Lesedauer: 4 Minuten
teilenE-MailKommentare

Köln und München - Nach der Europameisterschaft zieht der DHB Konsequenzen. Bundestrainer Christian Prokop muss seinen Stuhl räumen. Sein Nachfolger steht bereits fest.

Trainerbeben im deutschen Handball.

Elf Tage nach dem Ende der EM hat der DHB am Donnerstag die Trennung von Bundestrainer Christian Prokop verkündet und den früheren Kieler Meistertrainer Alfred Gislason als Nachfolger vorgestellt.

Trotz aller Treuebekenntnisse während der EM, bei der die deutsche Mannschaft das Ziel Halbfinale verfehlte und mit Platz fünf abschloss, muss Prokop knapp drei Jahre nach seinem Amtsantritt im März 2017 seinen Platz für Gislason räumen.

Anzeige

Gensheimer von Prokop-Aus "geschockt"

"Eine richtige Entscheidung", sagte der frühere Welthandballer Daniel Stephan dem SID, allerdings "kommt das für mich ziemlich überraschend, zumal der DHB sich ja mit der Kritik während der EM gar nicht richtig auseinandergesetzt hatte". Die Verpflichtung von Alfred Gislason nannte Stephan "ein Glück für den deutschen Handball". 

Uwe Gensheimer, Kapitän der Nationalmannschaft, war "geschockt", als DHB-Sportvorstand Axel Kromer ihn am Donnerstag telefonisch informierte. "Ich hatte niemals damit gerechnet, habe es aufgrund der Ergebnisse auch nicht für nötig gehalten. Wir hatten ein sehr gutes Verhältnis zu Christian und haben seine Arbeit sehr geschätzt", sagte Gensheimer bei Sky. 

Nationaltorhüter Andreas Wolff freut sich derweil auf die Zusammenarbeit mit Alfred Gislason. "Wir kriegen einen Trainer mit einer riesigen Erfahrung und einer großen Titelsammlung, der über Jahre in mehreren Mannschaften gezeigt hat, dass er zur Spitze der Trainergilde gehört", sagte Wolff dem SID. 

Meistgelesene Artikel

Weltmeister-Trainer Heiner Brand kann die "Entscheidung zum jetzigen Zeitpunkt überhaupt nicht nachvollziehen. Es war ja immer von außen eine gewisse Unruhe da, aber wenn man jetzt das Verhalten einiger Personen vom DHB sieht, da würde etwas mehr Ehrlichkeit diesen Leuten ganz gut tun", sagte Brand bei Sky: "Die Verantwortlichen müssen aufpassen, dass sie nicht zu Marionetten werden, wenn sie Entscheidungen treffen, müssen sie auch dazu stehen."

DHB will Impuls setzen

Der ehemalige Nationalspieler Christian Schwarzer war "sprachlos, vor allem die Art und Weise, wie da mit Menschen umgegangen wird, kann ich nur ganz schwer nachvollziehen", sagte Schwarzer dem SID: "Eigentlich sollte der gehen, dessen Projekt das war, der das damals initiiert hat, mit Ablösesumme und allen anderen Nebengeräuschen." 

Oliver Roggisch, Teammanager der Nationalmannschaft versteht, dass "einer wie Gislason, wenn er auf dem Markt ist, natürlich interessant ist. Ich glaube aber auch, dass Christian eine richtig gute EM gespielt hat mit Spielern, die hinter ihm stehen."

Andreas Michelmann, Präsident des Deutschen Handballbundes, kommentierte die Angelegenheit in einer Pressemitteilung des Verbandes. "Wir haben diese schwere Entscheidung nach reichlicher Abwägung und einer ganzheitlichen Analyse aus Verantwortung für den deutschen Handball getroffen", sagte Michelmann. Man sei "auch in der Analyse der Europameisterschaft davon überzeugt, dass wir unsere kurzfristigen Ziele nur mit einem neuen Impuls erreichen können". 

Gislason mit Vertrag bis 2022

Den soll nun also Alfred Gislason setzen, der 60-jährige Isländer gilt als einer der renommiertesten Trainer weltweit. Im Sommer 2019 hatte er nach elf erfolgreichen Jahren beim deutschen Rekordmeister THW Kiel seinen Platz für seinen früheren Meisterschüler Filip Jicha geräumt. Mit Kiel gewann Gislason zweimal die Champions League, sechsmal die deutsche Meisterschaft und sechsmal den DHB-Pokal. Zuvor trainierte er unter anderem den SC Magdeburg (1999 bis 2006) und den VfL Gummersbach (2006 bis 2008).

Gislason erhält einen Vertrag bis zur EM 2022 in Ungarn und der Slowakei, sein erster Arbeitstag wird der 9. März. Das erste Länderspiel steht am 13. März in Magdeburg gegen die Niederlande auf dem Programm. Erster Höhepunkt wird das Olympia-Qualifikationsturnier gegen Schweden, Slowenien und Algerien vom 17. bis zum 19. April in Berlin, das große Ziel ist Olympia in Tokio.

Prokop war während der EM nach der Niederlage im Hauptrundenspiel gegen Kroatien und der damit verpassten Halbfinal-Teilnahme unter Druck geraten. Er sei "nicht der Richtige, er hat zu wenig Erfahrung, die drei Bundesliga-Jahre in Leipzig sind nicht genug", hatte Daniel Stephan im Gespräch mit dem SID gesagt. Prokop habe "taktisch nichts Neues entwickelt, seit der WM 2019 sei Deutschland "keinen Schritt nach vorne gekommen, das ist alles sehr ernüchternd".

Nächste Artikel
previous article imagenext article image