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Ben Redelings blickt in "Best of Bundesliga" auf einen denkwürdigen ehemaligen BVB-Trainer zurück
Ben Redelings blickt in "Best of Bundesliga" auf einen denkwürdigen ehemaligen BVB-Trainer zurück © Imago
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Best of Bundesliga! SPORT1-Kolumnist Ben Redelings blickt wöchentlich auf die kuriosesten, lustigsten und unterhaltsamsten Highlights der Ligageschichte zurück.

Der Mann war Kult – und kurzsichtig!

Hermann Lindemann bewahrte den BVB in der Spielzeit 1968/69 vor dem fast schon sicheren Abstieg und führte den Klub in der Folgesaison auf einen guten fünften Tabellenplatz. Und dennoch war in Dortmund anschließend Endstation für den Mann mit der riesigen Hornbrille. Schade eigentlich, denn in seiner kurzen Zeit als Bundesliga-Coach hat Lindemann viele herrliche Geschichten produziert.

So baute der Mann aus Osthessen eines Tages beim Training eine lange Reihe von Bällen an der Mittellinie auf. Dann ging er zu seiner Mannschaft, die im Strafraum schon auf ihn wartete. Beim Anblick der Kugel-Parade kam einem gewitzten Spieler eine Idee. Betont ernst fragte er Lindemann: "Trainer, wenn ich den dritten von rechts treffe, bekommen wir dann frei?"

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Spieler nutzen Lindemanns Kurzsichtigkeit aus

Dem Coach gefiel das Engagement seines Akteurs und er nickte lächelnd. Der Spieler schoss, erwischte irgendeinen Ball – nur nicht den dritten von rechts - und wurde – wie zuvor verabredet - von seinen Kameraden enthusiastisch gefeiert. Der extrem kurzsichtige Lindemann war ebenfalls begeistert. Anerkennend klopfte er dem Spieler beherzt auf die Schulter und sagte: "Gut gemacht, Junge. Ihr bekommt natürlich alle frei!“

Eine andere Story spielte in der Saison 1969/70. An einem Dienstagabend im März traten die Dortmunder zu einer Partie beim Hamburger SV an. Die Mannschaft war bereits eine Tag zuvor angereist. Eine prima Gelegenheit, dachten sich die BVB-Spieler Jürgen Rynio, Ferdi Heitkamp und Reinhold Wosab, um mit ihrem Kumpel vom HSV, Klaus Zaczyk, einen abendlichen Bummel über die Reeperbahn zu machen.

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Und nachdem sie nach einem entspannten Abend gerade nach Hause ins Hotel ziehen wollten, entdeckten sie in einer Ecke der Kneipe beim Rausgehen einen wundersamen Apparat. Die drei Dortmunder schauten sich nur kurz an und schritten anschließend sofort zur Tat. Denn das Gerät versprach, dass man sich seine ganz persönliche Schlagzeile auf die kommende Ausgabe der St. Pauli Nachrichten drucken lassen konnte.

Und da sie wussten, dass ihr schlauer Trainer beim Frühstück gerne eine frische Zeitung las, bestellten sie ein Exemplar und legten es am nächsten Morgen fein säuberlich neben seine Kaffeetasse. Als der Dortmunder Coach wenige Stunden später gut gelaunt im Frühstücksraum erschien, saß die komplette Mannschaft bereits gespannt auf ihren Plätzen.

"Lindemann im Bordell verhaftet"

Und Lindemanns Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Mit hochrotem Kopf entdeckte der entsetzte Trainer die mit dicken Lettern rot unterlegte Schlagzeile auf den ersten Blick: "Hermann Lindemann im Bordell verhaftet!" Nervös schaute der Übungsleiter des BVB im Saal herum. Seine Brille rutschte ihm von der schweißnassen Nase, als er dem vorbeieilenden Kellner zurief: "Herr Ober, ich brauche sofort einen Rechtsanwalt!"

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In diesem Moment kam sein Spieler Reinhold Wosab lachend aus einem Nebenraum, hielt eine Ausgabe der St. Pauli Nachrichten in der Hand und rief freudestrahlend: "Ich habe gerade zu Hause angerufen. Junge, die Zeitungen gehen da weg wie warme Semmeln!" Und nachdem die Geschichte kurz darauf zur Erleichterung von Lindemann aufgelöst wurde, ging es am Abend gleich noch einmal aufregend weiter. In einer spannenden und abwechslungsreichen Partie schlug der HSV am Ende tapfer kämpfende Borussen mit 4:3.

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Lindemanns bekannteste Anekdote ist jedoch eine andere – und sie wird noch heute gerne an geselligen Fußballabenden erzählt. Eines Tages hatte der BVB-Trainer mal wieder seine Brille nicht aufgesetzt und schaute blind wie ein Maulwurf aufs Spielfeld.

Als er dann auch noch für einen Moment abgelenkt war, registrierte er nicht, dass dem Gegner ein Elfmeter zugesprochen worden war. Erst als der Schütze zum Strafstoß anlief, blinzelte Lindemann aus trüben Augen wieder Richtung des eigenen Sechzehners. Und dann sprang er auch schon von einer Sekunde zur nächsten fuchsteufelswild auf und schrie seine Mannschaft an: "Mein Gott, wie kann denn der Kerl da so frei zum Schuss kommen, ihr Deppen?"    

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktuelles Werk "Das neue Buch der Fußballsprüche" verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".   

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