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Mönchengladbach - Max Eberl spricht bei SPORT1 über das neue Gladbacher Selbstverständnis. Der Sportdirektor formuliert für die anstehende Saison erstmals ein offensiveres Ziel.

Bereits in vier Tagen startet Borussia Mönchengladbach in die neue Saison.

Die Fohlen wollen nach Platz 4 in der Vorsaison und der Champions-League-Qualifikation eine ähnlich starke Spielzeit nachlegen.

Bei SPORT1 spricht Sportdirektor Max Eberl über das neue Selbstverständnis der Borussia, die erste Pokalrunde gegen Oberneuland und die unterschiedliche Fan-Situation in den Stadien.

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SPORT1: Herr Eberl, In der vergangenen Saison scheiterte Gladbach bereits in der 2. Runde des DFB-Pokals am BVB. Auch in der Europa League war früh Schluss. Wie will Gladbach es dieses Mal besser machen? 

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Max Eberl: Klar, wir haben in Dortmund unglücklich im Pokal verloren (1:2, d. R.). Das war ein Top-Spiel von uns, da waren wir auf Augenhöhe. Das war eine Mannschaft, die lange um die Deutsche Meisterschaft gespielt hat, da kann man uns keinen Vorwurf machen. In der Europa League war es so, dass wir mit den Leistungen nicht zufrieden waren. Das 0:4 zu Hause gegen Wolfsberg war für uns alle ein Schlag, allerdings hat sich die Mannschaft daraus auch gefunden. Wir hatten dann zu Hause die Chance gegen Basaksehir, mit einem Remis die Gruppenphase als Erster zu beenden - das haben wir verpasst, das hat uns sehr geärgert. Das ist auch ein bisschen der Makel der letzten Saison. Aber wir haben uns wieder für Europa qualifiziert, sogar eine Stufe höher, und wollen es jetzt besser machen. 

SPORT1: In der 1. Pokalrunde am Samstag sollte es keine Probleme geben, oder?

Eberl: Pokal ist immer knifflig, es ist das erste Saisonspiel. Jetzt spielen wir gegen den Regionalligisten Oberneuland im Borussia Park. Die Favoritenrolle brauche ich nicht wegschieben, die werden wir haben. Natürlich wollen wir weiterkommen, vor allem weil die Pokalwettbewerbe im letzten Jahr sehr früh zu Ende waren. Dieses Mal würden wir sehr gerne weiter kommen. 

"Zakaria hatte einen kleinen Rückschlag"

SPORT1: Es gibt derzeit einige Verletzte bei der Borussia. Klären Sie uns bitte über den Stand auf.  

Eberl: Es haben sich mit Denis Zakaria, Marcus Thuram, Alassane Plea und Laszlo Benes wichtige Korsettstangen in der letzten Saison oder in der Vorbereitung verletzt. Breel Embolo hat sich im Länderspiel gegen Deutschland verletzt Das trübt die Vorbereitung definitiv. Das war schwieriger für Marco (Rose, Anm. d. R.), damit mussten wir umgehen. Wir hoffen, dass sich die Rekonvaleszenten schnell an das Niveau der Trainingsniveau gewöhnen. Die anderen Jungs haben es super gemacht und eine tolle Vorbereitung hingelegt. Thuram war drei Monate raus, Plea fünf Wochen. Da ist es klar, dass eine Woche Mannschaftstraining nicht reicht, um wieder komplett dabei und eine Alternative zu sein. Die Faustregel heißt ja, dass man die gleiche Zeit, die man verletzt war, braucht, um wieder das alte Niveau zu erreichen. Wir hoffen aber natürlich, dass das schneller geht. Ob es also schon für das Pokalspiel reicht, weiß ich nicht.

SPORT1: Wie ist der Stand bei Zakaria und Valentino Lazaro?

Eberl: Bei Denis ist es so, dass wir aufpassen wollen. Er hatte eine Knie-OP und hat große Fortschritte gemacht. Jetzt hatte er einen kleinen Rückschlag und wird eine Woche etwas raus genommen, um eine gute Stabilität zu bekommen und die Muskulatur so aufzubauen, dass das Knie entlastet wird. Das wird noch etwas dauern, aber wir hoffen, dass es spätestens zu Beginn der englischen Wochen den kompletten Kader leistungsfähig haben. Bei Lazaro war es unglücklich, dass er sich in seinem ersten Spiel im Oktober den Muskel in der Wade verletzt hat. Aber auch bei ihm sind wir auf einem guten Weg. 

SPORT1: Wie würden Sie die Vorbereitung insgesamt bewerten - vor allem mit dem Hintergrund der Corona-Situation?

Eberl: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Ein Stück weit hat man sich daran gewöhnt, dass es nicht mehr so ist wie zuvor, wo nur die Trainingseinheit auf dem Platz das Entscheidende war. Jetzt gibt es viele Dinge, die drumherum zu organisieren sind. Die Jungs gilt es immer wieder daran zu erinnern, dass Corona noch nicht vorbei ist und wir aufpassen müssen, was um uns herum passiert. Das ist für die Jungs momentan ein großer Aufwand, wie auch für die gesamte Bevölkerung. Dementsprechend war es komplizierter als die Vorbereitungen, die ich bisher bestreiten durfte. 

"Wir wollen da oben eine Rolle spielen"

SPORT1: Wie bewerten Sie dieses Mammutprogramm, das der Borussia jetzt bevorsteht?

