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München - Die Verantwortlichen der Nationalmannschaft posten ein "Making of Human Rights" - und rauben der symbolischen Trikot-Aktion damit ihre Kraft. Ein Kommentar.

Es gibt sicher viele gute Ratgeber, wie man als modernes Unternehmen einen unnötigen Shitstorm vermeiden kann. Manchmal hilft aber auch einfach ein Blick in ein ganz altes Schriftstück.

"Habt aber acht, dass ihr eure Gerechtigkeit nicht übt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden", empfiehlt die Bibel (Matthäus 6, Vers 1): "Wenn du nun Almosen gibst, sollst du es nicht vor dir ausposaunen, wie es die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden."

Dieser Rat aus der Bergpredigt Jesu - etwas zu verkürzt auch bekannt als "Tue Gutes und sprich nicht darüber" - bestimmt auch im Jahr 2021 das Moralempfinden vieler Menschen. Weswegen man sich wundern muss, in welches Fettnäpfchen die Verantwortlichen der Nationalmannschaft nun wieder getreten sind.

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"Making of ... #HUMANRIGHTS": Eine verunglückte Aktion

Nach der vielbeachteten Geste, mit der das DFB-Team "Human Rights" vom WM-Gastgeber Katar eingefordert hat, hat "Die Mannschaft" mit einem Social-Media-Video nachgelegt, das Manuel Neuer, Leon Goretzka, Joshua Kimmich, Serge Gnabry und ihre Kollegen bei der Vorbereitung der Trikotaktion zeigt. (Service: Ergebnisse und Spielplan der WM-Qualifikation)

Das darüber geschriebene "Making of … #HUMANRIGHTS" ist so unglücklich wie die ganze Aktion - und das Echo ist vor allem im Meinungsbilder-Medium Twitter vernichtend.

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Manch eine Erwartung, die von den kommentierenden Kritikern geäußert wird, ist unfair: Natürlich war diese Aktion keine spontane Eingebung, die von nichts anderem geleitet ist als vom puren und unverfälschten Sinn für Gerechtigkeit. Die Aktion war vorbereitet und sie ist natürlich auch Eigen-PR - und das darf sie auch sein.

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Tue Gutes und sprich nicht darüber: So streng ist wohl auch das Bibelwort nicht gemeint. Der springende Punkt ist: Tue Gutes nicht nur oder vor allem darum, damit du hinterher darüber reden kannst und dafür gefeiert wirst.

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Es fehlt das Gespür für die Grenzen der Durchvermarktung

Genau dieses Gefühl vermitteln die Verantwortlichen der Nationalmannschaft mit der übertriebenen Selbstinszenierung. Sie konterkarieren damit ohne Not die glaubwürdigen Beteuerungen, dass die Aktion für die Spieler eine Herzenssache war. Und befeuern zum x-ten Mal den speziell an Nationalmannschaftsdirektor Oliver Bierhoff gerichteten Vorwurf, dass ihm die Durchvermarktung seines Produkts über alles geht - und er kein Gespür dafür hat, wo es besser wäre, Dinge für sich sprechen zu lassen.

In Bezug auf die "Human-Rights"-Aktion ist das besonders schade: Es gibt immer wieder Kritik an solchen symbolischen Gesten, dass sie billig und nutzlos seien.

Ich sehe das überhaupt nicht so. Symbolische Gesten ersetzen keine Taten, aber sie sind ein Wert an sich, sie können Diskussionen anstoßen, Druck aufbauen, Taten folgen zu lassen. Sie können eine Kraft entfalten, die nicht zu unterschätzen ist.

Dieses Video hat die symbolische Geste ihrer Kraft beraubt.

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