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München - Der bislang makellose FC Bayern empfängt im Gipfel den VfL Wolfsburg. FCB-Star Carolin Simon fiebert im SPORT1-Interview dem Kracher entgegen.

Acht Spiele, acht Siege. 26 Tore, null Gegentreffer! Mit dieser sensationellen Bilanz belegt der FC Bayern in der Frauen-Bundesliga derzeit Tabellenplatz eins.

Nach der Vizemeisterschaft in der Vorsaison haben die Münchnerinnen den Titel im Visier. Doch der VfL Wolfsburg ist mit nur zwei Punkten Rückstand auf Platz zwei in Lauerstellung.

Am Sonntag um 14 Uhr nun der vorläufige Showdown: das direkte Duell der beiden besten Topteams. Dann werden Carolin Simon und die Bayern versuchen, ihre weiße Weste zu behalten, mindestens aber die Tabellenführung.

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Im SPORT1-Interview verrät die 27 Jahre alte Abwehrspielerin, wie am FC Bayern Campus der Kaderumbruch so erfolgreich gelingen konnte und worauf es im Topspiel des deutschen Frauenfußballs ankommen wird.

Außerdem wirft Simon einen Blick nach England, wo der Frauenfußball immer populärer wird, und auf die Sichtbarkeit des Frauenfußballs allgemein.

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So erklärt Simon die makellose Bayern-Bilanz

SPORT1: Der FC Bayern belegt Platz eins der Bundesliga, hat alle Spiele gewonnen und dazu kein einziges Gegentor kassiert. Was steckt hinter dieser herausragenden Bilanz?

Carolin Simon: Jedes Spiel zu gewinnen ist erstmal das Wichtigste. Dann auch noch ohne Gegentor – gerade für mich als Abwehrspielerin ist das noch mal eine zusätzliche Motivation, so lange, wie es geht, diese Null zu halten. Jede Einzelne in der Mannschaft hat dafür großen Einsatz erbracht. Wir arbeiten seit Monaten total intensiv miteinander, jede aber auch einzeln für sich. In der Summe wird das belohnt und wir hoffen, dass wir weiterhin für unsere harte Arbeit belohnt werden.

SPORT1: Wie nimmt das Team so eine Serie wahr? Sind Sie euphorisiert, weil es so gut läuft, oder eher angespannt und getrieben, diese Serie fortzusetzen?

Simon: Worauf es am Ende ankommt, sind die Siege. Die treiben uns an, weiter hart zu arbeiten. Die sind die Belohnung für alles, was wir einsetzen. Aber die Saison ist noch lang und es kommen noch superschwere Gegner. Natürlich macht man sich da auch Gedanken, weil man diesen Platz nicht verlieren will. Ich glaube, das ist ganz menschlich und man würde lügen, wenn man sagt: "Nein, da denke ich überhaupt nicht dran". Aber wir schaffen es bisher, den Gedanken mit positiven Gefühlen zu verbinden. Nämlich: Wir sind Nummer eins und da möchten wir bleiben. Solange wir es schaffen, in unseren Köpfen positiv zu bleiben, haben wir große Chancen, dieses Ziel zu erreichen.

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FC Bayern - VfL Wolfsburg: "Es wird super intensiv"

SPORT1: Letzte Saison endeten beide Partien gegen Wolfsburg remis (1:1 und 0:0). Was macht Ihnen Hoffnung, dass Sie am Sonntag gewinnen?

Simon: Wir schauen momentan nur auf uns, damit sind wir bisher gut gefahren. Wir haben großes Selbstvertrauen und ein gutes Gefühl auf dem Platz. Von daher gibt es für uns keinen Grund, Angst zu haben, etwas zu verlieren. Wir gehen positiv in das Spiel.

SPORT1: Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg erwartet ein "absolutes Spitzenspiel". Was für eine Partie erwarten Sie?

Simon: Auf jeden Fall ein echtes Spitzenspiel. Es wird super intensiv, auf Augenhöhe. Gerade auch im physischen Bereich wird uns Wolfsburg extrem fordern, aber es ist schön, gefordert zu werden. Bisher läuft es super, jetzt werden wir sehen, ob es für Wolfsburg reicht.

SPORT1: Die Wolfsburgerinnen sind in einer für sie ungewohnten Jägerrolle. VfL-Trainer Stefan Lerch mahnt sein Team, dabei nicht zu verkrampfen. Kann es ein Vorteil sein, dass Sie mit der Lockerheit dieser gegentorfreien Siegesserie ins Spiel gehen?

Simon: Ich sehe das überhaupt nicht so, dass wir der klare Favorit sind und Wolfsburg diejenigen, die uns jagen. Schlussendlich haben sie nur ein Unentschieden geholt. Es ist alles noch offen. Klar, wenn ich auf die Tabelle schaue, sind wir Erster, aber wenn man mal richtig auf die Spiele schaut, ist es wirklich nicht so, dass wir in der absoluten Favoritenrolle sind. Vielleicht will man uns diese ein bisschen aufdrücken. Das ist eine Gefahr, aber ich habe eigentlich das Gefühl, dass wir schon recht realistisch wissen, wo wir stehen, wo Wolfsburg steht, und dass wir recht klar sind in unseren Gedanken.

