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Hansi Flick (r.) arbeitete von 2006 bis 2014 als Co-Trainer von Joachim Löw bei der Nationalmannschaft © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Imago
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München - Von 2006 bis 2014 bildeten Hansi Flick und Joachim Löw ein kongeniales Duo im Nationalteam. Im SPORT1-Interview spricht Flick über das deutsche WM-Debakel und die Analyse seines ehemaligen Chefs.

Kaum jemand kennt die Nationalmannschaft und den DFB besser als Hansi Flick (53). Von 2006 bis 2014 war er Assistent von Bundestrainer Joachim Löw, ehe er das Amt des Sportdirektors übernahm, das er bis Januar 2017 innehatte. Nach dem frühen Aus der DFB-Elf bei der WM wurde über eine Rückkehr des ehemaligen Bayern-Profis spekuliert.

Das exklusive Interview mit SPORT1.

SPORT1: Herr Flick, sie sind ein enger Vertrauter von Jogi Löw. Wie oft hat er sich in den vergangenen Wochen bei Ihnen Rat eingeholt?

Hansi Flick: Wir haben zwar keinen Espresso zusammen getrunken, aber wir haben miteinander telefoniert. Er braucht meinen Rat nicht.

SPORT1: Ein kurzer Rückblick. Wie konnte das WM-Debakel überhaupt passieren?

Flick: Brasilien oder Argentinien hatten schon 2014 die vermeintlich besseren Einzelspieler, aber entscheidend war immer, dass die Mannschaft funktioniert. Wir hatten damals Spieler, die das Team verbessert haben. Wie Neuer, Lahm, Schweinsteiger, Kroos, Müller oder Mertesacker. Auf ihrem Höhepunkt auch Hummels, Boateng, Khedira oder Klose. Das waren auch extrem gute Einzelspieler aber sie haben vor allem den Wert der Mannschaft gesteigert. Das ist das Entscheidende und das hat uns bei der WM in Russland gefehlt. Der Teamgeist war nicht da und das Team hat nicht so funktioniert, wie man es von einer deutschen Mannschaft gewohnt war.

Hansi Flick war von 2006 bis 2014 Co-Trainer von Joachim Löw bei der Nationalmannschaft
Hansi Flick war von 2006 bis 2014 Co-Trainer von Joachim Löw bei der Nationalmannschaft © Getty Images

SPORT1: Ist Löw noch unantastbar?

Flick: Er ist jetzt 14 Jahre bei der Nationalmannschaft. Das darf man nicht vergessen. Die Entwicklung der Deutschen Nationalmannschaft und ihre Spielweise, hat uns allen sehr große Freude bereitet. Wir hatten auch international ein sehr hohes Ansehen, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen. Man war vom Fußball, den Jogi Löw spielen ließ, schlichtweg begeistert.

SPORT1: Das ist aber Vergangenheit.

Flick: Ja, aber Jogi hat die Qualität und er weiß auch, wie er Fußball spielen möchte und es umzusetzen hat. Sich einzugestehen, dass man Fehler gemacht hat, ist nichts Schlimmes. Es zeugt auch von einer gewissen Größe zu sagen, dass man die Dinge falsch eingeschätzt hat, man aber auch genau weiß, wie es weitergehen soll. Das muss man ihm zugestehen.

SPORT1: Er räumte aber ein, dass er bei den Spielern das Feuer nicht entfachen konnte. Mit anderen Worten: Er hat die Mannschaft zuletzt nicht erreicht.

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Flick: Ich traue Jogi aber absolut zu, dass er das Feuer wieder entfacht. Er hat ein Team, dass ihn unterstützt und auch Oliver Bierhoff wird eine wichtige Rolle spielen. Du musst das Feuer vorleben. Wenn die Mannschaft das spürt, wird sie auch mitziehen. Man darf aber eines nicht übersehen. Wir spielen bald gegen Frankreich und der Weltmeister hat Selbstvertrauen. Die werden das Spiel nicht so einfach hergeben. Mit der Qualität der Spieler ist Frankreich schon sehr gut aufgestellt, auch wenn sie neue Spieler dabei haben werden.

SPORT1: Thema abgehakt. Lassen Sie uns bitte an Ihren Gedanken zu Löws WM-Analyse teilhaben. 

