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Knapp ein Jahr nach Jürgen Klinsmanns Hertha-Zeit scheint klar: So unrecht hatte der Ex-Coach mit seiner Beurteilung der Spieler gar nicht. Kolumne von Tobias Holtkamp.

Natürlich ist es im Nachhinein immer leicht. Wer Recht hatte und so weiter.

Aber so wie Jürgen Klinsmann rund um seine Bewertung der Lage von Hertha BSC, für die er als Cheftrainer und zuvor ja auch als Berater des Investors Tennor gearbeitet hat, kritisiert und in Teilen sogar verurteilt wurde - so darf man ein Jahr später durchaus zu der Erkenntnis gelangen, dass das interne Gutachten, das Klinsmann erstellt hatte, so daneben vielleicht gar nicht war - erst recht inhaltlich. (Dardai neuer Hertha-Trainer) 

Ganz wichtig dabei: Für die Öffentlichkeit war der 22 DINA-A4-Seiten umfassende Bericht, in dem Klinsmann u.a. jeden Kaderspieler bewertete, ja gar nicht bestimmt gewesen. Es sollte Tennor-Chef Lars Windhorst, der mit vielen Millionen bei Hertha eingestiegen war, sowohl zum Überblick als auch als Experten-Gutachten dienen.

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Klinsmann traf wohl ins Schwarze

So wie Klinsmanns Einschätzungen verhöhnt wurden, so wie ihm seine zum Teil schonungslosen Formulierungen und Taxierungen zum Vorwurf gemacht wurden, so kann man ihn jetzt aber doch noch als eine Art späten Sieger bezeichnen. Denn vielleicht, eigentlich sogar mit ziemlicher Sicherheit, traf Klinsmann mit seinen Bewertungen mehr ins Schwarze als vielen recht war oder immer noch ist.

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Es ist ja keine Frage, dass der Härtegrad von Klinsmann Aussagen von den handelnden Personen als übertrieben empfunden werden durfte.

Geschäftsführer Michael Preetz, dem Fehleinkäufe vorgeworfen und eine "Lügenkultur" im Verein unterstellt wurde, hatte große Probleme mit Klinsmanns Urteilen - wen wundert's? Auch viele Spieler kannten es überhaupt nicht, derart bewertet und aus den eigenen Reihen kritisiert und hinterfragt zu werden.

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Doch genau für diesen Blick hatte Tennor Klinsmann ja als Berater zum Hertha-Projekt geholt. Nur, diese Radikalität, das Tempo und die Bereitschaft eben beinahe alles zu ändern, passte nicht in die über viele Jahre allmählich gewachsene Hertha-Welt mit ihren Komfortzonen, die Klinsmann nicht Schritt für Schritt umbauen, sondern rigoros wegreißen wollte.

Hertha hat ein ganzes Jahr verschenkt

Hätte Klinsmann mit etwas mehr Weitsicht gehandelt, geduldiger und toleranter statt zu oft emotional, egoistisch und fast immer nur extrem - sein Hertha-Weg wäre für den Verein auf keinen Fall schlechter gewesen als der nach ihm eingeschlagene. Er hätte seinen Big City Club in Etappen entwickeln können. 

Jetzt ist ein Jahr nach Klinsmann auch Preetz weg, zwei weitere Trainer (Nouri, Labbadia) ebenso. Der Verein hat sehr viel Geld ausgegeben und eine Saison verschenkt, die teuerste Hertha-Mannschaft aller Zeiten steckt im Abstiegskampf. (Tabelle der Bundesliga)

Ob der Berliner Sport-Club noch zum großen Erfolg findet, liegt ab sofort im Verantwortungsbereich von Sportdirektor Arne Friedrich, von dessen Qualitäten sie überzeugt sind - und den noch mal wer geholt hatte?

Genau, Jürgen Klinsmann.

Tobias Holtkamp, der Autor dieses Textes, war in der Chefredaktion von Sport Bild und Chefredakteur von transfermarkt.de. Heute berät er Sportler und Marken in ihrer inhaltlichen und strategischen Ausrichtung. Für SPORT1 schreibt Holtkamp die wöchentliche "Bundesliga-Kolumne".

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