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Gelsenkirchen - Dimitrios Grammozis hat bei Schalke 04 eine schwierige Aufgabe vor sich. Im Interview mit SPORT1 spricht er über Trainer-Idole, die S04-Kabine und den Neuanfang.

Der FC Schalke 04 will mit Dimitrios Grammozis den Neuanfang starten.

Der 42-jährige Ex-Profi ist bereits der fünfte Coach in dieser Saison auf Schalke. (Die Tabelle der Bundesliga)

Nach seinem Debüt gegen Mainz (0:0) hat SPORT1 mit dem Deutsch-Griechen gesprochen. Grammozis über Trainer-Vorbilder, die schwere Schalke-Kabine und den Neuanfang mit jungen Spielern. 

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SPORT1: Etwas provokant gefragt: Wieso tun Sie sich Schalke 04 an? 

Dimitrios Grammozis: Ganz einfach: Weil ich richtig Lust auf diese Aufgabe habe! Schalke 04 ist ein großer Club mit einer unglaublichen Energie. Ich komme aus dem Pott, habe S04 schon als kleiner Junge verfolgt und weiß, welche Bedeutung dieser Verein hier in der Region hat. Ich weiß genau, was die Fans gerade durchmachen. Sie leben diesen Verein. Die Tradition, die Fans, das Umfeld – deshalb habe ich mich am Ende entschieden. 

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SPORT1: Seit mehr als acht Monaten sind Sie nun ohne Job. Was haben Sie in der Zeit gemacht? 

Grammozis: Ich wollte eigentlich bei dem einen oder anderen Verein hospitieren. Leider hat Corona das nicht zugelassen. Ich habe mich mit vielen Trainern ausgetauscht. 

SPORT1: Haben Sie ein Trainer-Vorbild? 

Grammozis: Vorbild nicht, jeder muss seinen eigenen Weg finden. Aber natürlich habe ich von einigen Trainern etwas mitgenommen. Zum Beispiel von Otto Rehhagel. Er hat mich damals als Spieler nach Kaiserslautern geholt, der Kontakt ist seither nie abgerissen. Wir telefonieren regelmäßig und trinken auch mal einen Kaffee. Die Gespräche mit ihm bringen mich enorm weiter.  

SPORT1: Was hat er zum Schalke-Job gesagt? 

Grammozis: Er hat mit eine sehr nette SMS geschrieben und viel Glück gewünscht. 

SPORT1: Was haben Sie inhaltlich von Otto Rehhagel gelernt? 

Grammozis: Seine Menschenführung ist einzigartig. Er ist mit sehr viel Empathie mit uns Spielern umgegangen, wusste aber auch, die Zügel im richtigen Moment wieder anzuziehen. Er hat uns in jeder Einheit und vor jedem Spiel gepackt. Ich habe mir viel von ihm abgeschaut. 

SPORT1: Wie liefen die Gespräche mit Peter Knäbel, der zurzeit Interims-Sportchef auf Schalke ist? 

Grammozis: Er hat um mich gekämpft und mir in den Gesprächen immer wieder das Gefühl gegeben, dass er unbedingt mit mir arbeiten möchte. Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Schritt gemacht habe. 

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SPORT1: Aller guten Dinge sind drei, schließlich stand Sie schon zwei Mal kurz vor einem S04-Job. Damals entschied man sich aber für Manuel Baum und Christian Gross. Hat Sie das geärgert? 

Grammozis: Nein, gar nicht. Eitelkeiten haben im Fußball nichts zu suchen. Ich bin von Schalke und der Aufgabe total überzeugt - ansonsten hätte ich den Job nicht angenommen. Wir wollen hier etwas aufbauen und etwas Neues schaffen. 

SPORT1: Haben Sie mit Ihren Vorgängern gesprochen? 