Flick: Egal wie sie ausgefallen wäre, man hätte es nicht allen Recht machen können. Das gesamte Thema dauerte einfach schon zu lange an. Die Reduzierung im Trainerteam kann sinnvoll sein. Ich persönlich finde es gut, wenn eine Nationalmannschaft zwei Co-Trainer hat. Dass muss aber jeder Trainer für sich selbst entscheiden. Er muss sich wohlfühlen. So hat er eine kleinere Diskussions-Runde. Und am Ende kommt man eventuell schneller ans Ziel. 

SPORT1: Können Sie nachvollziehen, dass es Co-Trainer Thomas Schneider erwischt hat, ihren Nachfolger? 

Flick: Dass Thomas Schneider nun nicht mehr Co-Trainer ist, finde ich schade, denn er ist ein sympathischer Typ. Man empfand das Trainerteam als zu groß, also hat man es reduziert. Das ist legitim. Jeder zusätzliche Experte will natürlich irgendwo auftauchen, sich verwirklichen und seine Spielwiese haben. Für Thomas ist die Situation sicherlich nicht einfach. 

SPORT1: Können Sie Löws Enttäuschung über das Verhalten von Mesut Özil nachvollziehen? Er soll sich beim Bundestrainer vor und nach seinem Rücktritt bis heute nicht gemeldet haben.

Flick: Ich kann Jogis Enttäuschung nachempfinden, aber so ist es im Leben. Oftmals wird man von den Leuten am meisten enttäuscht, mit denen man ein ganz besonderes Verhältnis hatte. Ich habe es miterlebt, wie er ihn immer wieder unterstützt, gefordert und gefördert hat.  Jogi hätte es verdient gehabt, dass man ihn zumindest mal anruft und ihm seine Gedanken mitteilt, man darüber offen spricht und diskutiert. Das hätte man von Mesut erwarten können.

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SPORT1: Was sagen Sie zum Kader?

Flick: Ich habe einen größeren Umbruch erwartet. Jeder Mannschaft tun neue Gesichter, neue Energien und ein neuer Spirit gut. Aber es ist natürlich auch schwierig, weil wir dann über Spieler reden, die immer noch in der Lage sind, Weltklasse abzurufen.

SPORT1: Was genau meinen Sie mit "schwierig"?

Flick: Mit dem aktuellen Kader ist es schwierig, neue Spieler einzubauen. Die Herausforderung wird sein, einem etablierter Spieler oder Weltmeister zu vermitteln, dass er eventuell auch mal auf der Bank sitzt. Zwei, drei neue Gesichter hätten der Mannschaft gut getan, dann wäre es für mich ein Neuanfang gewesen. Jetzt ist es  so, dass neben den Rücktritten von Mesut Özil und Mario Gomez nur Sami Khedira von den Etablierten raus ist. Ich finde übrigens, dass er es gut gemacht hat, indem er gesagt hat, dass er bereitsteht, wenn der Bundestrainer ihn braucht.

SPORT1: Herr Löw setzt auch zukünftig vor allem auf eine routinierte Bayern-Achse.

Flick: Wenn die Bayern-Spieler gut in Form sind, ist das auch für die Nationalmannschaft extrem wichtig. Das hat man bei all den Turnieren gesehen, auch zu meiner Zeit.

SPORT1: Welche Namen sollten man sich zukünftig merken?

Flick: Serge Gnabry ist mit Sicherheit einer, der zum Kreis der Nationalmannschaft zählt, aber aktuell noch nicht bei 100 Prozent ist. Kai Havertz hat eine sensationelle erste Saison mit Leverkusen gespielt. Er hat einen Riesensprung gemacht. Wir haben auch noch Arne Maier von Hertha BSC. Er ist auch einer, der da reinwachsen kann, aber er muss seine Leistung erstmal im Verein bestätigen. Ich glaube auch, dass Kevin Volland wieder dazukommt, wenn er im Verein Tore schießt. Er ist einer, der einen enorm guten Abschluss hat. Wir haben schon noch interessante Spieler.

SPORT1: Abschließend die Frage: Wie sehen Ihre Planungen aus?

Flick: Es gibt aktuell nichts Konkretes. Ich nutze die Zeit, fahre mit meinem Mountainbike durch die traumhaft schönen Wälder rund um Heidelberg. Halte mich fit. Außerdem ist es mir wichtig, mich mit Kollegen über die Entwicklung im Fußball auszutauschen. Dafür nutze ich mein internationales Netzwerk. 

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