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Ivano Bordon war als Inter-Keeper ein Protagonist der großen Duelle mit Mönchengladbach in den 1970ern
Ivano Bordon war als Inter-Keeper ein Protagonist der großen Duelle mit Mönchengladbach in den 1970ern © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago/Getty Images
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München - Vor 49 Jahren kam es zum legendären Büchsenwurfspiel auf dem Bökelberg. Vor dem CL-Duell zwischen Inter und Gladbach erinnert sich Ex-Keeper Ivano Bordon bei SPORT1 daran.

Fast auf den Tag genau vor 49 Jahren, am 20. Oktober 1971, ging am Bökelberg in Mönchengladbach das berühmte Büchsenwurfspiel über die Bühne. Die Borussia hatte an diesem Abend im Pokal der Landesmeister Inter Mailand zu Gast - und es wurde eine echte Sternstunde für die Elf von Hennes Weisweiler.

Der 7:1-Sieg der Fohlen gegen Stars wie Giacinto Facchetti, Sandro Mazzola oder Roberto Boninsegna beschleunigte den Mythos der Fohlen - hatte allerdings einen entscheidenden Makel. Weil Boninsegna von einer Cola-Büchse getroffen wurde, legten die Italiener Einspruch bei der UEFA ein und hatten Erfolg.

Inter-Stürmer Roberto Boninsegna wurde nach dem Büchsenwurf vom Platz getragen
Inter-Stürmer Roberto Boninsegna wurde nach dem Büchsenwurf vom Platz getragen © Imago

Während auf Gladbacher Seite Boninsegna Schauspielerei vorgeworfen wurde, blieben die italienischen Protagonisten bis zum heutigen Tag bei der Version, mit der sie bei der UEFA Erfolg hatten: Boninsegna habe sich so schwer verletzt, dass er vom Feld gebracht werden musste.

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Nach einer 2:4-Niederlage in Mailand und dem 0:0 im Wiederholungsspiel in Berlin schied Gladbach aus. Im Tor der Nerazzurri stand damals der blutjunge Ivano Bordon, der nach einer Weltklasseleistung im Wiederholungsspiel seinen Spitznamen "Mauer von Berlin" bekam.

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SPORT1 sprach vor dem Revival am Mittwoch (Champions League: Inter Mailand - Borussia Mönchengladbach ab 21 Uhr im LIVETICKER) mit dem heute 69 Jahre alten Ex-Keeper, der auch 1979 noch im Inter-Kasten stand, als der Borussia die Revanche gelang.

SPORT1: Herr Bordon, es sind fast 50 Jahre vergangen, als sich Inter Mailand und Borussia Mönchengladbach zum ersten Mal begegneten - und es wurde gleich ein Spiel, an dem die Gladbach-Fans noch Jahrzehnte später zu knabbern hatten. Welche Erinnerungen haben Sie an das legendäre 7:1, das wegen des Büchsenwurfes wiederholt wurde?

Ivano Bordon: Ich kann mich erinnern, dass die Borussia von Anfang an voll draufging und es nach 15 Minuten schon 2:1 für sie stand. Es war wirklich beeindruckend, mit welcher Wucht sie auf unser Tor stürmten. Dann landete die berühmte Büchse auf Boninsegna - und von da an war es kein normales Spiel mehr. Gladbach war in dieser Zeit unglaublich stark, aber wir waren von dem Ereignis offensichtlich geschockt, denn ein 7:1 erscheint mir auch heute noch ein surreales Ergebnis.

Günter Netzer überspringt Ivano Bordon
Günter Netzer überspringt Ivano Bordon © Imago

SPORT1: Sie saßen in der ersten Halbzeit auf der Bank. Was haben Sie zu diesem Zeitpunkt gedacht?

Bordon: Es war schwer in Worte zu fassen. Gladbach hat sich in einen Rausch gespielt und wir hatten nichts mehr entgegenzusetzen. Aber, wie gesagt: Die Verletzung von Boninsegna hat unser Spiel negativ beeinflusst.

"Boninsegna hat nicht simuliert"

SPORT1: Sie wurden in der Halbzeit für Lido Vieri eingewechselt, was auch damals für einen Torhüter außergewöhnlich war. Wie kam es dazu?

Bordon: Vieri kam damals nach einer längeren Sperre ins Team zurück und hatte nicht seinen besten Tag. Da hat mich Trainer Giovanni Invernizzi zur Pause eingewechselt.

