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Die Hall of Fame des deutschen Fußballs ist um fünf Mitglieder größer
Die Hall of Fame des deutschen Fußballs ist um fünf Mitglieder größer © DFM
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München - SPORT1-Chefredakteur Dirc Seemann war Mitglied der Jury, die die neuen Mitglieder der Hall of Fame des DFB gewählt hat. Er erklärt, wie so eine Wahl zustande kommt.

Jurymitglied zu sein – herrlich. Kaffee trinken und ein feines Buffet im Deutschen Fußballmuseum, dazu ein paar Anekdoten austauschen mit den Jurykollegen aus ganz Deutschland. Auch schön – aber so ist es nicht!

Die Hall of Fame des deutschen Fußballs hat spätestens seit ihrer glanzvollen Eröffnungsveranstaltung im April und seiner tollen, modernen und intelligenten Inszenierung im Museum einen relevanten Platz in der Fußballwelt. Die Anziehungskraft in alle Richtungen ist enorm.

Alle lebenden Gründungsmitglieder, bis auf den erkrankten Gerd Müller, waren bei der Aufnahme der Gründungself vor Ort. Alle Museumsbesucher schauen mit viel Respekt auf die Größten ihres Lieblingssports. Und – sie diskutieren auch. Sowohl die Fußballlegenden als auch die Zuschauer. Wen nominieren die da, die 28er-Gruppe der Journalisten führender Fußballmedien? Warum Netzer und nicht Overath – der Kulturkampf der Siebziger, war die Diskussion der ersten Elf. Und jetzt?

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Wolfgang Overath, der Europa- und Weltmeister, die Ikone des 1. FC Köln wurde jetzt einstimmig aufgenommen. Aber warum er für den Bereich Mittelfeld und nicht etwa Bastian Schweinsteiger gleich nach seinem Rücktritt? Geht nicht. Fünf Jahre müssen mindestens zwischen Karriereende (egal ob als Spieler oder Trainer) und der möglichen Aufnahme liegen. Trotzdem, so mancher hätte vielleicht auch Bernd Schuster, Hans Schäfer oder Andreas Möller gesehen.

Diskussionen in seiner ganzen Bandbreite -  genau wie es sein muss

Die Diskussionen, um diese Wertschätzungen sind so alt wie der Fußball selbst. Und bis auf den einstimmigen Overath wurden sie auch beim Aufnahmeprozess für 2020 mit allen Facetten geführt. Von der Stammtischparole bis zu statistischen und wissenschaftlichen Auswertungen – alles dabei. Fußballdiskussion in seiner ganzen Bandbreite. Genau wie es sein muss. Sind die Ergebnisse nun richtig? Wohl so richtig, wie die Wahrheit im Fußball auch schnell drei Meinungen hat.

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Je ein Trainer und ein Spieler pro Mannschaftsteil wurden aufgenommen. Also nicht drei Stürmer und kein Torwart – was allerdings sicher in der Zukunft ein Vorgehen sein kann. Auch Frauen können ihre Gründungself verstärken. Für 2020 war trotz intensiver Diskussion zunächst mal keine dabei.

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Gehen wir es durch: Oliver Kahn und Helmut Schön - Haken dran. Trotz Konkurrenz wie Toni Schuhmacher oder Bodo Illgner, der Titan macht zurecht das Rennen. Ebenso der Mann mit der Mütze als prägende Trainerfigur der so erfolgreichen und legendären 60er und 70er. Ihm können in diesem Jahr die Rehhagels, Latteks und Weisweilers noch nicht das Wasser reichen.

Olympiasieg ohne "Dixie" Dörner nicht möglich

Bleiben Abwehr und Sturm! Leider werden sich viele die Frage stellen - wer in Gottes Namen ist Hans-Jürgen Dörner? Dann haben sie sich eben nicht für die gesamtdeutsche Fußballhistorie interessiert. Als junger Reporter beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) durfte ich bei Benefizspielen mit Dixie Dörner spielen.

Die Fans waren begeistert ihn zu sehen. Der torgefährliche beckenbaueresque Libero und sein sympathischer Auftritt haben ihn zu DDR-Zeiten zu dem unbestrittenen Besten des Ostfussballs gemacht, vom dem beinahe jeder Ex-Spieler Ost wie West sagt, dass er auch im fraglos höherklassigen Bundesligafußball eine herausragende Rolle gespielt hätte.

Die Fans von Dynamo Dresden waren froh, dass er immer einer der ihren war und der einzige Olympiasieg für den deutschen Fußball 1976 wäre sicherlich ohne ihn auch nicht möglich gewesen. Was sagen Berti Vogts und Jürgen Kohler dazu? Hoffentlich ziehen sie den Hut und bei so mancher Diskussion werden sie oder andere die Nase vorn haben. Keine Sorge – es ist noch viel Platz in der Hall of Fame.

Diskussionsstoff auch bei Jürgen Klinsmann. Hier kommen Rummenigge oder Völler ins Spiel, sicher auch der große Klaus Fischer und sein im Museum ohnehin schon verewigter Fallrückzieher. Wichtig auch, Fußball sind nicht nur Trophäen und Meisterschaften – Fußball ist mythisch und legendenreich.

Bert Trautmann und seine unglaubliche, zuletzt verfilmte, Lebensgeschichte, "Fußballgott" Toni Turek oder die historische Einordnung von Gottfried Fuchs. Der deutsche Fußball hat so verdammt viele Anwärter für eine Hall of Fame. Und eines Tages wird allen respektvoll genüge getan bei diesem behutsamen Aufbau einer Institution, die bald selbst einen Platz in der Geschichte des deutschen Fußballs haben wird.         

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