Gänsehaut! Kroatiens emotionaler Weg ins WM-Finale
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München - Kroatien ist eine unterschätzte Sportnation. Doch wirklich überraschend kommt der Erfolg bei der WM nicht. Andere Sportarten haben es vorgemacht.

So richtig mag man sich das ja immer noch nicht vorstellen, dass diese Kroaten am Sonntag tatsächlich Weltmeister werden. 

Das Bild, wie der kleine Luka Modric mit seinen schmächtigen Armen und seinem abgekämpften Gesicht den Pokal in die Höhe stemmt, ist fast ein bisschen zu romantisch für die Wirklichkeit. 

Es ist dieses Laster, das die kroatischen Fußballer ihre ganze Karriere lang mit sich herumtragen: Sie werden chronisch unterschätzt bei dem, was sie zu leisten imstande sind. 

Dabei hat dieses kleine Völkchen mit seinen gerade einmal rund vier Millionen Menschen bereits in diversen Sportarten Weltklasse-Athleten hervorgebracht. 

Kroatien glänzt in Basketball, Wasserball und mehr

Handballer, die 2003 Weltmeister und 2004 Olympiasieger wurden.

Basketballer, die 1992 bei Olympia sensationell Silber gewannen. 

Die Geschwister Ivica und Janica Kostelic, die jahrelang über die Ski-Pisten dieser Welt herrschten. 

Tennis-Legende Goran Ivanisevic, der 2001 in Wimbledon triumphierte und 13 Jahre später Marin Cilic zum US-Open-Titel coachte. 

Blanka Vlasic, Europameisterin und Weltmeisterin im Hochsprung. 

Und natürlich die Kraftprotze von Wasserballern, die 2012 Olympia-Gold holten und 2017 den WM-Titel nachlegten. 

Medaillen und Trophäen, wohin das Auge reicht. SPORT1 erklärt das Sport-Phänomen Kroatien. 

- Nationalstolz als Antrieb und Verpflichtung

Kroatien ist durch den Zerfall Jugoslawiens entstanden - nach dem Ende eines grauenvollen Krieges in der Balkan-Region.

Der hat vor allem zweierlei bewirkt: eine tiefe Abneigung der Anrainerstaaten untereinander und einen umso ausgeprägteren Nationalstolz in der Heimat. 

Wer am 25. Juni, dem Unabhängigkeitstag, durch kroatisches Grenzgebiet fährt, wird von Leuchtraketen und Pyrogeschossen eingenebelt. Feierlichkeiten, die zeigen, wie sehr die Kroaten ihre Eigenständigkeit mit Stolz erfüllt.

Kroatien feiert Finaleinzug mit Pyro-Party

Nach dem Finaleinzug der Fußballer trat das Parlament zu einer Sitzung zusammen. Die meisten Abgeordneten trugen ein Trikot ihres Heimatlandes.

Stolz in Kroatien steht aber nicht nur für Identität und Verbundenheit. Er bedeutet auch Druck und Verpflichtung. Scheitert ein verheißungsvoller Sportler, mit dem das Volk mitfiebert, wird er schnell zum nationalen Sündenbock.

Ivanisevic musste das leidvoll erfahren, als er in Wimbledon nacheinander Agassi und Sampras unterlag. Erst als er endlich auf dem Heiligen Rasen gewann, war er Liebling der Massen.

Die Angst vor dem Zorn und der Enttäuschung ihrer Landsleute treibt kroatische Athleten oftmals zusätzlich zu Höchstleistungen an. 

- Sport als Aufstiegschance

Der Mensch strebt naturgemäß nach Wohlstand. Er steht an Fließbändern, entwirft Autos oder entwickelt neue Software. Alles, was er im Alltag tut, dient dem gesellschaftlichen Aufstieg. 

In Kroatien, einem Land ohne Industrie und andere starke Wirtschaftszweige, setzen die Menschen ihre Hoffnungen häufig in den Sport. 

"Sport liegt uns im Blut", schreibt Niko Kovac, neuer Trainer des FC Bayern und selbst Kroate, in seiner Kolumne für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. "Kroa­ten be­strei­ten ger­ne Wett­kämp­fe, ver­glei­chen sich, wol­len der Bes­se­re sein. Das bil­det ei­nen star­ken in­ne­ren An­trieb."

Erfolgreich im Sport zu sein, ist für viele Kroaten eine Art Lebenselixier.

- Bessere Förderung von Kindern und Jugendlichen

In seiner FAZ-Kolumne verweist Kovac auf einen, den vielleicht wichtigsten Baustein des kroatischen Sportsystems: den Schulunterricht. 

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Im Gegensatz zu Deutschland, schreibt er, "wird Schulsport in Kroatien noch groß geschrieben". 

Worauf Kovac abzielt: Breitensportarten werden nicht erst im Verein, sondern bereits in der Schule gelehrt. Dort, wo Pädagogik in Deutschland häufig versagt.

"Es sind nicht die mo­derns­ten An­la­gen, die zur Ver­fü­gung ste­hen", schreibt er, "aber über­all hän­gen Bas­ket­ball­kör­be, auf den Schul­hö­fen sind Fuß­ball-Klein­fel­der mar­kiert oder Hand­ball­fel­der".

In Kroatien werden Kinder noch spielerisch an Sport herangeführt. Begeisterung dafür können sie währenddessen entwickeln.

Wer erst in einen Verein eintreten muss, um Sport treiben zu können, muss Begeisterung mitbringen. Das ist der entscheidende Unterschied. 

- Klare Hierarchien

Kroatiens Fußballer kamen auch deshalb so lange nicht mehr für Titel in Frage, weil ihrem Team die klare Hierarchie fehlte. 

Es waren durchaus namhafte Stars dabei, aber eben kein Anführer. Also wollte jeder, der etwas auf sich gab, die vakante Rolle ausüben. Es war zum Scheitern verurteilt. 

Doch die Kroaten haben von anderen Sportarten gelernt. Die Handballer erlebten ihre erfolgreichste Zeit mit Ivano Balic als Leader. Der Mann wurde in seiner Karriere zweimal als Welthandballer ausgezeichnet.

Und Basketball machte in Kroatien erst Drazen Petrovic so richtig populär. Er wurde nicht umsonst der Mozart des Basketballs genannt.

Luka Modric und Ivan Rakitic mögen für sich genommen als Persönlichkeit zwar nicht so schillernd sein. Dafür sind beide bei ihren Kollegen höchst anerkannt. Sie sind die unumstrittenen Taktgeber des WM-Teams. Coach Zlatko Dalic hat früh dafür gesorgt, dass diese Rollenverteilung von allen akzeptiert wird. 

Torjäger Nikola Kalinic hatte im Auftaktspiel gegen Nigeria seine Einwechslung verweigert - dem Vernehmen nach, weil er beleidigt war, nicht von Anfang an gespielt zu haben. Dalic schickte ihn umgehend nach Hause.

Die klare Botschaft: Kein Spieler, und sei er noch so namhaft, steht über der Mannschaft. Ein Trainer, der einen so rigorosen Kurs fährt, setzt darauf, dass seine Mannschaft noch enger zusammenrückt. 

Es könnte eines dieser vielen Mosaiksteinchen gewesen sein, das dazu beiträgt, dass Kroatien am Sonntag mal wieder Sportgeschichte schreibt. Diesmal im Fußball.

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