Nicht nur Popp und Doorsoun fehlen

SPORT1: Der VfL hat mit Pernille Harder eine wichtige Spielerin verloren, hinzukommt Verletzungspech: die Nationalspielerinnen Alexandra Popp und Sara Doorsoun fehlen. Müssten Sie da nicht sagen: "Jetzt oder nie"?

Simon: Bei uns fehlen auch wichtige Spielerinnen mit Langzeitverletzungen. Ich glaube, dass sowohl Bayern als auch Wolfsburg so einen breiten und starken Kader haben, dass man da nicht unbedingt von geschwächten Teams sprechen muss.

SPORT1: Auf was wird es ankommen?

Simon: Ich glaube tatsächlich, ganz viel wird im Kopf passieren. Wer am besten eingestellt und vom Kopf her am frischesten in das Spiel geht. Es ist entscheidend, wer seine 100 Prozent auf dem Platz abrufen kann – und ich denke, das werden wir sein.

SPORT1: Ihre Serie ist angesichts des Kaderumbruchs, der im Sommer stattfand, noch bemerkenswerter. Wie ist es gelungen, trotz dieser großen Veränderungen in der Mannschaft die Punkte einzufahren?

Simon: Das ist tatsächlich sehr, sehr gut gelungen. Und das ist nicht selbstverständlich. Ich glaube, dass es die bestehende Mannschaft wirklich gut geschafft hat, offen zu sein und die neuen Spielerinnen gut zu integrieren. Außerdem haben es uns die Neuen nicht schwergemacht, sie aufzunehmen, sie zu mögen und zu integrieren. Das hat von Anfang an gut funktioniert. Wir haben außerdem den Staff erweitert, weil wir in den letzten Jahren gemerkt haben, wie viel Prozent damit rausholen sind. Bisher fruchtet das alles und die Harmonie ist auf und neben dem Platz echt top.

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Simon wünscht sich mehr Aufmerksamkeit für Frauenfußball

SPORT1: Im Sommer hat unter anderem Melanie Leupolz den FC Bayern verlassen, sie ist zum FC Chelsea gewechselt. England steht derzeit im Fokus: Dort wird mit viel Leidenschaft und Geld der Frauenfußball gepusht, dort spielen Topstars wie Leupolz, Samantha Kerr, Alex Morgan. Blicken Sie neidvoll auf die Insel?

Simon: Schwierige Frage, um ehrlich zu sein. Ich finde es für den Frauenfußball super, dass auch Länder wie England so einen Schub für den Frauenfußball gebracht haben. Ich wünsche mir generell, dass der Frauenfußball noch mehr Aufmerksamkeit bekommt. Es wäre schön, wenn wir in Deutschland auch mehr Übertragungen mit attraktiven Anstoßzeiten bekommen, mit denen man mehr Menschen erreicht. Ich glaube aber auch, dass sich die Frauen-Bundesliga verändert hat. Vor ein paar Jahren gab es drei, vier, fünf Vereine, die immer mal oben angeklopft haben. Das ist ein bisschen geschrumpft auf ein, zwei Klubs, vielleicht mal ein dritter Verein, der eine gute Serie spielt. Man muss aufpassen, dass das kein negativer Trend wird. Aber trotzdem finde ich nicht, dass wir eine schlechte Liga sind. Wir als Bayern München arbeiten extrem gut und professionell und haben uns deshalb da oben festgesetzt, genauso wie Wolfsburg. Aber gerade auch Vereine wie Eintracht Frankfurt haben einen langfristigen Plan, und das funktioniert gut. Genauso wie bei Hoffenheim, die im vergangenen Jahr eine super Saison gespielt haben.

SPORT1: Haben Sie das Gefühl, dass genug getan wird, auch seitens des DFB, um das Produkt Frauen-Bundesliga zu promoten?

Simon: Da wird schon versucht, was in Gang zu setzen. Man muss ein Stück weit Geduld haben, es braucht Zeit. Dennoch sind die kritischen Stimmen wichtig, weil in vielen Bereichen noch mehr getan werden muss. Es muss sehr, sehr viel und vielleicht auch ein bisschen zu viel investiert werden, um etwas rauszubekommen, weil wir relativ tief gestartet sind. Wenn ich jetzt aber zum Beispiel auf den FC Bayern schaue, dann finde ich schon, dass da auch erkannt wurde: "Okay, wir müssen von Vereinsseite aus was tun."

"Diese kritischen und mutigen Spielerinnen braucht man"

SPORT1: Können denn auch einzelne Spielerin etwas bewirken?

Simon: Bis zu einem gewissen Grad, ja. Das ist natürlich auch typabhängig. Wir haben Gott sei Dank Leute, die vorweggehen und sich auch mal kritisch äußern. Wo man sich vielleicht im ersten Moment auch mal so denkt: "Oh, das hat sie jetzt wirklich gesagt?" Gerade diese kritischen und auch mutigen Spielerinnen braucht man.

SPORT1: Das Topspiel am Sonntag sorgt definitiv für Aufmerksamkeit. Wie geht's aus?

Simon: Ich bin felsenfest davon überzeugt, dass wir gewinnen. Wir alle sind das. Natürlich würden wir auch gerne die weiße Weste behalten. Von daher … Wenn ich jetzt meinen Wunschtipp einfach mal raushauen soll, dann wäre das ein richtig schönes 3:0 für uns (lacht). Wenn es aber ein 3:2 wird, unterschreibe ich das auch sofort. Hauptsache, wir gewinnen.

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