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München - Leon Goretzka hat als Triple-Sieger mit dem FC Bayern hohe Ziele. Im SPORT1-Interview spricht er über einen besonderen Geist in der Kabine und seine Zukunft.

Leon Goretzka zählt zu den Gewinnern einer Saison, die nicht nur aufgrund der Corona-Krise in die Geschichtsbücher eingehen wird.

Als Stammspieler hat der 25 Jahre alte Mittelfeld-Allrounder in seinem zweiten Bayern-Jahr entscheidend zum Gewinn des Triples beigetragen. Aus der Startelf der Münchner ist der deutsche Nationalspieler derzeit nicht mehr wegzudenken.

Auch außerhalb des Platzes hat er bewiesen, dass die Münchner mit seinem Transfer einen Volltreffer gelandet haben.

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SPORT1 gibt Goretzka sein erstes großes Interview nach dem Gewinn des Henkelpotts.

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SPORT1: Herr Goretzka, haben Sie schon realisieren können, dass Sie Triple-Sieger sind?

Leon Goretzka: Ich glaube, dass man das erst in der Weihnachtszeit richtig begreifen wird. Wenn man das Jahr Revue passieren lässt. Corona und dessen Begleiterscheinungen, der Lockdown und das Fehlen der Fans, das Triple, unsere Spendeninitiative "We kick Corona"; es sind schon zu viele außergewöhnliche Situationen in diesem Jahr entstanden, als dass man das Jahr bislang richtig hätte verarbeiten können.

SPORT1: Sind noch Erinnerungen an die Triple-Nacht in Lissabon vorhanden?

Goretzka: What happens in Lisbon, stays in Lisbon (lacht). Natürlich haben wir ausgiebig gefeiert und den Moment genossen. Das Triple zu gewinnen ist etwas Historisches. Die Feier selbst war etwas Einmaliges, weil sie Corona-bedingt nur im engeren und intimeren Kreis stattfinden konnte, als es sonst der Fall gewesen wäre. Dass wir eine tolle Stimmung im Team und in der Kabine haben, das hat mittlerweile aber auch so jeder sehen können, glaube ich.

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FC Bayern: "Am meisten sticht die Mentalität heraus"

SPORT1: Gab es einen konkreten Zeitpunkt nach welchem das Team gewusst hat, dass das Triple möglich ist? 

Goretzka: Nach dem 8:2-Sieg gegen Barcelona war uns allen klar, dass wir Großes leisten und das Triple gewinnen können. Auch das Double hatte uns schon Selbstvertrauen gegeben.

SPORT1: Welche Situation ist Ihnen vom Finalabend besonders präsent?

Goretzka: Der Moment nach dem Schlusspfiff, in dem der ganze Druck der Saison abfällt und du einfach nur über beide Ohren lachst und glücklich bist. Das ist ein unbeschreibliches Gefühl, welches man gerne festhalten möchte. Die Karriere läuft noch einmal gedanklich in deinem Kopf an dir vorbei, das alles ist schon sehr einzigartig gewesen.

Leon Goretzka nach dem Sieg in der Champions League
Leon Goretzka nach dem Sieg in der Champions League © Imago

SPORT1: Was ist aus Ihrer Sicht die große Stärke des FC Bayern?

Goretzka: Am meisten sticht die Mentalität heraus. Es ist sehr unangenehm, gegen uns zu spielen. Und noch schwieriger, gegen uns zu gewinnen. Unsere Intensität im Spiel und unser Pressing gegen den Ball haben zuletzt sehr gut funktioniert. Damit haben sich fast alle Mannschaft schwergetan, das hat oft zu Ballgewinnen in der gegnerischen Hälfte geführt. Was uns vor allem nach dem Re-Start ausgezeichnet hat, war aber die Mia-san-mia-Mentalität. Diese hat den FC Bayern in der Vergangenheit ausgezeichnet, und wir haben sie nochmal auf ein neues Level gehoben. Es macht schon richtig Bock, in dieser Mannschaft zu spielen. Wenn du vorm Spiel in der Kabine in die Gesichter schaust, dann weißt du: Gleich geht es ab. 

SPORT1: Klingt fast nach einer Drohung. Sehen Sie noch spielerisches Verbesserungspotential?

