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Legende Klaus Fischer spricht im SPORT1-Interview über den Absturz von Herzensklub Schalke 04. Außerdem analysiert der zweitbeste Torjäger der Bundesligageschichte Robert Lewandowski.

Im Dezember wurde er 71, sein letztes Profispiel liegt 32 Jahre zurück. Aber Klaus Fischer, der zweitbeste Torjäger der Bundesligageschichte, ist immer noch auf Ballhöhe.

Im SPORT1-Interview spricht Fischer über seine Sorgen um seinen Herzensklub Schalke 04 und über den Mann, der ihn schon Samstag in der ewigen Torjägerliste ablösen kann - Robert Lewandowski.

SPORT1: Herr Fischer, sind Sie informiert über die aktuelle Torzahl von Robert Lewandowski in seiner Bundesligakarriere? (SERVICE: Die Torjäger der Bundesliga)

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Klaus Fischer: Ja ja, ihm fehlen noch ganz viele zu mir (lacht).

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SPORT1: Eigentlich nur noch eins. Sie haben 268, er 267…

Fischer: Weiß ich doch. Und ich habe auch kein Problem damit, wenn er mich demnächst überholen sollte. Ob Zweiter oder Dritter, das spielt für mich keine Rolle mehr. Ändern kann ich es ja eh nicht. (SERVICE: Ergebnisse und Spielplan Bundesliga)

Was Fischer an Vergleich bewundert schwierig

SPORT1: Er hat fast 200 Spiele weniger für seine Tore gebraucht als Sie. Ist er also ein besserer Stürmer als Sie es gewesen sind?

Fischer: Die Vergleiche sind immer schwierig, bei solchen Zeitabständen sowieso. Ich war kopfballstark, beidfüßig und antrittsschnell, das ist er auch. Ich kann Ihnen aber sagen, was ich an ihm bewundere.

SPORT1: Ja bitte!

Fischer: Er ist eigentlich nie verletzt. Und warum? Weil er immer fit ist. Das zeichnet die großen Spieler, die so lange spielen, aus. Sie leben außerhalb des Platzes grundsolide. Warum ist ein Messi, ein Cristiano Ronaldo nie verletzt? Sie kümmern sich um ihren Körper, der ihr Kapital ist, sie tun alles für ihn.

SPORT1: Sie damals nicht?

Fischer: Einspruch. Bei Schalke waren drei Spieler damals immer die ersten und die letzten beim Training: Klaus Fichtel, Rolf Rüssmann und ich.

SPORT1: Alles Nationalspieler, WM-Teilnehmer, Klublegenden.

Fischer: Genau. Aber es war eine andere Zeit, gerade was die medizinische Betreuung anging. Oder wenn ich an unseren Kraftraum denke, da standen damals im alten Parkstadion zwei Geräte drin und es war verboten, ihn alleine zu betreten. Wir hatten gar nicht die Möglichkeit, solche Oberkörper zu bekommen, wie sie ein Lewandowski vorzeigen kann, wenn er sein Trikot auszieht.

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Lewandowski kann Rekorde von Gerd Müller knacken

SPORT1: Welchen Vorteil außer der Rundumversorgung im Profifußball des 21. Jahrhunderts hat Lewandowski noch Ihnen gegenüber?

Fischer: Er hat natürlich immer bei Top-Mannschaften gespielt. Erst Dortmund, dann Bayern, von denen ich nie ein Angebot hatte. Ich begann bei 1860 München, mit denen ich 1970 abstieg, und endete 1988 beim VfL Bochum, was eine schöne Zeit war. Mit Schalke und Köln habe ich auch bei Topklubs gespielt, aber kein Vergleich zu den Bayern von heute.

SPORT1: Weil man da die besseren Mitspieler hat?

Fischer: Klar, das galt schon für Gerd Müller. Jeder noch so gute Stürmer ist abhängig von seinen Mitspielern, braucht eine gute Mannschaft, die ihn füttert. Aber dann musst du auch die Qualität haben, die Dinger zu machen.

SPORT1: Wie viele Dinger macht Lewandowski noch? Knackt er den Müller-Rekord von 40 Saisontreffern aus der Saison 1971/72?

Fischer: Die 40 kann er sicherlich erreichen, er braucht noch neun in zehn Spielen. Ich will auch nicht ausschließen, dass er die 365 Bundesligatore von Gerd erreicht, so fit wie er ist. Dazu fehlen ihm 98. Wenn er noch drei Jahre spielt, dann vielleicht, aber keiner wird jünger. Eins ist auch klar: Gerd hat trotzdem Tore gemacht, die nur er schießen konnte.

Schalke-Absturz "nie im Leben für möglich gehalten"

SPORT1: Kommen wir zu einer Mannschaft, die in dieser Saison nur halb so viele Tore geschossen hat wie Lewandowski. Blutet Ihnen als Schalker Rekordtorjäger nicht das Herz, wenn sie ihre Nachfolger spielen sehen?

Fischer: Ich kann Ihnen sagen: So etwas hätte ich mir nicht erträumen können. Ich war im Januar 2020 im Stadion, als wir 2:0 gegen Gladbach gewannen, die hatten gar keine Chance gegen uns. Was dann passiert ist, warum wir nur eins der nächsten 40 Spiele gewannen, das hätte ich nie im Leben für möglich gehalten. Keiner aus meinem Umfeld glaubt das, was da passiert. Es ist wie abgeschnitten. Das letzte Spiel gegen Mainz (0:0, die Red.) hatte mit Fußball gar nix mehr zu tun. Es sagt doch alles, wenn ein Innenverteidiger die einzige Torchance hat.

SPORT1: Können Sie Gründe für die Talfahrt von Platz zwei vor einem Jahr bis ans Tabellenende benennen? (SERVICE: Tabelle der Bundesliga)

Fischer: Corona, Verletzungen, schlechte Einkäufe – das ist doch alles bekannt. Aber das Schlimmste, was mich wirklich schockiert, ist dass diese Mannschaft nicht fit ist. Da sehe ich Spieler, die von Arsenal gekommen sind, mit Krämpfen auf dem Boden sitzen. Weil wir nicht fit sind, sind wir auch nicht in der Lage, Pressing zu spielen, bis zu dem Gladbach-Spiel vor einem Jahr ging das noch. Davon siehst du nichts mehr. Ich frage mich: Was haben die in der Corona-Pause im Frühjahr gemacht?

SPORT1: Welchen der fünf Trainer hätten Sie nicht geholt?

Fischer: Das kann ich nicht sagen, weil ich die tägliche Arbeit nicht beurteilen kann. Ich sehe nur, dass sie nicht fit sind und das ist der Schlüssel, denn dann gewinnst du auch keine Zweikämpfe. Das wiederum war schon vor 70 Jahren das Wichtigste und wird in 70 Jahren so sein – wenn du keinen Zweikampf gewinnst, gewinnst du kein Spiel.

SPORT1: Ist mittlerweile nicht auch vieles Kopfsache? Oder fehlt die Unterstützung der Fans diesem Verein besonders?

Fischer: Das Fan-Problem haben alle, ja. Bei Schalke ist es aber speziell, da stehen die Fans hinter der Mannschaft ohne Ende. Nun leiden sie zuhause.

SPORT1: Am Mittwoch hat Bielefeld gegen Bremen verloren, der Abstand ans rettende Ufer beträgt weiterhin neun Punkte. Haben Sie noch Hoffnung?

Fischer: Im Fußball ist so vieles möglich, sagt man immer. Aber wenn ich ehrlich bin: so richtig glaube ich nicht mehr dran.

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