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Filip Jicha wird beim THW Kiel ab der kommenden Saison Co-Trainer von Alfred Gislason
Filip Jicha wird beim THW Kiel ab der kommenden Saison Co-Trainer von Alfred Gislason © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago
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München - Der THW Kiel scheitert unter dramatischen Umständen in der Champions League - und droht diese zu verpassen. Ein Umbruch beim kriselnden Ex-Champion steht bevor.

Auch in Kiel gibt es Stallgeruch. In der Hafenstadt riecht es nach Zebra (nicht nach Fisch, wie man denken könnte). Das liegt an den Handballern des THW, die jahrzehntelang der Stolz der Stadt waren. In ihren schwarz-weißen Trikots eilten sie von Titel zu Titel. Doch die Ausnahmestellung des Klubs bröckelt – und das seit einigen Jahren.

Auf dem aktuellen Tiefpunkt kam der einstige deutsche Vorzeigeverein am Sonntag an, als die Mannschaft von Alfred Gislason das Final Four der Champions League verpasste. Am Saisonende könnte der nächste Folgen, sollten die Kieler die Qualifikation für die Königsklasse verpassen, was mit derzeit 17 Minuspunkten und Platz fünf nicht unwahrscheinlich ist. (Tabelle der Handball-Bundesliga)

So viele negative Zähler sammelte der deutsche Rekordmeister früher in sechs Spielzeiten, jetzt reicht eine. Selbst ein Underdog wie die HSG Wetzlar eroberte in dieser Saison den sonst uneinnehmbaren Stall der Kieler Zebras, die Ostseehalle.

Superstars Mangelware in Kiel

Der Niedergang des dreifachen Champions-League-Siegers (2007, 2010, 2012) und einstigen Serienmeisters (17 Titel zwischen 1994 und 2015) schreitet weiter voran. Doch wie konnte es so weit kommen?

Mit Spielern wie Thierry Omeyer, Henning Fritz, Nikola Karabatic und Co. gewann der THW Kiel 2007 das Triple
Mit Spielern wie Thierry Omeyer, Henning Fritz, Nikola Karabatic und Co. gewann der THW Kiel 2007 das Triple © Getty Images

Die Gründe sind vielseitig. Einer ist das erwachende Handballinteresse zahlreicher Mäzene in Frankreich, Polen und Mazedonien. Die schillerndsten Figuren in der selten schillernden Handballwelt spielten sonst beim FC Barcelona oder eben in Kiel, zwischendurch auch mal in Madrid.

Doch seit dem Einstieg der millionenschweren Gönner von Paris, Kielce oder Skopje heuern die besten Handballer eben nicht mehr an der Förde an. Im aktuellen Kader der Kieler würden ohne Bedenken nur drei Akteure das Attribut Weltklasse bekommen: Spielmacher Domagoj Duvnjak und die Torhüter Niklas Landin und Andreas Wolff. Vorbei die Zeiten als sich Spieler wie Lövgren, Karabatic und Jicha die Bälle zuspielten.

THW droht abgespeckter Etat

Wolff wechselt spätestens 2019 nach Kielce. Kiel-Manager Thorsten Storm ließ durchblicken, dass die Gehaltsvorstellung, die Wolffs Berater Sasa Bratic übermittelte, zu hoch war. Vielleicht geht der deutsche Nationaltorhüter auch schon im Sommer, denn sollten die Kieler wirklich die Champions League verpassen, drohen Einnahmen von 1,2 Millionen Euro auszubleiben.

"Man muss sich unter Umständen von dem einen oder anderen Spieler trennen", hatte Storm im Herbst vergangenen Jahres gesagt. "Wir brauchen die Champions League, um diesen Etat zu stemmen." 9,5 Millionen Euro sollen den Kielern zur Verfügung stehen.

Kritik gibt es auch an Trainer Gislason. Der Isländer führte seine Spieler zuletzt 2015 zur Meisterschaft, im Champions-League-Finale standen die Kieler das letzte Mal 2014. "Ich weiß nicht, warum die Leute nicht an sich glauben", rätselte Gislason zuletzt. Eine Antwort hatte er nicht. "Das kann meine Schuld sein. Ich muss mich fragen, was die Mannschaft so verunsichert", so der 58-Jährige, der seit 2008 im Verein ist.

Jicha soll Gislason ersetzen

Im kommenden Sommer bekommt er einen neuen Co-Trainer an die Seite gestellt, einen mit Stallgeruch. Filip Jicha soll ein Jahr an Gislasons Seite lernen und die Mannschaft dann übernehmen, wenn der Vertrag des Isländers ausläuft. "Die Vergangenheit war schön, aber dieses Kapitel ist abgeschlossen. Jetzt versuche ich, das Beste aus der Zukunft zu machen", sagte Jicha zur neuen Aufgabe. "Es liegt mir am Herzen, diesen Verein wieder nach vorne zu bringen. Und da sind wir alle gemeinsam in der Pflicht."

Schon seit Anfang des Jahres ist Viktor Szylagyi in Kiel, er kam vom Bergischen HC als Sportlicher Leiter. Er soll auch Manager Thorsten Storm entlasten, der sein beachtliches Netzwerk vermehrt bearbeiten soll, um mehr Geld zu akquirieren.

Denn die Bewohner von Kiel könnten bald ein neues Lieblingsteam in der Stadt haben. Die Fußballer von Holstein flirten stark mit dem Aufstieg in die Bundesliga. Zuschauer und Sponsoren könnten dann abwandern – und in Kiel würde es dann nach Störchen riechen. So der Spitzname für die Spieler von Holstein Kiel.

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