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München - Ludwig Augustinsson war für Werder Bremen in der Relegation der Retter. Vor dem Saisonstart gegen Hertha BSC spricht der Schwede im SPORT1-Interview.

Ludwig Augustinsson ist zwar erst seit drei Jahren an der Weser, allerdings schon jetzt einer der unentbehrlichen Profis von Werder Bremen. Dem 26-Jährigen gelang nämlich das wohl wichtigste Tor in der Vereinsgeschichte der Grün-Weißen.

Durch seinen Last-Minute-Treffer zum 2:2 im Rückspiel der diesjährigen Relegation beim 1. FC Heidenheim konnten die Hanseaten den ersten Abstieg nach 40 Jahren mit Ach und Krach abwenden. 

Vor dem Saisonstart am Samstag im Weserstadion gegen Hertha BSC (Werder Bremen - Hertha BSC ab 15.30 Uhr im LIVETICKER) spricht Augustinsson im SPORT1-Interview.

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SPORT1: Herr Augustinsson, wie geht es Ihnen kurz vor dem Saisonstart? 

Ludwig Augustinsson: Ich bin ein bisschen aufgeregt, wie viele Fußballfans. Das ist sogar noch etwas mehr geworden, als ich hörte, dass wieder Zuschauer ins Stadion dürfen. Darüber freue ich mich sehr und ich bin zuversichtlich, dass wir einen positiven Start in diese Runde haben werden.

SPORT1: Die Saisonvorbereitung mit sieben Siegen aus sieben Spielen verlief positiv - welche Bedeutung hat das? 

Augustinsson: Unser Vertrauen in die neue Saison ist da. Und wir hoffen alle, dass wir besser abschneiden als vergangenes Jahr. Es war also wichtig, dass wir in der Saisonvorbereitung gute Ergebnisse mit vielen Toren erzielt haben. Das hat uns Selbstvertrauen gegeben. Wir fühlen uns stärker als im Vorjahr. 

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SPORT1: In der vergangenen Saison war Werder die Schießbude der Liga. Gibt es jetzt ein neues Defensivdenken?

Augustinsson: Wir haben in der alten Saison leider zu viele Tore bekommen. In der Vorbereitung haben wir geschaut, was wir verbessern können. Und das war eindeutig die Defensive. Das ist es, woran wir gearbeitet haben. Mit einer besseren Defensive werden wir erfolgreicher sein als in der alten Saison. Wir werden sehen, ob sich unsere Arbeit gelohnt hat. 

"Mein Puls war extrem am Anschlag"

SPORT1: Ihr Tor in der Relegation war die große Erleichterung am Weserstrand. Wie denken Sie an diesen Moment zurück?

Augustinsson: Es war ein fantastischer Augenblick für uns alle, dass das Tor gefallen ist. Natürlich war es ein schönes Gefühl, es selbst zu schießen. Ich war kurz vor einem Herzinfarkt. Mein Puls war wirklich extrem am Anschlag. Und es war eine große Erleichterung zu sehen, wie der Ball ins Tor ging. Aber wir müssen ehrlich sein. Es war eine schlechte Saison für uns - zum Glück mit einem positiven Ende. Aber wir haben es geschafft. Und ich denke, dass wir jetzt stärker daraus hervorgehen können.

SPORT1: Sie sollen nach dem Klassenerhalt Alpträume gehabt haben. Erzählen Sie davon...

Augustinsson: Nach der Saison gab es eine Menge Dinge, die ich in meinem Kopf verarbeiten musste. Und wenn man die Szene vom Spiel nochmal sieht, als der Ball die Latte berührt, denke ich jedes Mal daran, was passiert wäre, wenn der Ball das Tor verfehlt hätte. Und dann geht der Puls immer noch höher. Aber es ist zum Glück alles gut ausgegangen und jetzt ist es eine gute Erinnerung.

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SPORT1: Welche Lehren haben Sie aus dem Abstiegskampf und der Relegation gezogen?

Augustinsson: Wir müssen sehr hart arbeiten und eine Mannschaft sein. Das waren wir erst so richtig am Ende der Saison, an den letzten zehn Spieltagen und der Relegation. Zu dem Zeitpunkt waren wir als Mannschaft aber auch das erste Mal komplett zusammen. Das war vorher wegen der vielen Verletzten nicht möglich. Nach dem Wiederbeginn der Bundesliga hielten wir auf eine positive Art und Weise zusammen. Und das ist der Grund, warum wir es am Ende geschafft haben. Wir haben zusammengehalten. Wir haben in der schwierigen Situation mentale Stärke gezeigt und daran können wir wachsen. Ich glaube ganz fest daran, dass uns das stärker gemacht hat als Team. Der Teamgeist ist im Moment wirklich stark.

SPORT1: Werder hat eine ganz junge Mannschaft. Inwieweit ist das ein Vorteil oder ein Nachteil?

Augustinsson: Ich denke, auch das ist ein Vorteil. Man muss eine gute Mischung haben. Bei uns ist es ein perfekter Mix. Einige ältere Spieler sind gegangen, Junge kamen hinzu. Das ist positiv. Junge Spieler können immer dazu lernen und haben frisches Potenzial. Wir sind gut aufgestellt.

"Jeder muss nach sich und den Kollegen schauen"

SPORT1: Es gibt eine neue Hierarchie im Team. Viele erfahrene Spieler sind weg. Gibt es einen neuen Leitwolf? 

