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Oliver Bierhoff zählt zu den einflussreichsten Persönlichkeiten in Fußball-Deutschland. Bei SPORT1 bezieht der DFB-Direktor Stellung zu brennenden Zukunftsfragen.

Oliver Bierhoff schaute weit vor dem Anpfiff gegen die Ukrainer gedankenversunken über das satte Grün der Red Bull Arena in Leipzig.

Eine Kamera fing diese Situation ein. Der 52-jährige schien nicht bemerkt zu haben, dass er in diesem stillen Moment beobachtet wird. Jedenfalls wirkte der Nationalmannschafts-Direktor sehr nachdenklich, konnte nach dem 3:1-Erfolg aber zufrieden sein, denn die deutsche Nationalmannschaft steuert mit dem möglichen Gruppensieg in der Nations League seit langer Zeit mal wieder einem Erfolgserlebnis entgegen.  

Dennoch: Neben der sportlichen Entwicklung liegen allerlei DFB-Themen auf dem Tisch. Im Interview mit SPORT1 nimmt Bierhoff Stellung zu vielen Zukunftsfragen und wünscht sich zeitnah vor allem ein klärendes Gespräch mit den aus seiner Sicht "verstimmten" Weltmeistern von 1990. 

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SPORT1: Herr Bierhoff, die deutsche EM-Gruppe hat es in sich: Frankreich, Portugal und Ungarn. Ist das DFB-Team Favorit oder Außenseiter? 

Oliver Bierhoff: Weder noch. Wir nehmen unsere Gruppe so an und wollen ein erfolgreiches Turnier spielen. Mit unserer Mannschaft ist alles möglich. Aber  Frankreich ist als Weltmeister und der individuellen Klasse schon ein besonderes Kaliber zum Auftakt, sie sind automatisch Top-Favorit.   

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SPORT1: Braucht Deutschland vielleicht genau diese starke Gruppe, um ein Russland 2.0 zu verhindern? 

Bierhoff: In unserer WM-Gruppe in Russland hatte man das Gefühl, dass man diese einfach so überstehen kann. Bei der EM 2021 müssen wir von der ersten Sekunde an da sein. Bei einer Niederlage im ersten Spiel gegen Frankreich bist du bereits im zweiten Spiel voll unter Druck. Aber ich bin zuversichtlich, dass wir das meistern werden.  

SPORT1: Vor der WM in Russland erklärten Sie, dass man das Turnier von hinten plane. Man also vom Finale ausgehe. Wie laufen die Planungen diesmal? 

Bierhoff: Es ist meine Aufgabe, weit nach vorne zu schauen. Das muss ich auch diesmal. Für die Spieler jedoch gilt, von Spiel zu Spiel zu schauen und keine Berechnungen anzustellen.  Es ist wichtiger, dass wir Schritt für Schritt gehen. Das tut dieser Mannschaft gut. 

SPORT1: Stünden bei der EM die elf besten deutschen Spieler auf dem Feld: Wäre diese Mannschaft ein Titelkandidat? 

Bierhoff: Warum nicht? Wir haben das Zeug dazu, wie viele andere Mannschaften aber auch. Wenn alle Spieler gesund sind, werden wir mit einem guten Kader in das Turnier  gehen. Mit Spielern, die unglaublich hohe Qualität haben, die sie auch in ihren Vereinen zeigen. Man muss aber bedenken, dass die Erfahrung unserer Spieler trotzdem geringer ist als in anderen Mannschaften. Ich nenne immer das Beispiel Serge Gnabry. Er ist in hervorragender Form und ein toller Spieler. Er reist aber vielleicht erst mit 20 Länderspielen zum Turnier an. Bei Rudi Völler und Jürgen Klinsmann 1990 oder Miroslav Klose 2014 war der Fall anders. Aber diese Frische kann auch helfen. Griechenland, Dänemark oder  Portugal wurden als Underdogs Europameister. Es gibt immer Überraschungsmannschaften bei der EM. Daher ist alles möglich. Diesen Glauben müssen wir haben. 

SPORT1: Hinsichtlich einer besseren DFB-Stimmung im Land: Wie wichtig wäre der Gruppensieg in der Nations League? 

Bierhoff: Er ist nicht notwendig, denn dass wir einige Hindernisse würden überwinden müssen, war uns von vorn herein klar.  Aber ich habe schon nach dem 1:0 gegen Tschechien gesagt: Siege lassen sich nicht ersetzen. Es geht nichts über Siege. Sie geben Selbstvertrauen und bringen  den Glauben und das Vertrauen der Fans in unsere Mannschaft zurück. Der Gruppensieg wäre eine schöne Belohnung und würde uns Rückenwind für die EM 2021 geben. 

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SPORT1: Zuletzt äußerten sich Ex-Nationalspieler wie Lothar Matthäus und Olaf Thon sehr kritisch gegenüber dem DFB. Nun legte Andi Brehme nach. Wie empfinden Sie diese Kritik? 

Bierhoff: Andi hat auch viel Positives gesagt, gerade auch über Jogis Arbeit. Kritik gehört dazu, wir respektieren das und stellen uns. Teilweise sind sie Experten und in dieser Funktion müssen sie eine Meinung haben. Wir wissen alle, dass kritische Meinungen heutzutage mehr Gehör finden. Ich würde aber unterscheiden zwischen sachlicher, sowie sportlicher Kritik, die man annimmt, und populistischer Kritik, nur um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Ich glaube, dass vor allem bei den Weltmeistern von 1990 eine Verstimmung da ist, weil ihre Jubiläumsfeier nicht von Seiten des DFB stattgefunden hat. Aber das beeinträchtigt unsere Arbeit nicht.  

