt ist dieses Business in Ihren Augen denn?  

Brandt:  Es ist alles sehr, sehr schnelllebig. Ein halbes Jahr läuft alles super, dann hast du eine kleine Leistungsdelle und bist auf einmal der Depp. Fußball ist und war halt schon immer ein Tagesgeschäft. Mit der Medienexplosion hat sich schon alles verändert. Es gibt Twitter, Instagram, Tiktok und Co. Jeder hat ja mittlerweile eine Handykamera und kann dich überall auf der Welt filmen, das Video ins Netz stellen – und zack: landet es für alle frei zugänglich in der Öffentlichkeit. Es ist alles viel rasanter geworden. 

"Irgendwann hat es Klick gemacht"

SPORT1: Gold-Steaks und Protz-Videos, auch Jadon Sancho und Ihr ehemaliger Leverkusen-Teamkollege Leon Bailey inszenieren sich in den Sozialen Netzwerken immer wieder. Haben Sie den Eindruck, dass in der medialen Berichterstattung der Fokus auf das Wesentliche verloren geht? 

Brandt: Es gibt Fußballer, die nutzen die Medien ja für sich, protzen und zeigen gerne, was sie haben. Soll jeder machen wie er will. Ich habe damit kein Problem, mache das selbst aber nicht. Ich habe auch ein schönes Auto, aber muss das nicht allen zeigen. Ich bin ein Mensch, der befasst sich nicht damit, was beispielsweise Jadon außerhalb des Platzes macht. Mir ist wichtig, was er auf dem Platz macht – und das ist gut, überwiegend sehr gut sogar. Das war bei Leon Bailey in Leverkusen auch schon so. Die Jungs müssen selbst wissen, was sie da machen. Der eine kommt damit klar, der andere nicht. Ich persönlich finde aber, dass man schon sensibel mit dem Thema umgehen sollte. Es kann eine Belastung sein. Da sind auch Menschen wichtig, die dir mal eine klare Ansage geben: 'Was hast du da denn wieder für einen Mist gepostet? Nimm das besser raus!"

SPORT1: Schon vorgekommen? 

Brandt: (überlegt)  Ne, in meinem Fall tatsächlich nicht. Ich achte aber schon extrem drauf, was ich poste. Das Internet vergisst nie. Jedes Foto kann dir irgendwann zum Verhängnis werden. Es gibt ja die Geschichten, in denen Kindheitsfotos von Spielern im Trikot des Rivalen auftauchen. Dann hast du den Salat. Ich bin ein Freund davon, sich das Leben einfach zu halten. 

SPORT1: Sie haben mal gesagt: "Wenn du das Leben ruhig gestaltest, wird auch nicht so viel Blödsinn über dich geschrieben." 

Brandt: Richtig. Ich bin ein entspannter Mensch und brauche diesen Stress von außen nicht. Ich muss nicht provozieren. Es muss niemand darüber diskutieren, was ich esse, ob das richtig oder falsch ist. Solche Diskussionen über mich, versuche ich mir einfach vom Hals zu halten. Ich will auf dem Platz Gas geben. Wenn ich mal schlecht spiele, kann man gerne auch darüber berichten. 

SPORT1: Sie haben in Ihrer ersten BVB-Saison 42 Spiele gemacht, sieben Tore erzielt und 13 Vorlagen gegeben. Nach einer schwierigen Hinrunde sind Sie immer besser reingekommen.  

Brandt: Definitiv, das sehe ich auch so. Das erste Jahr war schon schwierig, das gebe ich offen zu. Ich war auf vielen verschiedenen Positionen unterwegs, was nicht einfach ist. Du kommst in einen neuen Verein, hast neue Teamkollegen und musst dich erstmal zurechtfinden. Es braucht seine Zeit, bis gewisse Dinge auf dem Platz zur Normalität werden. Das kam dann erst ab dem Winter. Irgendwann hat es Klick gemacht und ich dachte: Jetzt hast du die Abläufe drin. Das erste Jahr war okay – es war nicht schlecht, aber auch nicht brillant. Aber es ist ja gut, wenn man noch Luft nach oben hat. 

"Westermann hat ein richtig geiles Tor geschossen" 

SPORT1: Sie haben unter Lucien Favre in der vergangenen Saison auf fünf verschiedenen Positionen gespielt. Ist das ein Problem für Sie? 

Brandt: Es ist für den Trainer wichtig, dass er weiß, dass ich vielseitig einsetzbar bin. In einer Saison verletzen sich Spieler nun mal. Ich habe kein Problem damit, dann auch mal einzuspringen. Ich kann auch mal, wenn es nötig ist, ein oder zwei Spiele als Stürmer spielen. Aber du wünschst dir als Spieler natürlich eine feste Position, auf der du selbst dich siehst und auf der dich vor allem auch der Trainer sieht. 

SPORT1: Wo sehen Sie sich denn selbst? 

Brandt: Natürlich im Zentrum, aber nicht als Spitze. Der Trainer nennt es Neuneinhalb – ich sage Zehner oder Achter. Ich habe in der abgelaufenen Saison auch oft als Sechser gespielt, aber ich bin kein Typ wie Axel (Witsel) oder Emre (Can). Ich bin einer für den Raum dazwischen, spiele gerne nach vorne. Ich bin kein Abräumer. Das sieht man sicherlich auch an meiner Gelbe-Karte-Statistik.

SPORT1: Die Statistik haben wir natürlich parat. Wissen Sie, wann Sie Ihre letzte Gelbe Karte in der Bundesliga kassiert haben? 