Eberl: Wir haben einen Monat weniger zur Verfügung für das gleiche Programm. Wir haben entschieden, erst Mitte September anzufangen. Länderspiele müssen in diesem kurzen Zeitraum trotzdem alle gespielt werden, wir dürfen zudem die Champions League spielen. Es wird schon eine Mammutaufgabe werden, der wir uns einfach stellen müssen. Trotzdem sind wir gerüstet, weil wir keinen unserer wichtigsten Spieler verloren haben. Wir haben bei drei Abgängen zwei neue Spieler (Hannes Wolf und Valentino Lazaro, Anm. d. R.) dazu geholt, die unseren Kader nochmal ein Stück weit verbessern. 

SPORT1: Kann Gladbach in der kommenden Saison den BVB als Nummer 2 ablösen?

Eberl: Jeder Verein muss seine Rolle finden. Wir haben unsere gefunden, nachdem wir bis 2008 in der Versenkung verschwunden waren. Die Rettung in der Relegation 2011 war so etwas wie ein neues Kapitel für uns. In den letzten Jahren haben wir uns dahin etabliert, dass wir ständig um Europa mitspielen. Von neun Jahren haben wir es sechs Mal geschafft, davon drei Mal in der Champions League. Ich beschreibe uns ja immer als gallisches Dorf gegenüber diesen Großmächten, wie Bayern, Dortmund, Leipzig oder Leverkusen. Dahin haben wir uns hochgearbeitet, sind in dieser Konkurrenz aber der kleinste Verein. Mit gallischem Dorf meine ich nicht mehr gegenüber Mainz oder Augsburg - mit allem Respekt gegenüber diesen Vereinen. Aber da haben wir uns in den letzten Jahren entwickelt. Dementsprechend möchte wir gegen diese Großmächte "anstinken". Wir wollen sie ärgern und da oben eine Rolle spielen. Wir möchten niemanden ablösen, versuchen aber im Rahmen unserer Möglichkeiten, sie zu ärgern.

SPORT1: Welchen Tabellenplatz peilen Sie an?

Eberl: Wir haben in der letzten Saison Platz 4 erreicht, wir haben keinen Top-Spieler verloren und haben einen Top-Trainer. Natürlich würden wir in der neuen Saison wieder sehr gerne um Europa spielen, ohne Frage. Die Champions League ist natürlich unsere große Ambition, aber es gibt noch ein paar andere Vereine, wie Wolfsburg, Frankfurt oder Hoffenheim, die auch einen guten Job machen. Oder Hertha BSC, die mit neuen Möglichkeiten dazu stoßen werden. Dann sind wir schon bei acht Vereinen, plus uns - also neun. Der Kampf um Europa wird genau so hart werden wie der Abstiegskampf.

SPORT1: Wie sehr wünschen Sie sich die Rückkehr der Fans?

"Alle haben sich auf uns verlassen"

Eberl: Wir alle wünschen uns nichts sehnlicher als das - weil es bedeutet, dass auch in der Gesellschaft wieder Normalität eingezogen ist. 

SPORT1: In Leipzig dürfen zum Saisonstart 8000 Zuschauer ins Stadion. Ist das Wettbewerbsverzerrung?

Eberl: Wenn es die ganze Saison so wäre, dann müsste man schon von einem Heimvorteil sprechen. Wir wünschen uns jetzt aber, dass man in den Pilotprojekten in Leipzig, Aue oder Berlin erkennen kann, dass sowohl die Vereine als auch die Fußballfans sehr achtsam mit der Situation umgehen und es durchaus gestattet werden könnte. Und dann hoffen wir in einem föderalistischen System, dass auch die anderen Ministerpräsidenten das sehen und sagen: 'Komm, jetzt machen wir das auch bei uns'. Denn dann wären diese Pilotprojekte für alle von Nutzen gewesen. Wir denken alle sehr positiv. Wir als Gesellschaft haben in Deutschland schon viel geschafft. Dann werden wir auch diese Hürden schaffen - dass sowohl in der Bundesliga, als auch im Handball, im Eishockey oder in den Kulturveranstaltungen bald wieder Zuschauer sein dürfen. 

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SPORT1: Mit Kai Havertz und Timo Werner verlassen zwei Nationalspieler die Bundesliga. Woran liegt diese Flucht der Topspieler?

Eberl: Es gab immer Zeiten, in denen gute Spieler die Bundesliga verlassen haben. Wir haben in Deutschland gezeigt, dass wir von Corona betroffen sind, aber auch sehr sorgsam mit unseren Finanzen umgehen. Wenn eben kein Verein in der Lage ist, die Ablösesummen zu bezahlen - wie für Kai Havertz und Timo Werner - dann muss man das einfach akzeptieren. Wir Deutschen achten schon auf unser Geld und gehen nicht nahtlos weiter in die Normalität, obwohl Corona war. Das können wir zum Teil auch gar nicht. Aber es gibt auch Spieler wie Leroy Sané, die wieder zurück kommen. Das kann man also in beide Richtungen drehen. Die Bundesliga bleibt attraktiv: Wir sind Champions-League-Sieger, wir haben eine sehr attraktive Bundesligasaison unter extrem schwierigen Bedingungen zu Ende gespielt. Wir waren Vorreiter für alle Ligen in Europa. Das zeigt, was für einen Stellenwert die Bundesliga im Ausland hat. Alle haben sich auf uns verlassen, haben auf uns geschaut. Wir sind uns der Verantwortung bewusst gewesen und ihr gerecht geworden. Dementsprechend sehe ich diesen Trend erstmal nicht und habe auch keine Sorge, weil immer wieder Topspieler in die Bundesliga kommen werden. 

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