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Matthias Becker (l.) ist Leiter News Digital bei SPORT1
Matthias Becker (l.) ist Leiter der Digitalen Redaktion von SPORT1 © SPORT1 / AKP
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Der Auftritt mit Türkei-Präsident Erdogan rückt Ilkay Gündogan und Mesut Özil in ein unangenehmes Licht. Sie sollten alles tun, um den Schaden zu beheben.

Darf ein Profi-Sportler politisch Stellung beziehen? Selbstverständlich, so wie jeder andere auch.

Darf er das auch, wenn seine Position oder Geste unpopulär ist oder nicht dem Mainstream entspricht? Na klar, denn in Deutschland muss er nicht befürchten, dafür möglicherweise im Gefängnis zu landen.

In der Türkei von Recep Tayyip Erdogan ist das leider anders. Deshalb tut es umso mehr weh, wenn zwei so exponierte Repräsentanten des deutschen Sports und der deutsch-türkischen Beziehungen wie Mesut Özil und Ilkay Gündogan sich für einen Regenten zur Verfügung stellen, der Menschenrechte missachtet und unliebsame Meinungen unterdrückt.

Zu einfach sollte man es sich nicht machen. Alle Internet-Helden, die sich Erdogan angeblich mutig entgegengestellt hätten, vergessen womöglich, dass es für Gündogan und Özil, die Freunde und Verwandte im Erdogan-Staat haben, eine hohe Courage abverlangt hätte, den türkischen Machthaber zu brüskieren.

So erklärt Gündogan die Fotos mit Erdogan

Gündogans Hinweis, dass er seinen Auftritt mit Erdogan als "Geste der Höflichkeit" sieht, lässt eine Ahnung durchblicken, dass er die unangenehmen Konsequenzen einer Unhöflichkeit gegenüber Erdogan (oder dem, was der dafür hält) fürchtet.

Dennoch: Der Sturm, den die beiden herausragenden Kicker für ihre Aktion jetzt in ihrer Heimat ernteten - nicht zuletzt von liberalen deutsch-türkischen Politikern -, ist berechtigt.

Sich mit einem Herrscher wie Erdogan ablichten zu lassen, ist willkommene Gratis-Propaganda und Wahlkampfhilfe für Erdogan, unangenehmerweise auch vor den in Deutschland lebenden Türken, die in ihrem Heimatland mitwählen dürfen.

Und leider ist es auch eine ärgerliche Steilvorlage für Politiker vom rechten Rand, vor allem Gündogans besonders irritierende Anrede Erdogans als "mein Präsident".

Die aus dieser und anderen Ecken kommende Forderung nach einem Rauswurf Özils und Gündogans aus der Nationalelf wird Bundestrainer Joachim Löw bei der WM-Kadernominierung heute gewiss ablehnen. Und das ist auch gut so. Es würde zu weit gehen.

Folgenlos sollte "Erdogan-Gate" dennoch nicht bleiben. Der DFB, die Nationalmannschaft haben sich aus gutem Grund völlig anderen Werten als Erdogan verpflichtet (was bei der WM in einem Land wie Russland auch noch ein paarmal Thema werden wird).

Ein höfliches Propaganda-Lächeln für einen Mann wie Erdogan weckt Zweifel, ob Gündogan und Özil auch wirklich und uneingeschränkt für diese Werte stehen.

Sie sollten jetzt alles tun, was sie können, um diese Zweifel ausräumen - und sich zumindest nachträglich von ihrer Aktion distanzieren.

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