Brandt: Im April 2014 gegen den HSV. Wir haben mit Leverkusen 1:2 verloren. Heiko Westermann hat ein richtig geiles Tor geschossen. Ich habe mein erstes Bundesliga-Tor gemacht und meine erste und letzte Gelbe Karte gesehen. 

© SPORT1

SPORT1: In 198 Ligaspielen haben Sie sage und schreibe eine (!) Gelbe Karte gesehen. Damit sind Sie drittfairster Fußballer des Jahrtausends. Warum so harmlos? 

Brandt: Ich bin von Natur aus nicht so aggressiv wie beispielsweise Emre. Das ist einfach nicht mein Naturell. Deshalb sehe ich mich weiter vorne und nicht als klassischer Sechser. Der Trainer hat in der Hinrunde ein bisschen mit mir probiert und ich glaube, dass er mich jetzt auch hauptsächlich im Zentrum sieht.

SPORT1: Würde ein bisschen mehr Härte Ihrem Spiel nicht guttun? 

Brandt: Ein bisschen mehr tut immer gut, klar. Das kann und will ich mir auch aneignen. Wenn ich ein, zwei Tore durch eine Gelbe Karte verhindern kann, nehme ich das gerne in Kauf. Ich werde aber nie so aggressiv – im positiven Sinne – wie Emre sein. Das wird auch so bleiben. Ich weiß, dass viele Leute auf diese Spielweise stehen. Gerade bei uns im Verein, in der Stadt, der Region, wo eine Arbeitermentalität herrscht. Das war aber ehrlich gesagt nie meine Qualität. Sie hätten mich allerdings mal vor sieben oder acht Jahren sehen müssen: Da hätten Sie gedacht, dass da der neue Materazzi heranwächst. Damals war ich ein bisschen übereifrig. Das hat sich schon grundlegend verändert.

"Ich will mit dem BVB Titel holen, dafür bin ich hierhergekommen"

SPORT1: Mit 24 gehören Sie zu den erfahreneren Spielern im BVB-Kader. In Jude Bellingham (17), Gio Reyna (17) oder Youssoufa Moukoko (15) hat Ihre Mannschaft viele junge Spieler. Sind Sie bereit, noch mehr Verantwortung zu übernehmen? 

Brandt: Ich bin nicht derjenige in der Mannschaft, der am meisten redet, aber auch nicht der, der am wenigsten redet. Ich mache schon mal mein Maul auf und sage meine Meinung! Je älter du wirst, umso mehr Verantwortung musst du auch übernehmen. Mit Mats, Piszczu und Marco haben wir glücklicherweise Spieler, die auf dem Platz und auch in der Kabine das Sagen haben. Aber es kommen mit der Zeit mehr Spieler hinzu, deren Wort Gewicht hat. Es ist schon mein Ziel, auf dem Platz lauter zu werden, mehr Anweisungen zu geben und das, was ich in sieben Jahren erlebt habe, auch an die jungen Spieler weiterzugeben.  

SPORT1: Sie haben kürzlich gesagt, dass man in der vergangenen Saison viel mehr Druck auf die Bayern hätte ausüben können. Gibt es jetzt den BVB-Angriff auf den FCB? 

Brandt: Die letzte Saison ist vorbei, wir haben es versucht und es hat nicht funktioniert. Jetzt geht alles wieder von vorne los. Ich bleibe dabei: Natürlich musst du mehr Druck ausüben. Wir haben die beide direkten Duelle verloren und in der Hinrunde einfach zu viele Punkte liegelassen. Wenn Bayern als Tabellenerster das Gefühl kriegt ‚Oh, wenn wir patzen, sind die Dortmunder da‘, dann ist das eine ganz andere Situation. Es passiert nicht so oft, dass die Bayern Punkte liegen lassen. Genau dann müssen wir da sein. 

SPORT1: Sie wurden 2013 A-Jugend-Meister mit Wolfsburg, holten 2014 mit der U19 den EM-Titel und erhielten die Fritz-Walter-Medaille in Gold. Welchen Titel hätten Sie noch gerne? 

Brandt: Das ist mir egal. Einer von den drei Titeln, die wir mit dem BVB kriegen können. Ich habe keinen Lieblingstitel. Bei mir waren viele kleine Titel dabei - Einzelspieler-Auszeichnungen, die Olympische Silbermedaille 2016, der Confed-Cup-Sieg 2017, aber ich will bald auch mal mit dem Verein etwas holen. Ich will mit dem BVB Titel holen, dafür bin ich hierhergekommen. Das ist ein großer Wunsch von mir – und am besten soll der so schnell wie möglich in Erfüllung gehen! 

SPORT1: Ihr Kumpel und Ex-Teamkollege Kai Havertz wird schon lange mit einem Wechsel zum FC Chelsea in Verbindung gebracht. Wann geht er denn nun? 

Brandt: Kai hat noch zwei Jahre Vertrag, der Verein hat auch ein gewisses Mitspracherecht. Ich weiß nicht, was die da intern besprechen. Ich lasse Kai mit dem Thema auch in Ruhe. Bei meinem Wechsel zum BVB war die Konstellation einfacher. Hier zieht sich das Ganze wie ein Kaugummi durch das Jahr. Nach jedem Leverkusen-Spiel gibt es immer nur ein Thema: Was macht Kai? Rudi Völler wird Woche für Woche gefragt. Jetzt soll ich als guter Freund auch noch was sagen? Ne, ich lasse ihn damit in Ruhe. Ich bin aber genauso gespannt wie Sie auch. 

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