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Herning - Die deutschen Handballer verspielen im Spiel um Platz drei eine klare Halbzeitführung und verpassen die Bronze-Medaille. Frankreich nutzt Fehlpässe eiskalt aus.

Christian Prokop hämmerte voller Wut auf seinen Trainerstuhl ein, bei einigen seiner Spieler liefen die Tränen.

Nach einem Gegentreffer von Superstar Nikola Karabatic in der Schlusssekunde standen die völlig frustrierten deutschen Handballer unter Schock und es reifte nach dem 25:26 (13:9)-Drama im kleinen Finale gegen Frankreich die bittere Erkenntnis: Blech statt Bronze, das Warten auf die erste WM-Medaille seit zwölf Jahren geht weiter.

Einige Sekunden zuvor avancierte Matthias Musche zum Pechvogel des Nachmittags. Bei weniger als zehn Sekunden Spielzeit stand auf der Anzeigentafel ein Unentschieden. Musche hatte beim Angriff der Deutschen den Ball, traf dann aber mit einem Pass auf den von mehreren Franzosen umringten Hendrik Pekeler eine fatale Fehlentscheidung. 

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Musche hatte "viele Optionen im Kopf"

Im Gegenzug erzielte Frankreichs Superstar Nikola Karabatic den entscheidenden Führungstreffer.

"Es gab ganz viele Optionen im Kopf. Letztendlich war Peke in dem Moment kurz frei. Dann war das für mich die aussichtsreiche Idee, aber so ist das Leben. So ist Handball, so ist Sport. Es ist sehr, sehr bitter", sagte der niedergeschlagene Musche nach der Partie.

Den entscheidenden Fehlpass geworfen zu haben, beschäftigte den 26-Jährigen sehr. "Im Handball ist es oft so, wenn du denkst, dein Teamkollege ist frei, ist er es vielleicht gar nicht. Verdammt bitter gelaufen."

Pleite für Prokop "brutal"

Ähnliche Worte wählte auch Bundestrainer Prokop. "Das ist brutal, das ist bitter", sagte er nach der zweiten großen Enttäuschung neben der schmerzhaften Halbfinal-Niederlage gegen Norwegen innerhalb von 48 Stunden.

Die Medaillen Zeremonie wollten die untröstlichen deutschen Spieler nicht mit ansehen. Auch der Trainerstab hatte die Arena in Herning schon längst verlassen, als die Franzosen ihr Edelmetall überreicht bekamen. 

"Anstatt mit einer Medaille um den Hals und einem Grinsen im Gesicht aus der Halle zu gehen, haben wir die letzten beiden Spiele des Turniers verloren", sagte Genheimer völlig niedergeschlagen.

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Wolff und Gensheimer enttäuscht

Besonders enttäuscht und wütend zeigte sich Torhüter Andreas Wolff. "Wir spielen wir in den Schlusssekunden einen Harakiri-Pass, anstatt das Ding runterzuspielen. Wir haben sehr gut gespielt, haben uns mit eigenen Dummheiten aber um die Medaille gebracht", so der Keeper im ZDF.

"Mir tun die Jungs leid. Das sind ehrliche Tränen", sagte DHB-Vizepräsident Bob Hanning. "Der Schmerz ist sehr groß", fügte Prokop an.

Daran änderten auch sieben Tore von Kapitän Uwe Gensheimer nichts. Die WM-Durststrecke geht weiter. Die letzte Medaille gab es beim goldenen Wintermärchen 2007. Dass man insgesamt "eine tolle WM" gespielt habe, wie Wolff feststellte, war ein schwacher Trost.

Ebenso das gemeinsame Abendessen im Restaurant Bone's bei Steaks und Burgern.

Zur Halbzeit war noch alles gut

Zur Halbzeit sah es bei einer Vier-Tore-Führung noch alles nach einem Happy End der emotionalen Achterbahnfahrt der vergangenen Wochen aus. "Wir waren in der ersten Halbzeit viel besser als die vier Tore Vorsprung. Unsere Abwehr stand bombig", sagte Gensheimer.

Doch im zweiten Durchgang offenbarten sich nach der Roten Karte gegen Abwehrchef Patrick Wiencek (38./dritte Zeitstrafe) auch hinten Lücken. "Das Ende war verrückt. Sowas tut halt weh", sagte Gensheimer, stellte aber fest: "Wir haben trotzdem ein großes Turnier gespielt."

Im zehnten Spiel innerhalb von 18 Tagen zeigten beide Teams eine Energieleistung. Das Abwehr-Bollwerk um Wiencek fand zunächst zurück zu alter Stärke, Wolff war im Gegensatz zum Halbfinale gegen Norwegen (25:31) wieder ein starker Rückhalt. Bis zur Halbzeit verzeichnete der Kieler sieben Paraden. Im Positionsangriff hatte die DHB-Auswahl bei ihrem ersten Spiel außerhalb Deutschlands aber erneut Probleme.

Dramatische Schlussphase

"Wir decken hervorragend. Vorne schmeißen wir ein paar Bälle zu viel weg", sagte Teammanager Oliver Roggisch vor den zweiten 30 Minuten. Daran änderte sich zu Beginn der zweiten Hälfte nichts. Beim 14:15 (38.) lag das DHB-Team nach langer Zeit gegen die Franzosen, die im Halbfinale gegen Dänemark völlig chancenlos waren (30:38), wieder einmal zurück.

"Wir müssen jetzt bei uns bleiben. Wir kämpfen, derzeit schenken wir es ihnen", sagte Prokop beim Stand von 16:18 in einer Auszeit (44.) - zunächst mit Erfolg. Gensheimer glich zum 22:22 aus (54.). Es folgte eine dramatische Schlussphase - mit dem besseren Ende für den Rekordweltmeister.

Die Teilnahme an einem Qualifikationsturnier für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio hatte das deutsche Team bereits vor dem kleinen Finale sicher - ein schwacher Trost nach dem bitteren Ende einer fantastischen Heim-WM.

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