SPORT1: Wäre es nicht eine Idee, dass sich die aktuelle DFB-Führung mit den 90er-Weltmeistern für ein klärendes Gespräch an einen Tisch setzt? 

Bierhoff: Ich würde mich freuen, wenn die Unstimmigkeiten ausgeräumt werden und wir uns alle als eine große Fußballfamilie betrachten. Wir alle haben diesen Spielern viel zu verdanken, aber man muss auch einfach sehen, dass der DFB als gemeinnütziger Verband viele Restriktionen und Auflagen hat. Wichtiger ist mir vor allem die Kritik und die Meinung der Fachleute, die in der täglichen Verantwortung stehen und unsere Arbeit einschätzen können. Wie Karl-Heinz Rummenigge, Max Eberl oder Fredi Bobic. Von ihnen haben wir zuletzt viel Unterstützung erfahren.  

SPORT1: Wird das Abschneiden bei der EM Einfluss auf die Zukunft von Joachim Löw haben? 

Bierhoff: Bei einer Nationalmannschaft ist jedes Turnier eine Art Zäsur, egal wie lange die Verträge laufen. Und das hängt natürlich stark von den Ergebnissen ab. Das geht übrigens in beide Richtungen. Wer Jogi kennt, der weiß, dass er sich auch nach erfolgreichen Turnieren immer wieder hinterfragt, ob er noch Kraft und Inspiration hat für diese Aufgabe. Ich sehe das entspannt. Unabhängig davon, wie die kommende EM verläuft, wird man sich danach ein paar Tage Zeit nehmen, miteinander reden und erörtern, wie der weitere Weg aussieht.  

Oliver Bierhoff (l.) und Joachim Löw gehören zu den wichtigsten Persönlichkeiten in Fußball-Deutschland
Oliver Bierhoff (l.) und Joachim Löw gehören zu den wichtigsten Persönlichkeiten in Fußball-Deutschland © Imago

SPORT1: Gehen Sie davon aus, dass Joachim Löw seinen Vertrag bis 2022 erfüllen wird? 

Bierhoff: Ja, davon gehe ich aus. Ich bin auch der Überzeugung, dass er der beste Bundestrainer ist, den wir haben können. Er hat sein Können in all den Jahren gezeigt und wir wissen, was wir an ihm haben. Jetzt hat er mit einer jungen Mannschaft und trotz der grauen Stimmung positive Ergebnisse für den Neuaufbau erzielt. Ich bin weiterhin davon überzeugt, dass er der richtige Mann ist. 

SPORT1: Dennoch: In den vergangenen Wochen wurde bereits Hansi Flick als möglicher Nachfolger genannt, sollte Joachim Löw den DFB irgendwann verlassen. Wie bewerten Sie Flicks erfolgreiche Arbeit beim FC Bayern? 

Bierhoff: Ich freue mich unglaublich und bin wirklich stolz. Ich habe Hansi  ja damals für die Nationalmannschaft verpflichtet. In all den Jahren war er ein ganz wichtiger Faktor für den Erfolg dieser Mannschaft. Was er jetzt in kurzer Zeit in München aufgebaut hat, ist wirklich beeindruckend. Die Kontinuität, die er mit seiner Mannschaft an den Tag legt, ist wirklich schön. Von der Abstellung seiner Spieler profitieren wir bei der Nationalmannschaft.  

SPORT1: Trauen Sie Hansi Flick zu, eines Tages Bundestrainer zu sein? 

Bierhoff: Ob ich ihm das zutraue? Absolut. Ob es aktuell ein Thema ist? Nein. Hansi kennt den DFB in- und auswendig. Er hat seine Qualität und hat immer gesagt, wie er den Verband schätzt. Aber sowohl für uns, als auch für ihn, ist das aktuell kein Thema.   

Oliver Bierhoff, Andreas Köpke, Joachim Löw und Hansi Flick (v.l.) bejubeln den WM-Titel 2014
Oliver Bierhoff, Andreas Köpke, Joachim Löw und Hansi Flick (v.l.) bejubeln den WM-Titel 2014 © Imago

SPORT1: Wollen Sie ihren Vertrag bis 2024 erfüllen? 

Bierhoff: Für mich gilt erst einmal das Hier und Jetzt. Ich möchte die Nationalmannschaft wieder in die Position bringen, die wir uns im letzten Jahrzehnt erarbeitet haben. Gleichzeitig verfolgen wir unglaublich spannende Projekte, die ich selbst mit angestoßen habe. Wir ziehen bald in das neue Gebäude ein und haben das wichtige "Projekt Zukunft", mit dem wir die richtigen Pfeiler und Maßnahmen im deutschen Fußball setzen müssen, damit wir die nächsten zehn, 15 Jahre erfolgreich gestalten können. Das sind wichtige Aufgaben, auf die ich mich fokussiere, und die mich schon mehr als genug beschäftigen. 

SPORT1: Abschließend gefragt: Was ist Ihre Meinung zum G15-Vorstoß und können Sie die Kritik nachempfinden, die derzeit vor allem auf Karl-Heinz Rummenigge einprasselt? 

Bierhoff: Wenn man die Hintergründe nicht im Detail kennt, ist es schwierig, diese Thematik von außen zu bewerten. Ich möchte mich daher in diese Diskussion nicht einbringen. Am Ende wird es wichtig sein, und das gilt für die DFL und den DFB, dass wir eine gemeinsame Linie finden. Dass auch bei aller wirtschaftlichen Bedeutung den Menschen vermittelt wird, dass der Fußball im Mittelpunkt steht und nicht das Geld. 

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