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Der DFB will sich künftig auch an Jürgen Klopp und dem FC Liverpool orientieren
Der DFB will sich künftig auch an Jürgen Klopp und dem FC Liverpool orientieren © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/Imago/iStock
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Nach der missglückten WM 2018 will Deutschland zurück an die Weltspitze. Wie der Leiter der DFB-Akademie nun verrät, wird dabei ganz genau nach Liverpool geblickt.

Im vergangenen Jahr hat Oliver Bierhoff, Direktor Nationalmannschaften und Akademie das Ziel ausgegeben, pünktlich zur Heim-EM 2024 "an die Weltspitze" zurückzukehren.

Ein wichtiges Puzzleteil bei diesem ambitionierten Ziel ist die DFB-Akademie, unter der Leitung von Tobias Haupt.

Der 36-Jährige scheut sich daher nicht vor mutigen und außergewöhnlichen Schritten und macht keinen Hehl daraus, dass man beim DFB offen ist für die Übernahme und Weiterentwicklung von Strategien und Innovation, die andernorts zu Erfolg führen.

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Infolgedessen hat man DFB-intern in den vergangenen Wochen intensiv das Erfolgsmodell des FC Liverpool erforschen lassen. Die Folgen für die deutsche Nationalmannschaft könnten revolutionär werden. Nicht zuletzt wegen Jürgen Klopp.

SPORT1: Herr Haupt, die Corona-Pause soll man im Kreise der DFB-Akademie zuletzt genutzt haben, um sich mit dem FC Liverpool auseinanderzusetzen.

Tobias Haupt: Das stimmt. Wir haben uns in den vergangenen Wochen sehr intensiv mit dem FC Liverpool beschäftigt. Wir haben analysiert und fundiert ausgewertet, warum dieses Team auf so einem Weltklasse-Niveau gefühlt immer mit der gleichen Mannschaft spielt und derart erfolgreich ist. Es gibt viele interessante Erkenntnisse. Zum einen hat sich bestätigt, dass Liverpool nahezu die komplette Saison mit einem Kernteam von neun Spielern bestreitet und drei bis vier Spielern, die auf den noch zu vergebenen zwei Plätzen rotieren. Sowohl in der Premier League als auch in der Champions League. Pep Guardiola bei Manchester City fährt eine andere Strategie. Er setzt auf ein Kernteam von ungefähr fünf Spielern und lässt die restlichen Plätze mit zehn bis 15 Spielern durchrotieren. Aber noch etwas ist sehr spannend.

SPORT1: Nur zu.

Haupt: Wenn man sich bei beiden Teams die elf Spieler mit den meisten Einsatzminuten anschaut, sind von Platz 1 bis 7 ausschließlich Akteure des FC Liverpool dabei. Auf Platz 8 kommt der erste Spieler von Manchester City. Bei Klopp spielt jeder Stammspieler fast immer 90 Minuten durch. Das bedeutet, dass etwa individuelle Belastungssteuerung durch Regeneration und Training auf einem absoluten Top-Level sein müssen. In den nationalen Pokal-Wettbewerben spielt er hingegen mit einer komplett anderen Mannschaft, um junge Spieler zu testen und an die Profimannschaft heranzuführen. Im Aufbau einer Mannschaft denkt Jürgen Klopp sehr strategisch. Das ist beeindruckend.

Tobias Haupt (2.v.l.) ist Leiter der DFB-Akademie
Tobias Haupt (2.v.l.) ist Leiter der DFB-Akademie © Imago

SPORT1: Ist es denkbar, dass Bundestrainer Joachim Löw das Klopp-Modell mit neun Stammspielern übernimmt?