Augustinsson: Wenn man sich unseren Kapitän ansieht, ist er einer der Leader im Team. Und wir haben viele im Verein, die schon lange dabei sind. Sogar ich selbst. Wir alle müssen Verantwortung übernehmen. Jeder muss nach sich und den Kollegen schauen. Nur gemeinsam kommen wir voran und dann passiert so etwas wie in der vergangenen Saison nicht mehr. Wir haben auch einige Führungspersönlichkeiten im Hintergrund. Es ist ein guter Kader mit starken Charakteren.

SPORT1: Wie sehen Sie Neuzugang Patrick Erras, der aus Nürnberg kam?

Augustinsson: Er ist ein cooler Typ und ich glaube, er kam bisher sehr gut rein. Wir sind froh, dass wir Patrick jetzt hier haben, denn wir brauchten jemand auf dieser Position. Er spielt gut, und er wird immer besser und lernt, wie wir in diesem System spielen. 

SPORT1: Und wie macht sich Tahith Chong, erst 20, der von Manchester United ausgeliehen wurde?

Augustinsson: Er ist ein junger und hungriger Spieler, ein Siegertyp mit einer starken Technik. Er kann unserem Spiel seinen Stempel aufdrücken. Er ist gut im eins gegen eins. Er ist schnell und kann nach innen und nach außen abgehen. Tahith wird uns in der Offensive helfen. Wir haben einen wirklich guten Konkurrenzkampf, keiner kann sich seines Platzes sicher sein, nur die Leistung zählt. 

SPORT1: Nick Woltemade ist Werders Neuentdeckung der Vorbereitung. Ein echter Allrounder, oder?

Augustinsson: Nick ist ein toller Spieler. Ich habe ihn vor zwei Jahren gesehen, da war er schon gut. Jetzt hat er einige Kilo zugenommen und ist noch stärker geworden mit noch mehr Selbstvertrauen. Er ist ein guter Typ, und er hat 2020 einen deutlichen Schritt in seiner Entwicklung gemacht. Er wird seine Chancen bekommen und mehr spielen als in der Rückrunde der alten Saison. Er kann Werders Zukunft werden. 

"Er ist keiner, der Ärger macht"

SPORT1: Milot Rashica will immer noch weg. Wirkt sich das negativ auf die Mannschaft aus? 

Augustinsson: Nein, ganz und gar nicht. Milot ist ein Profi durch und durch. Er verbreitet weiter eine gute Stimmung in der Kabine. Er ist keiner, der Ärger macht, nur, weil er weg will. Wir haben ihn wirklich gerne bei uns. Auf alles andere habe ich keinen Einfluß. Wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Es geht um das Training und um das Spiel. Werder kennt solche Situationen gut. Wir konzentrieren uns auf die Leistung und den Spaß auf dem Rasen, um besser zu sein als in der alten Spielzeit. Das will auch Milot. Er ist weiter ein Teil von uns.

SPORT1: Die Tatsache, dass die Bosse bei Florian Kohfeldt stark geblieben sind, wurde nicht von allen in der Fan-Szene gut aufgenommen. Ist dieser Bremer Weg noch der richtige?

Augustinsson: Florian ist ein erstaunlicher Trainer. Am Ende haben wir es ja zusammen geschafft. Wir können mit Florian Kohfeldt wieder stärker werden. Jeder von uns glaubt an ihn und wir alle kennen seine Qualitäten. Er war nicht ohne Grund 2018 Trainer des Jahres. Das Vertrauen in ihn war und ist da und jetzt wollen wir alle zeigen, dass wir besser sind als im zurückliegenden Seuchenjahr.

SPORT1: Wie wichtig ist Clemens Fritz? Er soll Frank Baumann und Kohfeldt unterstützen und der Mannschaft nah sein.

Augustinsson: Clemens ist natürlich wichtig. Er war Kapitän und ist seit vielen Jahren eine sehr wichtige Persönlichkeit im Verein. Er kennt Frank Baumann und Florian Kohfeldt zudem sehr gut. Wenn man eine Frage hat oder etwas braucht, ist er genau die richtige Person. Clemens ist ein toller Mensch. Wir Spieler können ihm vertrauen.

SPORT1: Wie kann Werder wacher sein, damit nicht mehr so viele Gegentore fallen?

Augustinsson: Wir brauchen die Mentalität, dass wir unser Tor mit unserem Leben verteidigen. Wir müssen ständig fokussiert sein und bleiben. Man kann sich zu keiner Sekunde ausruhen. Diese Mentalität müssen wir mit viel Training verbessern und unsere Schwächen aus der alten Saison minimieren. Hoffentlich klappt das. Außerdem müssen wir schärfer spielen um mehr Tore zu erzielen. 

SPORT1: Letzte Frage: Was sind Ihre Ambitionen in der Nationalmannschaft?

Augustinsson: Die persönliche Ambition ist, regelmäßig im Nationalteam aufgestellt zu werden. Ich bin einfach glücklich für Schweden spielen zu dürfen und will da ein wichtiger Spieler sein. Es ist ein Traum im nächsten Jahr bei der EM dabei zu sein und da wollen wir die Gruppenphase überstehen. Wer weiß, vielleicht gibt es ein Spiel gegen die Deutschen. Aber zuerst wartet die Nations League auf uns. Da wollen wir als Team noch mehr zusammenwachsen.

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