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München - Am Freitag trifft das DHB-Team im WM-Halbfinale auf Norwegen. Im Gespräch mit SPORT1 verrät Weltmeister Holger Glandorf, auf was es gegen die Norweger ankommt.

Am Freitag zählt's! Dann trifft das DHB-Team im WM-Halbfinale in Hamburg auf Norwegen. (Handball-WM: Deutschland - Norwegen am Freitag ab 20.30 Uhr im LIVETICKER)

Wie stehen die Chancen für Deutschland auf den WM-Titel? Einer der weiß, wie man solch ein großes Turnier erfolgreich gestalten kann, ist Holger Glandorf.

Der Weltmeister von 2007 spricht mit SPORT1 über die bisherigen Leistungen des DHB-Teams, Trainer Christian Prokop und gibt eine kleine Einschätzung zum Gegner aus Norwegen.   

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SPORT1: Herr Glandorf, Sie waren Teil des Wintermärchens 2007, jetzt steht Deutschland erneut bei der Heim-WM im Halbfinale. Was geht jetzt in der Mannschaft vor?

Holger Glandorf: Im Team herrscht durch den Erfolg automatisch eine riesige Stimmung. Da müssen sich vermutlich manche Jungs erstmal kneifen, damit sie realisieren, dass sie in einem WM-Halbfinale stehen - und das auch noch im eigenen Land! Es läuft ein bisschen ab wie im Film. Natürlich haben die Jungs etwas Reisestress, weil sie nach Hamburg müssen. Wir konnten damals glücklicherweise in der großartigen Halle in Köln bleiben. Aber das wird der Stimmung innerhalb des Teams keinen Abbruch tun. Die Mannschaft sollte die Atmosphäre jetzt aufsaugen, alles genießen und hoffentlich dann auch ins Finale einziehen. Dank der sozialen Medien sind die Jungs schon sehr gut informiert, was da gerade im Land los ist und dass die Leute nicht nur in der Halle mitfiebern. Das gab es bei uns damals ja noch nicht in dem Umfang. Man sieht ja, wie viele Klicks der Post hat (lacht), dann registriert man schon, dass man etwas mehr im Fokus steht. Viele der Jungs werden auch die Handball-WM 2007 verfolgt haben und wissen, was am Ende möglich ist und welche Euphorie außerhalb der Hallen entstehen kann.

SPORT1: Die Stimmung in der Halle ist gigantisch. Ist das im Vergleich zu 2007 nochmal eine neue Stufe?

Glandorf: Man kann beide Turniere nur schwer miteinander vergleichen. Immerhin liegt unser Titelgewinn schon zwölf Jahre zurück. Wir haben damals auch von der Fußball-WM profitiert, die im Jahr zuvor ganz neuen Maßstäbe gesetzt hatte. Die Fans stehen auf jeden Fall hinter der Mannschaft und die Jungs bekommen die Unterstützung, die sie brauchen.

Ausfall von Strobel gut kompensiert

SPORT1: Wer gefällt Ihnen im DHB-Team am besten?

Glandorf: Das ist schwer zu sagen, weil viele Jungs eine gute Rolle spielen. Unser großes Plus ist, dass wir eine sehr große Breite im Kader haben und einer für den anderen in die Bresche springt. Ich möchte da keinen Spieler hervorheben, weil jeder seinen starken Moment hatte. Man muss wirklich das ganze Team durch die Bank weg loben – sie machen einen super Job! Am Mittwoch gegen Spanien haben die Jungs gezeigt, dass sie auch den Ausfall von Martin Strobel ohne Probleme auffangen können. Da waren dann Paul Drux, Fabian Wiede und Tim Suton zur Stelle und haben Strobels Ausfall kompensiert. Das ist die Stärke der Mannschaft. Ich mache mir da keine Sorgen.

SPORT1: Bundestrainer Christian Prokop stand vor dem Turnier in der Kritik. Was hat er verändert, dass es jetzt so gut läuft?

Glandorf: Man hat das Gefühl, dass beide Seiten sich extrem aufeinander zu bewegt haben und die Kommunikation untereinander viel besser geworden ist. Das hebt natürlich auch die Stimmung im gesamten Team. Aktuell wird man zudem von einer Welle der Euphorie getragen, dabei löst sich das eine oder andere Problem von ganz alleine. Man hat das Gefühl, dass anfangs ein riesengroßes Missverständnis zwischen beiden Seiten herrschte, nun scheinen sich Mannschaft und Trainer im Laufe der Zeit und nach vielen Gesprächen aber gefunden zu haben.

Glandorf: Im Halbfinale ist alles offen

SPORT1: Im Halbfinale geht es jetzt gegen Norwegen. Wie sehen Sie die Chancen?

Glandorf: Da ist alles offen. Alle vier Teams können den WM-Titel gewinnen. Man darf jetzt auch nicht sagen, dass Norwegen der leichtere Gegner ist, die haben eine sehr, sehr gute Mannschaft und wollen logischerweise auch ins Finale. Es werden auf jeden Fall sehr enge Halbfinalspiele.

SPORT1: Norwegen galt als WM-Geheimfavorit. Sie kennen die halbe Mannschaft aus Flensburg. Auf wen muss Deutschland besonders aufpassen? 

Glandorf: Die Norweger sind ähnlich gestrickt wie wir. Sie kommen auch über das Team, waren zuletzt immer in den Halbfinals vertreten. Sie haben auch junge Spieler dabei, die aber schon sehr viel internationale Erfahrung vorweisen können. Da ist Sander Sagosen zu nennen. Auch Magnus Jondal spielt eine überragende WM. Weniger auffällig, aber super effektiv mit lediglich fünf Fehlwürfen im ganzen Turnier. Aber auch Magnus Rod spielt eine tolle WM. Ein hartes Stück Arbeit wird auf jeden Fall auf unseren Mittelblock zukommen, der Kreisläufer Bjarte Myrhol bearbeiten muss. Der hat eine Menge Erfahrung. Das wird eine sehr spannende Aufgabe. Norwegen spielt ebenfalls eine klassische 6:0-Deckung und versucht, durch schnelle Gegenstöße zum Torerfolg zu kommen. Das wird eine ganz enge Kiste, allerdings sehe ich aufgrund des Publikums kleine Vorteile bei uns. 

Steigerungsbedarf im Angriff

SPORT1: Auf welchen Positionen ist das DHB-Team besser, wo könnte es auf der anderen Seite Probleme geben?

Glandorf: Es wird ein Duell auf Augenhöhe. Wir haben bislang eine überragende Abwehrleistung gezeigt, die müssen die Norweger erst einmal knacken. Sicherlich haben wir noch Steigerungspotenzial im Angriff, obwohl es gegen die Spanier zuletzt wirklich super funktioniert hat. Ich hoffe aber trotzdem, dass wir da noch eine Schippe oben drauflegen können. Uns muss nicht angst und bange sein, zumal wir eben die Unterstützung der Fans im Rücken haben.

SPORT1: In einem möglichen Finale könnte Dänemark warten – Deutschland hätte erstmals kein Heimspiel. Ein Nachteil?

Glandorf: Natürlich spielt es sich einfacher, wenn man die Zuschauer hinter sich hat. Das macht dann nochmal ein bis zwei Prozentpunkte aus. Aber wir haben auch Spieler im Kader, die es ganz geil finden, wenn die Halle gegen sie ist. Bei Andi Wolff könnte ich mir vorstellen, dass ihn das noch mehr anspornt und zur absoluten Höchstleistung treibt. Aber in einem WM-Finale entscheidet auch immer die Tagesform und wer die letzten Kräfte mobilisieren kann.

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