vergrößernverkleinern
© SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images
Lesedauer: 4 Minuten
teilenE-MailKommentare

Immer mehr Details über den offenbar gängigen Missbrauch im britischen Jugendfußball treten ans Licht. SPORT1-Kolumnist Raphael Honigstein erklärt die Hintergründe.

Die Horrornachrichten aus der dunkelsten, widerlichsten Ecke des "Beautiful Game" reißen nicht ab.

Seit Andy Woodward, 43, dem Guardian vor drei Wochen als erstes Opfer auf der Insel die schreckliche Geschichte seines sexuellen Missbrauchs durch den ehemaligen Jugendtrainer von Crew Alexandra, Barry Bennell, erzählte, sind bei der britischen Kinderschutzbehörde hunderte Anrufe von Betroffenen eingegangen. 639 Hinweise wurden vom Kinderschutzbund bereits an die Polizei weitergegeben.

Die Football Association (FA) musste ihre Untersuchungskommission ausweiten, da das Ausmaß des Skandals die schlimmsten Erwartungen übersteigt. Inzwischen gibt es 83 Verdächtige, 98 Fußballvereine sind bisher betroffen. Seit Montag wird auch im Norden des Königreichs, in Schottland und Nordirland ermittelt.

Anzeige

Je mehr Männer öffentlich über ihre furchtbaren Erfahrungen als Minderjährige berichten, desto mehr Opfer fassen den Mut, ebenfalls über die Geschehnisse zu sprechen.

Die Dynamik der Enthüllungen erinnert an den Skandal um BBC-Entertainer Jimmy Savile, der sich Jahrzehnte lang mehr oder minder ungestört an Kindern vergehen konnte und erst nach seinem Tod vor fünf Jahren von dutzenden Geschädigten als Pädophiler entlarvt wurde. Gerüchte und Hinweise hatte es diesbezüglich lange zuvor gegeben, aber niemanden, der ernsthaft ermittelte. Savile stand als Popstar quasi über dem Gesetz. Die Minderjährigen wurden mit ihren seelischen Qualen alleine gelassen. 

Am Dienstagabend berichtete der erste wirklich prominente Fußballer über seine Erfahrungen mit dem ehemaligen Southampton-Jugendtrainer Bob Higgins, der in der Branche einen sehr zweifelhaften Ruf genoss, aber dennoch bis vor kurzem für den Siebtligisten Fleet Town FC arbeitete.

"Man war nackt, wurde auf ein Bett geworfen und von ihm massiert", sagte Ex-Nationalspieler Matt Le Tissier, "das war ziemlich ekelhaft. Damals aber dachte man, das sei so normal."

Der letzte Satz ist entscheidend. Überall dort, wo Kinderschänder ihr Unheil trieben, wurde den Nachwuchsspielern eingebläut, dass diese Übergriffe "normal" und irgendwie lustig seien, Teil der Kabinenkultur. Dazu nutzten die Trainer ihre Machtposition brutal aus. Wer sich nicht anfassen ließ und seinen Mund hielt, kam nicht in die Mannschaft.

Der Traum von Ruhm und Reichtum war wohl auch bei vielen Eltern so ausgeprägt, dass sie über die kriminellen Machenschaften hinweg sahen. 1974 erzählte beispielsweise ein Junge (Gary Johnson) zu Hause, dass Chelsea-Jugendcoach Eddie Heath ihn des Öfteren an den Genitalien anfasste.

Daraufhin sei der damalige Chelsea-Assistenztrainer Dario Gradi zu seinen Eltern gefahren, so Johnson, und habe ihnen gut zugeredet. "Heath pflege eben sein sehr enges Verhältnis zu seinen Jungs, Fußball sei das Wichtigste für ihn", habe Gradi abgewiegelt, so Johnson. Heath blieb daraufhin noch fünf Jahre im Amt und missbrauchte weitere Kinder.

Die Premier League bei SPORT1: Alle Spiele und alle Tore der besten Liga der Welt bei SPORT1.de, in der SPORT1-App und am Montag ab 23.30 Uhr im Free-TV auf SPORT1

Gradi, 75, ist heute Sportdirektor bei Crewe Alexandra. Und Chelsea zahlte Johnson vor einem Jahr 70.000 Euro Entschädigung - mit der Bedingung, nicht über die Affäre zu reden. Die Blues haben ihre Vorgehensweise mittlerweile öffentlich bereut.

Wer wann wusste, was genau wer mit wem machte, muss die Untersuchungskommission aufklären - mehrere Polizeibehörden haben sich der Sache angenommen. Am dringendsten ist die Frage zu klären, ob einschlägig bekannte Männer aktuell noch mit Kindern arbeiten.

Rechtsanwalt Ed Smethurst, der für ein neu eingerichtetes Hilfsnetzwerk (The Offside Trust) arbeitet, sagte am Dienstag, dass einige der Beschuldigten weiterhin in "höheren Kreisen" tätig seien. Die Aufklärung steht erst am Anfang.

War beziehungsweise ist dies alles nur ein britisches Problem? Man mag es hoffen. Daran zu glauben fällt schwer.

Raphael Honigstein, geboren 1973 in München, zog 1993 nach London. Dort lebt und arbeitet er als Journalist und Autor. Für SPORT1 berichtet er ab sofort in der wöchentlichen Rubrik "London Calling" über alle Themen rund um den englischen Fußball. Honigstein arbeitet unter anderem für die "Süddeutsche Zeitung", das Fußballmagazin "11 Freunde", die englische Tageszeitung "The Guardian", den Sportsender "ESPN" und ist in England und Deutschland als TV-Experte tätig.

Nächste Artikel
previous article imagenext article image