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SPORT1: Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es in Mönchengladbach Zeitzeugen, die schwören, dass Boninsegna nur geschauspielert hat und gar nicht schwer verletzt war. Was entgegnen Sie ihnen?

Bordon: Ich habe es hautnah mitbekommen. Boninsegna hat nicht simuliert. Im Gegenteil: Ein Gladbacher Spieler hat versucht, die Dose schnell zu entfernen, Sandro Mazzola hat es aber verhindert und die Dose dem Schiedsrichter gegeben. Ich kann allerdings nicht sagen, ob sie voll oder halbleer war.

Klaus Dieter Sieloff verschießt den Elfmeter gegen Inter-Torwart Ivano Bordon
Klaus Dieter Sieloff verschießt den Elfmeter gegen Inter-Torwart Ivano Bordon © Imago

SPORT1: Nach dem Einspruch von Inter wurde das Spiel annulliert und musste in Berlin wiederholt werden. Da sind Sie zum Helden avanciert ...

Bordon: Zunächst haben wir das Rückspiel in Mailand 4:2 gewonnen und uns für die Leistung in Gladbach revanchiert. In Berlin fing Gladbach aber wieder sehr stark an und hatte in der Anfangsphase viele Chancen. Es waren über 80.000 Zuschauer im Stadion, die eine unglaubliche Stimmung machten. Dann hat Mazzola einen Elfmeter verursacht. Ich wusste noch, dass Klaus-Dieter Sieloff beim 7:1 einen Elfmeter ins rechte Eck geschossen hatte. Dieses Mal tat ich mit einer Finte so, als würde ich ins rechte Eck fliegen. Dann bin ich aber wieder in die andere Richtung - und überlistete Sieloff und Gladbach damit. Danach hatten wir Oberwasser und waren nicht mehr so heftig unter Beschuss. Für mich war es der internationale Durchbruch, weil ich in diesem Spiel zahlreiche Chancen vereiteln konnte.

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SPORT1: Welcher Gladbach-Spieler von damals hat Sie am meisten beeindruckt?

Bordon: Da waren einige dabei, die richtig gut waren - sei es Jupp Heynckes, Berti Vogts, Hans-Jürgen Wittkamp oder Sieloff. Dennoch hat Günter Netzer mit seinem Vorwärtsdrang herausgestochen.

"Der Schuss von Nickel hat mich überrascht" 

Harald Nickel  gegen Torwart Ivano Bordon
Harald Nickel gegen Torwart Ivano Bordon © Imago

SPORT1: Acht Jahre später kam es zur Revanche der beiden Mannschaften im UEFA-Pokal, diesmal mit besserem Ausgang für die Borussia. Vor allem das Rückspiel war erneut spektakulär, nicht zuletzt wegen eines 40-Meter-Schusses von Harald Nickel, der in Deutschland später zum Tor des Jahres gewählt wurde. Welche Erinnerungen haben Sie an dieses zweite Duell?

Bordon: Wir hatten eigentlich nach dem 1:1 am Bökelberg ein gutes Gefühl vor dem Rückspiel in San Siro. Der Schuss von Nickel aus großer Distanz hat mich überrascht, aber in der Verlängerung führten wir 2:1 und alles sprach für uns. Gladbach hat das Spiel dann aber gedreht. Man kann schon sagen, dass sie sich für das Aus acht Jahre zuvor revanchiert haben.

SPORT1: Nun treffen sich Inter und Gladbach also zum dritten Mal im europäischen Vergleich. Wie gefallen Ihnen die Nerazzurri der heutigen Zeit?

Bordon: Ich muss sagen, dass Antonio Conte eine starke Mannschaft beisammen hat. Vor allem im Angriff sind sie mit Romelu Lukaku und Lautaro Martínez sehr gut besetzt. Auch wenn vor allem in der Abwehr derzeit einige Spieler wegen positiver Coronatests ausfallen, denke ich, dass Inter gegen Gladbach favorisiert ist.

SPORT1: Im Tor steht seit vielen Jahren Samir Handanovic. Was sagen Sie zu Ihrem Nachfolger?

Bordon: Er ist in den Jahren gereift und mittlerweile ein kompletter Torwart. Seit er vor zwei Jahren zum Kapitän ernannt wurde, hat er sich noch einmal gesteigert.

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