Haupt: Die wichtigste Erkenntnis ist, dass Klopp gerade beweist, dass man in den beiden wichtigsten Wettbewerben mit kaum Rotation und einer eingespielten Mannschaft, in der neun Spieler nahezu alle Spiele über die volle Distanz bestreiten, international erfolgreich sein kann. Auffällig ist außerdem, dass Klopp von Beginn an klare Rollen und Aufgaben an seine Spieler verteilt, sodass sich jeder Spieler seines Werts fürs große Ganze bewusst ist. Das war auch 2014 eines der Erfolgsgeheimnisse für den WM-Titel. Denken wir nur an Miro Klose, Per Mertesacker oder Lukas Podolski. Jeder hatte seinen Platz und wusste um seinen Mehrwert für die Mannschaft. Das wird auch für die Zukunft ein entscheidendes Erfolgskriterium sein, diese Rollen klar zu definieren, Verantwortung zu verteilen und die berühmte Achse aufzubauen, die sich in den vergangenen Monaten durch Manuel Neuer und die neue Generation schon ein Stück weit herausgebildet hat.

SPORT1: Die Gefahr bestünde aber, dass Unzufriedenheit herrscht, wenn die nächsten Monate oder gar Jahre neun Plätze immer fix vergeben sind.

Haupt: Das Interessante ist, dass Liverpool momentan das Gegenteil beweist. Man vernimmt kaum Unzufriedenheit von Ersatzspielern. Das hängt auch ganz entscheidend mit der Arbeit von Klopp zusammen, denn er nimmt alle Spieler in die Verantwortung und vergibt klare Aufgaben. Nicht nur für die 90 Minuten auf dem Platz, sondern auch daneben. Für uns geht es darum, Muster zu erkennen, Analysen einzubringen und Empfehlungen abzugeben. Die Analyse des FC Liverpool entstand aus der gemeinsamen Diskussion mit dem Trainerteam, in der die Frage aufkam, wie diese Mannschaft ohne große Rotation so erfolgreich sein kann und dabei kaum Verletzte hat.

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SPORT1: Ist Liverpool aktuell die Benchmark für die deutsche Nationalmannschaft?

Haupt: Auf Klub-Ebene ist Liverpool derzeit sicher das interessanteste Beispiel. Wir schauen aber auch auf die Nationalmannschaft der Franzosen oder der Engländer. Wir versuchen, uns von den Besten aus jedem Bereich etwas herauszuziehen, um es wiederum bei unseren Mannschaften umsetzen zu können.

SPORT1: Was genau übernimmt der DFB von Liverpool?

Haupt: Wir haben gemeinsam mit unserer sportlichen Leitung, unseren Trainern und Experten Performance-Bereiche aufgebaut. Ob das Ernährung ist, Psychologie, neurozentriertes Training bis hin zur Datenanalyse und positionsspezifischem Training, wir wollen jeden Bereich mit den besten Experten besetzen und diese bestmöglich vernetzen. Hier ist sicherlich das Modell Liverpool Vorbild, weil es dort gelingt, alle Performance-Bereiche auf einem absoluten Top-Niveau weiterzuentwickeln und alle Bereiche ihren Teil für den Erfolg der gesamten Mannschaft beitragen. Wenn wir in vielen verschiedenen Bereichen ein, zwei Prozent besser werden, können das die entscheidenden paar Prozent sein, die über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Das Modell in Liverpool hat aber auch Auswirkungen auf unsere Trainerausbildung.

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SPORT1: Sie spielen auf Jürgen Klopp an.

Haupt: Ja. Jürgen Klopp schafft es, dass seine Spieler ihm überall hin folgen würden. Auch die Reservisten haben eine klare Verantwortung innerhalb des Teams. Klopp ist zudem ein totaler Meister der Belastungssteuerung. Er schafft es immer wieder, alle relevanten Bereiche um eine Mannschaft herum so gut zu vernetzen, dass sie optimal ineinandergreifen. Als moderner Leader gewinnt er für jeden Bereich die besten Leute und bezieht sie aktiv ein, gibt Verantwortung weiter, schafft somit Vertrauen und Teamgeist in seinem Stab. Das beherrscht er in Perfektion. Deshalb ist Klopp der Prototyp eines modernen Leaders.