Goretzka: Was heute gut ist, kann eine Woche später schon nicht mehr funktionieren. Wir sind ab sofort der Gejagte in ganz Europa. Die Gegner werden sich noch intensiver mit uns beschäftigen und versuchen, unser System zu entschlüsseln. Wir werden aber einen Teufel tun und uns ausruhen. Wir werden versuchen, unser Spiel noch facettenreicher zu gestalten und uns weiterzuentwickeln.

SPORT1: Ist es leicht, das Bayern-System zu entschlüsseln?

Goretzka: Es ist das eine, es zu entschlüsseln und das andere, dafür Lösungen zu finden und diese erfolgreich umzusetzen.

© SPORT1-Grafik/Imago

Leon Goretzka: "Ich bin selbstbewusster und robuster"

SPORT1: Sind Sie fit, spielen Sie unter Hansi Flick. Wie würden Sie dieses Trainer-Spieler-Verhältnis beschreiben?

Goretzka: Der Trainer gibt mir das Gefühl, dass er mir vertraut. Dieses Vertrauen möchte ich bestmöglich zurückzahlen, wenn ich auf dem Platz bin.

SPORT1: Was zeichnet Hansi Flick aus?

Goretzka: Er hat ein unheimlich gutes Fingerspitzengefühl für die Spieler. Er tritt viel in den Dialog und weiß einfach, wie er mit uns umzugehen hat. Das ist bei uns nicht immer einfach, weil wir viele verschiedene Charaktere haben, die aufeinandertreffen. Das alles in eine Fahrtrichtung zu bringen, so dass wir alle an einem Strang ziehen, hat er geschafft, und wenn man unsere spielerische Klasse so kanalisieren kann, dass alles in eine Richtung läuft, kann etwas Großes entstehen. Das hat er herausragend gemacht. Das Ergebnis hat man gesehen.

SPORT1: Es wurde viel über Ihre Muskeltransformation gesprochen. Auch im Endrunden-Turnier in Lissabon waren Sie körperlich enorm präsent. Was genau bewirkt Ihre neue Statur auf dem Platz?

Goretzka: Ich bin selbstbewusster und robuster. Mit diesem Gefühl in die Zweikämpfe zu gehen, auch dann, wenn es mal knallt, gibt mir Sicherheit.

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SPORT1: Was war der ausschlaggebende Impuls, körperlich derart zuzulegen?

Goretzka: Ich wollte den Lockdown bestmöglich nutzen. Als Sportler und als Person des öffentlichen Lebens. Ich glaube, dass mir beides ganz gut gelungen ist.

SPORT1: Sieht man derzeit den stärksten Leon Goretzka aller Zeiten?

Goretzka: Ich fühle mit topfit und bin verletzungsfrei. Ich bin fest davon überzeugt, dass meine und unsere beste Zeit gerade erst begonnen hat.

"Ich bin auch hier auf einem sehr guten Weg, keine Frage"

SPORT1: Welche Ziele haben Sie nach dem Gewinn des Triples?

Goretzka: Mia san hungrig und wir bleiben hungrig. Das Double zu holen ist geil. Es zu verteidigen, ist noch geiler. Gleiches gilt für das Triple, auch wenn die Karten natürlich nach jeder Saison neu gemischt werden.

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SPORT1: Werden die Karten bei Ihnen bald neu gemischt? Ihr Vertrag läuft 2022 aus. 

Goretzka: Ich bin erst seit zwei Jahren in München und fühle mich hier sehr wohl. Wir haben eine super Mannschaft, gerade das Triple gewonnen und noch große Ziele. Unser Weg hat gerade erst begonnen.

SPORT1: In einem Interview mit uns sagten Sie im Dezember 2018, dass man auf dem Platz erstmal unumstritten und konstant gut sein müsse, um ein Führungsspieler zu sein. Haben Sie diesen Status beim FC Bayern schon inne? 

Goretzka: Wer beim FC Bayern spielt, wäre in jedem anderen deutschen Verein wahrscheinlich Führungsspieler. Ich bin auch hier auf einem sehr guten Weg, keine Frage.

SPORT1: "Elf Freunde müsst ihr sein", dieses Prinzip werden Sie kennen. Ist es ein Erfolgsrezept beim FC Bayern, dass unter anderem Sie, Joshua Kimmich und Serge Gnabry eng befreundet sind? 