Grammozis: Nein, das habe ich bewusst nicht gemacht. Ich wollte mir selbst ein Bild von der Situation machen und ohne Vorurteile in den neuen Job gehen. Jeder Trainer hat schließlich seine eigene Herangehensweise, deshalb lässt sich das schwer verbinden. Die Jungs machen echt einen guten Eindruck auf mich, trotz der schwierigen Situation. Es ist eine Aufbruchsstimmung zu spüren. 

SPORT1: Hand aufs Herz: Wie schwierig ist die Schalke-Kabine wirklich? 

Grammozis: Ich habe als Spieler so viel Blödsinn in meiner Karriere gemacht, von daher kann mich nichts mehr in der Kabine überraschen (lacht). Nein, Spaß bei Seite: Ich habe viele Gespräche mit den Jungs geführt. Sie machen einen total guten Eindruck.  

SPORT1: Nach dem 0:0 gegen Mainz müssen Sie für die 2. Liga planen. Wie schauen die Planungen aus? 

Grammozis: Die Planung für die nächste Saison macht vor allem der Verein, aber natürlich tauschen wir uns aus. Ich bin aber insbesondere dafür zuständig, die Mannschaft bestmöglich auf das nächste Spiel vorzubereiten. Es ist in den letzten Tagen viel auf die Mannschaft eingeprasselt. 

SPORT1: Mit Stambouli, Mascarell und Oczipka haben Sie gegen Mainz drei Führungsspieler auf die Bank gesetzt. Ist das ein erstes Zeichen für den Neuaufbau? 

Grammozis: Diese Spieler sind nicht abgeschrieben. Es war eine kurzfristige Spieltagsentscheidung. Grundsätzlich sind wir angetreten, um einen neuen Weg zu gehen und die Knappenschmiede noch mehr einzubinden. Wir haben eine super Jugendarbeit. Wenn man Qualität im Nachwuchs hat, wieso dann nicht einbinden? Klar ist aber auch: Wir werden keinem jungen Spieler einfach so Einsatzzeit schenken, sie müssen sie sich verdienen. Wir müssen jede Woche die beste Mannschaft auf den Platz bringen. Das sind wir auch den Fans schuldig. 

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SPORT1: Sie kennen die 2. Liga noch aus Ihrer Zeit bei Darmstadt 98. Was braucht es in der 2. Liga? 

Grammozis:  In der 2. Liga sind die Attribute wie Geschlossenheit, Wille und Kampf gefragt. Die individuelle Klasse ist nicht so hoch wie in der Bundesliga, es geht vor allem um eine defensive und mannschaftliche Geschlossenheit. In der 2. Liga musst du erst mal kämpfen - das ist der größte Unterschied. 

SPORT1: Braucht Schalke für die nächste Saison mehr Kämpfer? 

Grammozis: Ich plane das nächste Spiel, das ist schwer genug. Wir haben viele Ausfälle aktuell und müssen gucken, dass wir wieder eine schlagkräftige Truppe auf dem Platz kriegen. 

SPORT1: Gegen Mainz wirkte Ihre Mannschaft nicht spritzig genug. Wie bewerten Sie den Fitnesszustand? 

Grammozis: Es sieht nicht schön aus, wenn zwei, drei Spieler auf dem Boden liegen und sich dehnen müssen, um das Spiel durchzustehen. Aber die Jungs haben Charakter gezeigt. Was in der Vergangenheit passiert ist, kann ich nicht bewerten. Jeder Trainer hat seine eigene Spielidee und lässt auch entsprechend trainieren. Wir werden so arbeiten, damit wir wieder die nötige Intensität für unsere Ideen auf den Platz. Ich finde, dass die Mannschaft gegen Mainz gerade in der ersten Halbzeit einen guten Eindruck gemacht hat. Sie hat den richtigen Willen gezeigt und alles reingehauen. Die Jungs waren richtig kaputt. Aber wir müssen hier nichts schönreden: Es gibt vor allem offensiv Verbesserungsbedarf. Insgesamt müssen die Jungs auch wieder mutiger sein, die Tiefe suchen und selbstbewusst ins Eins-gegen-Eins gehen. Ich bin guter Dinge, dass wir das hinbekommen.

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