SPORT1: Und Vorbild für die Fußball-Lehrer-Ausbildung beim DFB?

Haupt: Klopp verkörpert sehr viel von dem, was ein Trainer heutzutage mitbringen muss, um im internationalen Profifußball nachhaltig erfolgreich zu sein. Das Fachliche ist das eine, aber die Persönlichkeit und die weichen Faktoren im Umgang mit Menschen, das sind Themen, die wir in der Ausbildung stärker in den Fokus gerückt haben. Oliver Bierhoff hat den Leitspruch ausgegeben: Zurück an die Weltspitze. Nimmt man diesen als Maßstab, dann ist die DFB-Akademie genau der Ort, an dem die Weltspitze entwickelt wird. Miro Klose wird bekanntermaßen beim kommenden Fußball-Lehrer-Lehrgang dabei sein. Unsere Zielsetzung ist ganz klar, Miro bestmöglich auszubilden und auf seine erste Trainerstation im Profifußball vorzubereiten. Die Ausbildung ist aber nur der eine Teil, der andere ist, dass wir uns fortan auch danach stärker um die Trainer kümmern und sie individuell weiterentwickeln wollen – als Persönlichkeit und Mensch. Es geht also darum, nicht nur eine Entwicklung anzustoßen, sondern diese auch zu begleiten. Auch Jürgen Klopp war zum Abschluss seiner Fußball-Lehrer-Ausbildung nicht der Welttrainer, der er heute ist. Er hat sich über viele Jahre dahin entwickelt.

SPORT1: Wenn Klopp der Prototyp des modernen Leaders sein soll, wie will man es schaffen, 24 Trainern in Hennef die Klopp-DNA einzupflanzen? Jeder Charakter ist bekanntlich anders.

Haupt: Und genau diese unterschiedlichen Menschen und Charaktere wollen wir individuell entwickeln. Es geht nicht um die Ausbildung einer Klopp-DNA, sondern um Persönlichkeitsentwicklung. Seit der Reform der Trainerausbildung steht nicht mehr allein der fachliche Inhalt im Mittelpunkt, sondern vor allem der Mensch und Trainer. Man muss ihn mit fachlichem, fußballspezifischem und taktischem Wissen ausstatten. Ihm aber auch Führungskompetenz, interkulturelle Kompetenz, Psychologie oder Rhetorik an die Hand geben. Wie spricht er mit Spielern, wie schafft er es, an die 200 Mannschaftssitzungen pro Jahr zu leiten, sich selbst zu motivieren, aus sich selbst heraus zu regenerieren und mit Druck umzugehen? Wer es zu unserer Fußball-Lehrer-Ausbildung schafft, ist schon durch einen harten Auswahlprozess gegangen. Es ist schließlich die höchste Lizenzstufe im deutschen Trainerwesen. Sie wollen wir individuell entwickeln und begleiten.

SPORT1: Ganz konkret gefragt, wie?

Haupt: Es gibt Module zur Persönlichkeitsentwicklung, zu Stressmanagement, Verhandlungstechniken und rhetorischer Kompetenz. In jedem dieser Bereiche versuchen wir, Topexperten aus Deutschland einzubeziehen, die mit den Teilnehmern auch individuell arbeiten. Trainerentwickler wie Manuel Baum, der gleichzeitig unsere U 20-Nationalmannschaft betreut, coachen die Teilnehmer live bei der Umsetzung des erlernten Wissens bei ihren Mannschaften. Wir haben mit Roger Schmidt, Ralf Rangnick und Hansi Flick regelmäßig Top-Trainer zu Gast, die ihr Wissen an die jüngere Generation weitergeben. Dieses Erfahrungswissen ist für die Fußball-Lehrer der Zukunft von unschätzbarem Wert.

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