Goretzka: Als Sepp Herberger diesen Satz aufgriff, durfte man noch nicht auswechseln, das vergisst man heute leicht. Die Belastung war seinerzeit auch noch nicht so groß. Wenn Sie mich fragen, braucht man heute nicht elf Freunde auf dem Platz, sondern eine eingeschworene Mannschaft, mit ganz unterschiedlichen Charakteren, die sich alle einem übergeordneten Ziel unterordnen. Das sind wir, und das lässt sich in unserem Klubmotiv "Mia san mia" selbstbewusst zum Ausdruck bringen. Wenn man sich darüber hinaus auch noch prima versteht, umso besser.

SPORT1: Leroy Sané ist nun auch ein Bayer. 

Goretzka: Ich freue mich sehr darüber. Leroy und ich kennen und schätzen uns seit einer Ewigkeit. Wir kommen beide aus Bochum, aus dem Ruhrpott. Wir haben in der Jugend schon zusammen in der Schülerauswahl gespielt. Jetzt spielen wir beide für den FC Bayern. Das ist großartig.

SPORT1: Nicht nur auf den FC Bayern wartet in der kommenden Saison ein XXL-Programm. Auf was wird es in der Kaderzusammenstellung ankommen?

GoretzkaWir werden vor allem in dieser Saison einen tiefen Kader benötigen. Man muss sich ja nur den Kalender anschauen. Wir haben mit dem letzten Kader alles gewonnen, was zu es gewinnen gab. Das war ein Top-Kader. Wir haben kompetente Leute im Verein, die sich damit rund um die Uhr beschäftigen. Denen vertrauen wir hundertprozentig.

"Schalke ist ein Verein, dem die Fans unheimlich fehlen"

SPORT1: Blicken wir auf die neue Saison. Ist das Triple Fluch und Segen zugleich?

Goretzka: Weder noch. Das Triple ist in erster Linie Erfolg und Verantwortung. Es muss alles passen, damit wir die Erfolge wiederholen und bestätigen können.

SPORT1: Stichwort: Langeweile in der Bundesliga. Wird Bayern wieder Deutscher Meister?

Goretzka: Wir sind davon überzeugt, dass wir auch in diesem Jahr die Meisterschaft holen können. Das ist auch das ganz klare Ziel und sicherlich keine Überraschung, wenn ich das sage. Aber auch andere Mannschaften haben einen Top-Kader.

SPORT1: Was trauen Sie ihrem Ex-Klub Schalke 04 zu?

Goretzka: Sie müssen über den sportlichen Erfolg zurück in die Spur finden. Vor allem Schalke ist ein Verein, dem die Fans unheimlich fehlen. Aber das Letzte, was Schalke braucht, ist ein Ex-Spieler, der meint zu wissen, wie es zu funktionieren hat.

SPORT1: Wie sehr sehnen Sie sich nach Zuschauern im Stadion zurück? 

Goretzka: Die Sicherheit der Bevölkerung muss immer an erster Stelle stehen, keine Frage. Aber nichts ist so schön wie der Erfolg, den man teilen kann. Egal, wo wir spielen, egal, wo wir auftreten. Ohne Fans ist Fußball einfach ein Spiel zweier Mannschaften. Die Fans fehlen uns extrem.

SPORT1: Etliche Spieler von Paris Saint-Germain haben sich vermutlich im Urlaub auf Ibiza mit dem Corona-Virus infiziert. Sie haben mit ein paar Mitspielern auf Formentera geurlaubt. Hatten Sie Angst, sich auch anzustecken?

Goretzka: Ich hatte keine Angst, aber Respekt. Wir haben uns immer wieder testen lassen. Auch in dieser Woche. Glücklicherweise waren alle Tests bislang negativ. Wenn man aber sieht, welche Herausforderungen der Sport, die Veranstaltungsindustrie, die Wirtschaft und unser Sozialstaat in dieser Krise meistern, dann hat man davor enormen Respekt. Ich bin sehr dankbar, in dieser Zeit in Deutschland leben zu dürfen.

SPORT1: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie die Bilder der "besetzten" Treppen des Reichstags in Berlin gesehen haben? 

Goretzka: Dass wir die Probleme der Menschen ernst nehmen müssen. Es ist schnell ein falsches Wort gesagt und schnell ein Vorurteil ausgepackt. Ich würde mir wünschen, dass wir wieder mehr miteinander- statt übereinander reden. Wir müssen unsere Demokratie, unsere Werte, schützen und bewahren. Gerade in turbulenten Zeiten.

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