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© SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/iStock
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München - Die Pleite in der Champions League gegen Real hat bei Bayern tiefe Spuren hinterlassen. In der Tat haben sich die Münchner die Niederlage selbst zuzuschreiben. SPORT1 nennt die Gründe.

Hängende Köpfe, versteinerte Mienen und sprachlose Stars wie Mats Hummels und Robert Lewandowski, die schweigend und im Laufschritt die Allianz Arena verließen.

Das 1:2 (1:1) im Halbfinal-Hinspiel der Champions League gegen Real Madrid hat beim FC Bayern München tiefe Spuren hinterlassen.

Nicht nur, weil die Aussichten auf einen Einzug ins Finale am 26. Mai in Kiew und die Wiederholung des historischen Triples von 2013 vor dem Rückspiel am 1. Mai erheblich gesunken sind.

Sondern vor allem, weil die dritte Heimpleite in Folge gegen die nicht überzeugenden Königlichen völlig unnötig war.

"Wir haben uns keinen Gefallen getan, hätten ein viel besseres Ergebnis herausholen können. Aufs ganze Spiel gesehen war es zu naiv von uns", haderte Kapitän Thomas Müller. (Stimmen zum Spiel)

In der Tat haben sich die Münchner die Niederlage selbst zuzuschreiben. SPORT1 nennt die Gründe. 

- Chancenwucher

Niklas Süle sagte nach dem Spiel einen bemerkenswerten Satz. "Wenn wir 5:2 gewinnen, darf sich Real nicht beschweren", meinte der Verteidiger. Und Joshua Kimmich erhöhte wenig später sogar: "Ich würde sagen 7:2. So viele Riesenchancen hatten wir nicht mal in Hannover."

Ganz unrecht hatten die beiden Nationalspieler nicht, wenngleich die Analyse etwas schönfärberisch ist. Denn nicht jede Chance ergibt automatisch ein Tor - was die Münchner gerade an diesem Abend schmerzlich erleben mussten.

Am Ende kamen die Gastgeber auf rund zehn hochkarätige Möglichkeiten, "Hermann Gerland neben mir hatte den ganzen Zettel vollgeschrieben", berichtete Sportdirektor Hasan Salihamidzic.

Trotzdem gelang gerade mal der Treffer durch Kimmich (28.), weil die Offensive gegen den unsicheren Keylor Navas jeglichen Killerinstinkt vermissen ließ, allen voran Robert Lewandowski und Franck Ribery.

"Wir hatten eine Fülle von Torchancen. Wenn man die nicht nutzt, muss man sich nicht wundern, wenn man gegen Real verliert", lautete Heynckes' treffende Analyse.

Auch Müller legte den Finger in die Wunde. "Wir brauchen eine andere Mentalität in den Abschlusssituationen. Wir haben da einen Respekt, der gar nicht nötig ist", meinte er. "Real war absolut verwundbar. Aber wir haben sie leben lassen."

- Individuelle Fehler

Wie man es besser macht, zeigten die Königlichen - aus eineinhalb Chancen machten sie zwei "Eiertore", wie es Süle nannte. Schon das 1:1 von Marcelo (44.) war vermeidbar, als die Bayern-Hintermannschaft der Hereingabe nur hinterher schaute. "Das war der Knackpunkt und völlig unnötig", erklärte Heynckes.

Noch schlimmer war es allerdings beim 1:2 durch Asensio (57.), das der ansonsten gute Rafinha durch einen katastrophalen Fehlpass einleitete - solche Patzer bleiben im Gegensatz zur Bundesliga in einem Champions-League-Halbfinale eben nicht unbestraft.

"Wir haben Real zwei Tore geschenkt, durch eklatante Fehler. Auf dem Niveau darf man in der Defensive nicht solche Fehler machen", brachte es Heynckes auch hier auf den Punkt.

- Zu viele Verletzte

Viel schlimmer hätte es für die Münchner nicht kommen können, nachdem die Ausfälle von Kingsley Coman, Arturo Vidal sowie kurzfristig auch David Alaba schon eine erhebliche Schwächung bedeuteten.

Arjen Robben, gegen seinen Ex-Klub hoch motiviert, musste bereits nach dem ersten Sprint mit einer Oberschenkelverletzung vom Platz. Knapp eine halbe Stunde später erwischte es an fast derselben Stelle mit fast derselben Verletzung den bis dahin überzeugenden Jerome Boateng. . Für den Weltmeister bedeutet die Muskelverletzung nach Medienberichten gar das Saison-Aus, die WM ist in Gefahr.

"Das sind Rückschläge, die man erst einmal verdauen muss", berichtete Heynckes von der geschockten Stimmung auf der Bank.

Schließlich bedeuteten die Ausfälle eine erhebliche Schwächung der Bayern, Müller war erneut ohne Nebenmann Robben nur die Hälfte wert und Boateng zuletzt auf dem Weg zur Bestform. 

"Bei Arjen hoffen wir, dass es nicht so schlimm ist. Jerome hat einen Stich verspürt. Da denke ich, dass er ausfallen wird", vermutete Heynckes schon nach dem Spiel.

Es passte ins Bild, dass auch der unermüdliche Javi Martinez nach einem Zusammenprall nach 75 Minuten gegen Corentin Tolisso ausgetauscht werden musste, so dass Heynckes auch nicht mehr Sandro Wagner als zusätzlichen Stürmer bringen konnte.

Insgesamt zeigte sich, dass bei den Münchnern ausgerechnet in der entscheidenden Saisonphase zu viele wichtige Stützen ausfallen. Gerade der pfeilschnelle Coman und Vidal als Wellenbrecher im Mittelfeld wurden gegen Real spürbar vermisst.

- Zu viele Ausfälle

Zu den Verletzten kamen aber auch sportliche Ausfälle. Gegen Real gab es zu viele Spieler, die weit unter ihrem Niveau blieben, was in solchen Begegnungen ein gravierender Nachteil ist.

So zeigte Thiago nach seiner schnellen Einwechslung einmal mehr eine enttäuschende Vorstellung mit defensiven Defiziten sowie zahlreichen Fehlpässen und Müller fand ungeachtet seines Engagements fast überhaupt nicht ins Spiel.

Enttäuschend auch der Auftritt von Lewandowski, der gerade auf der großen Bühne gegen seinen Lieblingsklub Real Eigenwerbung hätte betreiben können. Doch stattdessen tauchte der verhinderte Torjäger ab und ließ dann auch noch drei Topchancen aus.

"Ich sehe Lewandowski in diesen Spielen einfach zu wenig. Er wird seinem Status nicht gerecht", monierte TV-Experte Oliver Kahn und sprach damit vielen Kritikern aus der Seele.

Trotzdem versuchte Heynckes ungeachtet aller Defizite den Blick nach vorne zu richten.  "Wenn wir gegen eine Mannschaft wie Real Madrid, die zwei Mal die Champions League gewonnen hat, so viele Torchancen herausspielen, zeigt mir das auch, dass sie verwundbar ist", sagte der Bayern-Coach und übte sich in Durchhalteparolen: "Wir werden in Madrid noch einmal alles versuchen, um das Ergebnis zu korrigieren. Das ist auch unsere Pflicht. Wir geben nicht auf."

Was blieb ihm nach diesem ernüchternden Abend auch anderes übrig.

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