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Die ewige Stadt Rom, der Bosporus in Istanbul - was sich wie eine bunte Erlebnisreise liest, wird für die Gladbacher Fans zum Horrortrip. Ein Erlebnisbericht.

Gladbach in Rom. Das gab es 2013 schon einmal.

Damals war die Fohlenelf zu Gast im Sechzehntelfinale bei Lazio - ein Trip, der für alle, die dabei waren, bis heute unvergesslich bleibt. Zu Tausenden versammelte man sich an der spanischen Treppe und genoss gemeinsam das "Erlebnis Europa", das den Fohlen-Fans so viele Jahre verwehrt geblieben war.

Sechseinhalb Jahre später sind die Voraussetzungen anders. Das Sitzen auf der spanischen Treppe wird im schlechtesten Fall mit einer Strafe von bis zu 400 Euro geahndet und mir als Reporter wird das "offizielle" Drehen rund um das Monument untersagt - Ausweiskontrolle und Platzverweis inklusive.

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Beim stattdessen als offiziellen Treffpunkt ausgerufenen Piazzale della Canestre - einem großen Park in Rom - wimmelt es nur so von Polizisten. Bereits vor der Abfahrt der Shuttlebusse werden Kontrollen durchgeführt, ansonsten ist keine Mitfahrt Richtung Stadio Olimpico möglich. Ich dokumentiere das Ganze mit dem Handy. Doch erneut gilt: Filmen unmöglich! "Warum?" "Na, weil es verboten ist …"

© SPORT1 / Torben Nilles

Die Anfahrt per Shuttlebus durchkreuzte natürlich jegliche Pläne eines möglichen Fanmarschs. Auch, weil sich ein großer Teil der Fanszene entschloss, auf eigene Faust gen Stadion zu reisen, um einer fremdorganisierten Anreise aus dem Weg zu gehen.

Eberl dankt mitgereisten Gladbach-Fans - Polizei überfordert

Das Wetter hatte ab dem späten Nachmittag dann plötzlich so gar nichts mehr mit Bella Italia und La Dolce Vita zu tun. Strömender Regen rund um das Stadion, in dem Andreas Brehme Deutschland 1990 zum Titel schoss. Insgesamt drei Kontrollen waren zu durchlaufen. Abtasten und Karte zeigen, Karte zeigen und Abtasten und dann final Abtasten und Abtasten - nur konsequent. Auch wenn die Vorgehensweise von Polizei und Ordnungspersonal in Teilen bereits bewusst langsam und provozierend wirkte.

Nach Abpfiff dann das übliche Prozedere im Auswärtsblock. 30 Minuten Verweilen ist Pflicht - mindestens. Gut eine halbe Stunde nach Spielende kommt sogar Sportdirektor Max Eberl nochmal zur Gladbacher Kurve und dankt für den lautstarken Support - die Stimmung ist gelöst, entspannt, kein Grund zur Panik.

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Das sieht nicht jeder so. Der doch recht massive Einsatz von Pyro-Technik vor dem Anpfiff ist offenbar Anlass genug für die Polizei, nun 200 Fans blockweise aus dem Stadion Richtung Shuttlebusse zu geleiten - das macht bei 7000 Menschen 35 Blockabfertigungen. Doch "aus dem Stadion" heißt nicht gleichzeitig "direkt in den Bus". Die Verantwortlichen sind mit der Situation komplett überfordert.

Etliche Borussen stehen nun im wahrsten Sinne des Wortes im Regen. Komplett durchnässt warten sie darauf, zu den Bussen zu gelangen.

Verletzte durch Schlagstockeinsatz

Ich habe "Glück" und bin im ersten Drittel der Blockabfertigung und so bereits stolze eineinhalb Stunden nach Spielende im Shuttlebus (die Abfahrt verzögerte sich ebenfalls extrem) - natürlich völlig durchnässt. Ärgerlich, aber kein Weltuntergang. So ist Fußball manchmal - Strapazen gehören, ob als Fan oder Reporter, mitunter dazu …

Doch auf der Rückfahrt in Richtung Hauptbahnhof bemerke ich wachsende Unruhe bei den Fans. Über die Facebook-Seite "Fanhilfe Mönchengladbach" und diverse WhatsApp-Nachrichten von Bekannten erfahre ich von der eskalierenden Polizeigewalt rund um den Auslass. Ein Vorgehen von Polizeiseite, das sich bereits den ganzen Tag über angedeutet hatte. Die Explosion ließ aber bis zum großen Finale auf sich warten.

Die traurige Bilanz: Mehrere Verletzte aufgrund des Schlagstockeinsatzes der Polizei, sowie mehrere Festnahmen. Unter anderem ein klar erkennbarer Borussia-Mitarbeiter, der die Vorfälle mit dem Handy dokumentieren wollte. Auch er wurde in Gewahrsam genommen, weil er sich weigerte, das Smartphone abzugeben.

Verweigerter Einlass - sinnlose Polizeigewalt

Flughafen Rom. Der Tag danach. Streik. Auch mein Flug wurde gecancelt und ich muss über Barcelona ausweichen. Ich lese diverse Facebook-Kommentare unter Artikeln, die den Vorfall der Nacht noch einmal aufarbeiten. Sätze wie "immer die anderen Schuld" oder "scheinbar gab es ja auch in Istanbul Probleme" sind dort zu lesen. Ich kann sie jedoch nicht wirklich nachvollziehen.

Auch in Istanbul war ich als Reporter vor Ort und kann mit Fug und Recht behaupten, dass sich die Gladbacher in beiden Fällen zu 99 Prozent tadellos verhalten haben. Aus meiner Sicht wären hier eher ein unnötig erzeugtes Spannungsfeld der Staatsorgane und eine komplette Fehlorganisation der Städte Istanbul und Rom als Faktoren zu nennen. Selbst der geringe Anteil der Unbelehrbaren - die es natürlich gab - rechtfertigt in keinster Weise ein solches Vorgehen.

© SPORT1 / Torben Nilles

Presse-, Religions- und Meinungsfreiheit. Werte, die in diesen Tagen auch dazu beitragen sollten, ein modernes, aufgeklärtes Europa zu repräsentieren, wurden in den letzten beiden Europapokal-Auswärtsspielen von Borussia Mönchengladbach mit Füßen getreten. Sei es der verweigerte Einlass in Istanbul einiger Fans aufgrund der Mitnahme eines Banners des Stadtwappens, das mit dem Schutzpatron der Stadt Mönchengladbach ein christliches Symbol enthielt, oder aber die sinnlose Polizeigewalt in Rom.

Bereits nach dem Spiel in Istanbul hatte Max Eberl angekündigt, sich bei der UEFA wegen eines unverhältnismäßigen Verhaltens gegenüber den Borussia-Fans zu beschweren. Die Vorkommnisse in Rom haben die Notwendigkeit dieses Vorhabens noch einmal unterstrichen. Die UEFA muss dringend handeln und härter gegen derartige "Gastgeber" vorgehen.

Wenn die einzige Konsequenz dieser Vorfälle eine (berechtigte) monetäre Strafe gegen Borussia aufgrund des Pyro-Einsatzes sein sollte - na dann gute Nacht, lieber Europapokal!

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